Von Sandra Kegel
11. Mai 2007 Wer Kandersteg sagt, meint meist den Bahnhof am Ende des Orts, errichtet schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und bis heute eine Verladestelle für Hunderte Autos jeden Tag, vielleicht sogar Tausende, die mit der Bahn durch den Lötschbergtunnel vom Berner Oberland ins Wallis fahren - oder umgekehrt.
Den kleinen Ort an der Kander lassen die Touristenströme auf ihrer Weiterreise in den Süden buchstäblich links liegen - und übersehen dabei, dass sich hier, auf zwölfhundert Meter Höhe, etwas finden lässt, was viele Skiorte längst verloren haben: die pittoreske Atmosphäre eines kleinen Bergdorfs, das sich, überragt von der eisigen Schönheit des 3657 Meter hohen Blüemlisalphorns, mit seinen verwitterten Chalets über die Jahrzehnte kaum verändert hat. Keine Betonburgen und Hotelkästen stören das Bild, die alten Bauernhäuser, die bis auf das Jahr 1555 datieren, wurden behutsam restauriert, und der Bahnhof liegt so weit außerhalb, dass man ihn im Dorf gar nicht wahrnimmt.
Fassade aus geschnitztem Holz
Das älteste Hotel Kanderstegs - und architektonisch das interessanteste - ist das Victoria Ritter. Im Zentrum des Orts gelegen, wurde es 1789 als Säumertaverne errichtet, als Raststation gleichermaßen für Menschen und Pferde. Während der Lötschenpass heute nur mehr eine sportliche Herausforderung für Bergwanderer darstellt, spielte er in der Vortunnelzeit bis zurück zu den Römern eine wichtige Rolle im alpenländischen Nordsüdverkehr. Um die Handlungsreisenden vor dem großen Aufstieg noch einmal rasten zu lassen, hatten Ende des achtzehnten Jahrhunderts Berner Kaufleute bei der Regierung durchgesetzt, in Kandersteg eine Herberge zu errichten. Weil aber die Städter den Dörflern nichts zutrauten, ließen sie das Hotel von Berner Handwerkern bauen. So kommt es, dass sich das Victoria Ritter von den anderen historischen Häusern Kanderstegs erheblich unterscheidet: Seine Fassade aus geschnitztem Holz ist untypisch für diese Gegend, sondern stilistisch im Emmental bei Bern zu verorten.
Im besonders historischen Ritter- Teil sind heute die wenigsten Gäste untergebracht. Gerade noch fünf anheimelnd eingerichtete Zimmer erinnern an die Zeit des frühen Lastenverkehrs, als geduckte Behaglichkeit ein Gefühl von Schutz vermittelte. Alle anderen Gäste wohnen im längst auch historischen Neubau Victoria, der mit hohen Hallen und langen Korridoren der großen Welt im kleinen Ort Gelegenheit gab, sich zu präsentieren. Denn von Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an nahmen in Kandersteg nicht länger nur jene Quartier, die unterwegs waren über den Pass. Jetzt waren die Berge selbst zum Ziel geworden, vor allem für Engländer. Nicht zuletzt ihretwegen entstand zwischen 1900 und 1912 der fünfstöckige Bau, der mächtig wie ein Bergstock über das alte Häuschen ragt; und allein ihretwegen wählte der Besitzer den Namen Victoria
Majestätische Pracht im Speisesaal
Es war damals wohl ein Grand Hotel, wenn auch der kleineren Art, das mit Türmchen, Giebeln, Erkern und Gauben stilistisch den Anspruch eines Schlosses erhob und das mit seiner riesigen Halle, den gewaltigen Lüstern im Speisesaal und den vielen Spiegeln an den Wänden bis heute ein Moment majestätischer Pracht entfaltet. Zugleich aber ist es ein Ort, der keinesfalls schrecken will, sondern mit tiefen Sesseln und breiten Sofas, zu mehr als einem halben Dutzend Sitzgruppen arrangiert, jene Begegnungen und Gespräche fördert, die das Hotelierpaar Muriel und Casimir Platzer regelrecht fordert - kein zufälliges Treffen, ob im Flur oder auf der Terrasse, das nicht augenblicklich in eine kurzweilige Plauderei münden würde.
Als solches versteht sich das Victoria Ritter gleich im doppelten Sinn. Freiwillig gab man einen von vier Sternen her, um mit Zweckmäßigkeit statt Luxus den Bedürfnissen von Eltern und Kindern zu entsprechen. Zwei Spielzimmer neben dem Schwimmbad, Videokonsolen neben der Bibliothek, ein Spielplatz oberhalb der Café-Terrasse und nicht zuletzt die bezaubernde Betreuung der Kleinen machen deutlich, wer hier die wichtigen Gäste sind. Bei gleich drei Eisenbahnanlagen in den Spielzeugtruhen des Hotels ist freilich nicht ausgeschlossen, dass auch sie bei Kandersteg künftig zuerst an Bahnhof denken.
Hotel Victoria Ritter
Das Standarddoppelzimmer kostet ab 111 Euro, ein Familienappartement ab 150 Euro, Halbpensionzuschlag 23 Euro pro Person. Das Haus ist Mitglied bei den Schweizer KidsHotels.
Hotel Victoria Ritter, CH-3718 Kandersteg.
Tel.: 0041 / 33 / 6 75 80 00
E-Mail: info@hotel-victoria.ch
Internet: www.hotel-victoria.ch.
Text: F.A.Z., 10.05.2007, Nr. 108 / Seite R4
Bildmaterial: Sandra Kegel
