Von Mirco Lomoth
11. Mai 2008 Die alte Dame sitzt auf der grünen Holzbank neben der Strandhalle, wo man um diese Uhrzeit Marzipantorte und Kännchenkaffee bestellt. Auf der Holzbank, die so schön windgeschützt hinter dem Backsteinkiosk steht, dass man früh losgehen muss, will man noch einen Sitzplatz ergattern. Eine Hand am Gehstock, die Schlepper im Blick. Und die Fähre, die hinter der Geestemündung die Weser nach Blexen quert und die sie schon oft genommen hat, um in der Sonne in Niedersachsen ein Erdbeereis mit Sahne zu essen. Ein paar Kilometer weiter nördlich ist sie aufgewachsen, in Imsum, damals ein Dorf im Kaiserreich. Heute, fünf Deutschland später, legen ganz in der Nähe Schiffe wie die Emma Mærsk an, in deren Zigtausenden Containern die halbe Welt unterkommt. Und hier am Deich, auf der anderen Seite des Backsteinkiosks, wird plötzlich gebaut. Wissen Sie, das passt hier alles nicht so her, sagt sie und wippt mit den Fußspitzen. Da haben wir ja gar nicht das Hinterland für.
Man lässt den Blick jetzt nicht mehr nur über die Weser schweifen, die sich hier langsam zum Meer weitet, sondern schaut oft nach oben. Man schaut mit erhobenen Augenbrauen, gerunzelter Stirn, den Augen eines Kindes. Guck mal, wie hoch! Man zeigt mit dem Finger, diskutiert, was man aus der Zeitung erfahren hat, was man schlecht findet und was gut, und dreht sich im Weggehen noch einmal ungläubig um. Wir Bremerhavener sind immer erst mal skeptisch, sagt die alte Dame. Genauso war es mit dem Columbus Center gewesen, das der Stadt in den siebziger Jahren eine weltläufige Skyline aufgezwungen hatte. Oder als die Amerikaner kamen, nach dem Krieg. Damals haben auch alle geschimpft, und als sie dann abzogen, waren die Leute untröstlich.
Aufgeblasenes Segel oder anmaßende Kopie
78 Meter weiter oben, auf der Kommandobrücke des neuen Atlantic Hotel Sail City, pfeift der Wind durch die Metallstreben. Beugt man sich über die Reling und schaut nach unten, dann sieht man, wie hoch hinaus Bremerhaven in diesen Tagen will. Am Alten Hafen, wo die Stadt 1827 gegründet wurde, stehen die Baukräne. Ein neues touristisches Zentrum entsteht, im Dreieck zwischen Deutschem Schifffahrtsmuseum, Zoo am Meer und Deutschem Auswandererhaus. Mitten drin das Viersternehotel, mit seinen 120 Zimmern und neun Büroetagen, das an das rund 200 Meter höhere Burj al Arab in Dubai City erinnert. Ein aufgeblasenes Segel, sagt der Architekt. Andere halten es für eine anmaßende Kopie. Jedenfalls ist es das höchste Gebäude weit und breit, zumindest wenn man den Mast mitzählt, dann ist es 147 Meter hoch.
Schaut man auf flussabgewandter Seite hinunter, liegt dort das Stahlgerippe des Klimahauses 8º Ost, das im März nächsten Jahres eröffnen wird. Dem achten Längengrad folgend, werden Besucher hier um die Welt wandern, durch die Hitze der Sahelzone, die eisigen Winde der Antarktis oder die feuchtwarme Südsee. Und danach auf einen Espresso am Mittelmeer vorbeischauen, gleich nebenan, unter der Glaskuppel des neuen Einkaufszentrums Mediterraneo. So stellt es sich zumindest der private Investor vor, der hier auf 9000 Quadratmetern eine Konsumhalle mit Erlebniszwang baut. Petersdom und Zypressen an der Waterkant, hübsch. Ob man in Livorno auch auf die Idee käme, sich die Nordsee ins Stadtzentrum zu verpflanzen, oder ist man sich da selbst genug?
Eine Light-Version in Bremerhaven
Über dem Besprechungstisch von Henning Goes hängt das Motiv des verlorenen Schiffes auf sturmgepeitschter See, Öl auf Leinwand. Es ist nicht immer einfach gewesen mit Bremerhaven. Eine Stadt im Umbruch muss Visionen haben, verkündet er. Im Flur vor seinem Büro in den Räumen der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung: eine Galerie des Marketing, Werbesprüche für eine bessere Zukunft - Am Eingang zur Nordsee, Die neue Welt am Meer, Die maritime Erlebniswelt. Zuletzt hat man sich geeinigt auf Meer erleben und dem Areal am Alten Hafen den Kunstnamen Havenwelten gegeben. Authentisch ist eines der Wörter, die Goes oft wiederholt. Bremerhaven müsse sich seinen Besuchern authentisch präsentieren, maritim eben. Die Leute wollen Küste, und wir geben ihnen Küste, sagt er. Als Goes vor 33 Jahren das Büro der Bremerhaven Werbung übernahm, gab es kaum Tourismus, die alten Tiergrotten von 1913 standen noch, die ersten Museumsschiffe waren gerade vertäut worden, und wenig später eröffnete das Deutsche Schifffahrtsmuseum. Seit jenen Tagen hat Goes den Tourismus in Bremerhaven wachsen sehen: in den achtziger Jahren das erste Windjammer-Treffen, die Sail, in den neunziger Jahren Eröffnung des Schaufensters am Fischereihafen, eine maritime Meile mit Fisch-Gastronomie, 2004 Neueröffnung der Tiergrotten als Zoo am Meer, 2005 Start des Deutschen Auswandererhauses, das seither mehr als eine halbe Million Besucher angezogen hat.
Und jetzt die Havenwelten. Vor allem vom Klimahaus 8º Ost, das in Kooperation mit den Wissenschaftlern vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung entsteht, verspricht man sich viel - 600.000 Besucher werden im ersten Jahr erwartet. Die Hotelwirtschaft hat bereits reagiert - 500 neue Betten entstehen bis zum nächsten Jahr. Hoffentlich werden sie kommen, die Touristen. Eine Pleite wie in der Schwesterstadt Bremen kann man sich nicht leisten. Dort musste der mehr als 500 Millionen Euro teure Space Park nach wenigen Monaten wieder schließen, weil nicht genügend Besucher kamen. Es war der gleiche Investor, der hier in Bremerhaven einen gigantischen Ocean Park bauen wollte, das Projekt war aber in letzter Minute begraben worden. Jetzt hat man die Light-Version Havenwelten.
Die Stadt sieht nach Zukunft aus
Für Bremerhaven ist es eine Flucht nach vorn. Nach dem Niedergang der Hochseefischerei, den Werftenschließungen in den achtziger Jahren und dem Abzug der rund 4000 US-Soldaten ist eine entkräftete und schrumpfende Stadt zurückgeblieben, auf der Suche nach sich selbst. Und nach Arbeit: Mittlerweile ist die Arbeitslosigkeit auf etwa 18 Prozent zurückgegangen. Bestehen bleibt die Kinderarmut - vier von zehn Kindern wachsen in Bremerhaven in armen Familien auf, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. In seinem Büro in Lehe spricht Oberbürgermeister Jörg Schulz lieber von Aufschwung als von Kinderarmut. Man hat sich in Bremerhaven lange genug an Negativrekorden messen lassen. Schließlich tut sich endlich etwas. Die Hafenwirtschaft wächst, noch in diesem Jahr soll das neue Container-Terminal IV in Betrieb genommen werden, in der Offshore-Windtechnik entstehen tausend Arbeitsplätze, und in den Havenwelten rechnet man mit 450 neuen Stellen.
Die Bremerhavener blinzeln zum neuen Hotel hinauf. Jetzt, wo der Himmel blau ist, sieht die Stadt plötzlich nach Zukunft aus. Dubai hin oder her, man ahnt, dass hier etwas entsteht, worauf man - ganz vielleicht - einmal stolz sein könnte. Unten am Holzsteg vorm Hotelturm stützt sich ein alter Mann auf der hellgrünen Spundwand ab, die Bremerhavens Zukunftsträume vor der nächsten Sturmflut schützen soll. Das ist doch alles eine Nummer zu groß für uns, sagt er, legt den Kopf in den Nacken und greift noch einmal nach, um einen festeren Halt zu haben. Das Gebäude selbst ist ja ganz schön, aber der Mast oben drauf, warum mussten sie den unbedingt so hoch bauen?
Übernachten: Das neue Atlantic Hotel Sail City (Altlantic Hotel Sail City, Telefon 04 71/30 99 00) ist seit 1. März geöffnet, alle 120 Viersternezimmer bieten einen Blick auf die Weser. Einzelzimmer ab 100 Euro, Doppelzimmer ab 130 Euro.
Veranstaltungen: Zur Sail 2008, der kleinen Ausgabe des traditionellen Festivals der Windjammer, kommen dieses Jahr fast 200 Schiffe aus zwanzig Ländern nach Bremerhaven - vom 27. bis 31. August. Ein Halbtagestörn auf dem Großsegler Mercedes kostet 65 Euro (mehr bei Lütte Sail Bremerhaven 2008).
Weitere Informationen über Bremerhaven bei der Tourist-Info Hafeninsel unter Telefon 04 71/94 64 61 20 oder im Internet bei Bremerhaven Tourismus.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: obs