Von Jürgen Roth
23. September 2005 Das habe es seit dreißig Jahren nicht mehr gegeben: daß es am Eröffnungstag des Oktoberfestes, also am dritten Samstag im September, regne. Sagt der Wirt des ältesten der vierzehn großen Traditionsfestzelte, des Schottenhamel, und spricht damit allen aus der gekränkten Seele.
Auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, der einen neuen Rekord aufstellt und um Punkt zwölf Uhr nur zweimal mit dem Schlegel aus Weißbuche gegen den sogenannten Wechsel, den Messingzapfhahn, am heiligen Faß der Fässer schlagen muß, um anschließend O'zapft is'! ins Mikrophon des Bayerischen Rundfunks brüllen zu können, fordert den Wettergott zur Besinnung auf. Eine friedliche Wiesn wünsche er sich - und einen weißblauen Himmel, wie es sich für das größte Volksfest der Welt gehöre. Sappradi!
Wind und Regen
Nur einmal, soweit die Erinnerung zurückreicht, war es in der jüngeren Geschichte der 1810 durch die Heirat von Ludwig I. mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen begründeten Lustbarkeiten noch schlimmer gekommen. 1974 fegten orkanartige Stürme über die Theresienwiese mit ihren Fahrgeschäften, Würstlbuden, Hendl- und Entenbratereien, Steckerlfischständen und Bierzelten, die an die hunderttausend Menschen fassen. Dann fiel Schnee, und es zog der nächste Sturm auf. So geht wenigstens die Rede angesichts der heutigen Wetterlage im Großraum München: acht Grad, Regen, Wind. Und das, obwohl das Oktoberfest einst in den September vorverlegt worden war, um den Mißlichkeiten des Herbstes zu entfliehen.
Im Jahr 1950 begründete der von 1948 bis 1960 amtierende Oberbürgermeister Thomas Wimmer die Zeremonie des Anstichs, und zwar aus Zufall. Weil der Wimmer Damerl die Kutsche verpaßt hatte, die für ihn beim Einzug der Wirtsbarone unter der Anführung des Münchner Kindls reserviert worden war, forderte ihn Festwirt Michael Schottenhamel auf, als Ausgleich für den unverzeihlichen Fehltritt halt in seinem Reich das erste Faß anzuzapfen. Damit besaß die an Bräuchen nicht arme Wiesn eine neue Usance, die heute von Alaska bis Tokio bekannt ist und bereits 1958 zur Grundlage einer politischen Anfechtung geriet, als die Münchner Abendzeitung titelte: München braucht einen Bürgermeister - keinen Bier-Anzapfer.
Nach bierpolitischen Fragen steht der Sinn nicht
Seit acht Uhr in der Früh sind sämtliche Zelteingänge von Horden meist jugendlicher Biertouristen belagert. Acht Minuten nachdem der Schottenhamel die Pforten geöffnet hat, ist der Laden rammelvoll. Die meisten Biergierigen sind's nicht minder. Sie haben mit Flaschenbier vorgeglüht. Nach bierpolitischen Fragen steht ihnen keineswegs der Sinn.
Ob das Zweihundert-Liter-Holzfaß, das nur noch bei der Augustiner-Brauerei Verwendung findet, möglicherweise wieder auf dem Vormarsch sei - eine solche Erwägung ist ihnen genauso Wurst wie die Tatsache, daß lediglich zwei der sechs für die Wiesn zugelassenen Brauereien unabhängige Münchner Betriebe sind - Hofbräu und eben Augustiner. Über die Qualität solcher indifferent vergorenen Produkte wie Spaten, Löwenbräu und Hacker-Pschorr müssen sie ja auch nicht streiten. Ihr Trachten ist es, sie bei einem Literpreis um die sieben Euro ins Körperinnere zu verfrachten. Dafür gibt's die Wiesn.
Nur a Bier will i ham, sonst hau' i alles zamm
Eine Stunde nach Udes Auftakt nach Maß ist kein Vordringen mehr. Die Warteschlangen vor jedem Zelt reichen bis auf die Wirtsbudenstraße. Der Wille zum Bier, er ist unergründlich und ungebrochen. Der Regen fällt in Strömen. Am Bräurosl-Zelt, vis-a-vis vom Schottenhamel, gewährt uns eine zuvorkommende Sicherheitskraft dennoch über einen Nebeneingang Zutritt. Doch sich in die Nähe eines Tisches durchzuschlagen wäre kaum leichter zu bewerkstelligen als die Besteigung des Mount Everest. Das liegt nicht ausschließlich an der exzessiven Praxis von Firmen und Vereinen, Tische und Boxen für ein Heidengeld zu reservieren. Die unstillbare Gier, hier zu sein, treibt die Jugend der Welt an die Tränken der Brauereikonzerne.
Der Überfüllung der Theresienwiese entkommt nicht einmal, wer sich mit Regenschirm und -jacke auf eine Bank in den sogenannten Biergärten vor den Zelten kauert. Erneut öffnet der Himmel seine Schleusen. Man wähnt sich in einen Zustand versetzt, den Ror Wolfs Gedicht Wetterverhältnisse auf immerwährend gültige Weise zum Ausdruck bringt: es schneit, dann fällt der regen nieder, / dann schneit es, regnet es und schneit, / dann regnet es die ganze zeit, / es regnet, und dann schneit es wieder. Vor dem Schottenhamel erspähen wir ein paar freie Holzbänke, sogar unter einem mächtigen Heizstrahler! Dort, auf dem Platz unter der künstlichen Sonne, lassen wir uns auf ein würziges, bei der geforderten Stammwürze von mindestens dreizehneinhalb Prozent erstaunlich süffiges Spaten-Oktoberfestbier ein. Mittlerweile gäben wir allerdings, Spaten-Quatsch (Gerhard Polt) hin oder her, August Junker, dem berühmten Münchner Volkssänger aus den zehner Jahren des letzten Jahrhunderts, unumwunden recht: Nur a Bier will i ham, sonst hau' i alles zamm.
Bier, das ist die Hölle
Im näheren Umfeld feiern verschiedene stramm wetterresistente Mannschaften die Ankunft der nächsten Fuhre Maßkrüge. Sie haben sich Müllsäcke übergezogen oder alberne Filzspitzhüte aufgesetzt und schreien sich ins Delirium. Bier, das ist die Hölle. Dann regnet es wieder etwas stärker, und plötzlich läßt sich ein einheimischer Rentner neben uns nieder, als habe der Fremdenverkehrsverband das so verfügt. Du mußt heut' kämpfen, daß du a Bier kriegst, klagt er leise. Und, freilich, fährt er fort, die Wiesn sei nicht mehr das, was sie mal war, und sie sei aber auch immer noch das, was sie immer gewesen sei.
Noch Anfang der siebziger Jahre blickte Benedikt Hirschbold in seinem Buch Unsere Weltstadt München sehnsuchtsergriffen auf das Volksfest mit einer landwirtschaftlichen Schau, mit Preisschießen und Pferderennen zurück, wobei der Landesvater die tüchtigsten Bauern und die besten Schützen ehrte. Wenn auch der Aspekt des agrarischen Leistungsvergleichs in den Hintergrund getreten ist, sind traditionelle Elemente doch erhalten geblieben. Der Schichtl, ein Variete, in dem trickreich das Köpfen von Menschen vorgespiegelt wird, existiert nach wie vor genauso wie der Flohzirkus, der heuer laut Zeitungsberichten jedoch darunter leiden soll, daß kurz vor der Wiesn-Eröffnung sämtliche Protagonisten von einer rätselhaften Flohkrankheit dahingerafft worden seien.
Ich werde kotzen
Nix hat sich geändert, des is' ois immer gleich, gibt unser Banknachbar zu verstehen und schränkt sein Urteil auf der Stelle ein. Mit der Musik, mit der gehe es rasant bergab. Früher hätten vierzig Mann starke Kapellen aufgespielt, heute verstehe man dort herinnen in den Zelten ja sein eigenes Wort nicht mehr. Seit es diese Stromverstärkung der Instrumente gebe, habe das keinen Wert mehr, betont er und beteuert, es sei gerade das Interessante, beim Regen heraußen zu sitzen. Da bleiben die hock'n, die wo's wert sann und die wo die Leit' zum Reden bringa. Unterhaltungen finden außerhalb der Zelte in den geräumigen Pissoirs statt. Was rein muß, muß raus, ist an der Diskursrinne zu hören.
Das äußerst bündige Statement stößt allenthalben auf Zustimmung. Schiebt man sich an den mit grünen T-Shirts, auf denen zu lesen ist: Ich werde kotzen, oder mit kanadischen Landesflaggen bewehrten, durch die kalte Waschküche überzeugend übermütig schwankenden Bierverkostern vorbei und zurück zum Biergarten, geht einem endlich auf, weshalb in diesem Jahr erstmals angeordnet wurde, daß die Zeltmusik vor achtzehn Uhr einen Wert von fünfundachtzig Dezibel nicht überschreiten darf - damit, so steht zu vermuten, der infernalischen kakophonischen Massenartikulation keine Konkurrenz erwächst.
Die Ränder der Wahrnehmung verschwimmen
Reißen die jetzt das Zelt ab? fragt der Kollege und gebürtige Münchner Michael Sailer, der mit Zerberusaugen über den zwischenzeitlich verwaisten Platz gewacht hat, angesichts des monumentalen Gelärms. Verglichen mit den Verhältnissen innerhalb des Hades, beginnt sich die Szenerie vor dem Schottenhamel indes mählich beinahe in eine Art bukolische Bieridyllik zu verwandeln. Das mag der Wirkung des Wiesn-Bieres geschuldet sein. Die Ränder der Wahrnehmung verschwimmen, die scharfe Analyse eines bei Licht besehen närrischen, durch nichts als die Sucht nach rabiater Exaltation zu begründenden Treibens weicht einer Milde, ja einer inwendigen Tranquilität (Gerhard Polt), die dem Ideal des entspannten und geschmeidigen, von keinerlei Event-Imperativen strangulierten Biertrinkens schon sehr nahe kommt.
In diesem Stadium, nach vier, fünf Stunden des Ausharrens und der Duldsamkeit gegenüber diversen lotgerade auf Krawall geeichten Volks- und Sozialgruppen, erweist sich das Oktoberfest gewissermaßen als Kippfigur. Die Sinnwidrigkeiten einer geselligen Zusammenkunft, die allein durch ihre aberwitzigen Dimensionen zum Widerspruch in sich geraten muß, zerstäuben plötzlich im Fluidum der daseinsentlastenden Bierberauschung mit Contenance.
Am Rande des Orkans
Möglich, daß auch die Kälte das Ihrige dazu beiträgt - sie bremst das Tempo der Flüssigkeitsaufnahme so sehr ein, daß mit dem neu gereichten Krug nicht selten ein fader Rest der vorherigen Maß zurückgeht. Doch entscheidender dünkt jenem, der in seiner Nische am Rande des Orkans verweilt, der reine Fluß der Zeit, die Dehnung des lauten Tages in die trägere Dämmerung hinein, die Verwandlung der Aufgewühltheit in ein behaglich anmutendes Gefühl von Sitzbeharrlichkeit.
Zeit ist Zeit. / Ist Einheit für Gemütlichkeit, heißt es in einer philosophisch-poetischen Meditation von Gerhard Polt mit dem Titel Die Zeit. Zeit plus Zeit ist mehr Zeit, so ist es, und obwohl Polts Erkundung über ein Zentralphänomen der menschlichen Existenz in einem echten, von Kastanien überwölbten Biergarten mit Kiesboden verortet ist, scheint sie nun auch für den asphaltierten Biervorgarten des Schottenhamel-Festzeltes Gültigkeit zu erlangen.
Und plötzlich eine Offenbarung
Brot plus Zeit ist Brotzeit, dekretiert Gerhard Polt, Zeit mal Zeit ist Malzeit. Als handle er in geheimem Einverständnis mit dem bayerischen Hegel, bestellt unser Banknachbar ein kleines Essen, nicht vergessend, seinen heute unter widrigsten Umständen eroberten Platz beim freundlichen Kellner für morgen uma elf Uhr reservieren zu lassen und uns zu erklären: Ich geh' während der Wiesn nie in a Wirtschaft. Ich geh' zum Essen naus und zum Trinken.
Bei den von uns halb aus Solidarität, halb aus Neugier georderten, äolisch duftenden Schweinswürstln auf Sauerkraut glaubt man sich - mehr noch als im Biergarten - dann wirklich und wahrhaftig im Wirtshaus, an jener Stätte der bierbasisdemokratischen Speisung von Körper und Seele, die vor den klimatischen und sozial-mentalen Unbilden des Lebens Schutz zu bieten vermag.
Und dann regnet es wieder. Am schwarzblauen, schmutzig-tintig zerlaufenden Horizont segelt ein schlohweißer Riesenballon einher. Auf ihm prangt das Emblem des Roten Kreuzes. Hier aber, am Tisch, auf der Bank, erweist ein Reim von Eugen Roth seine gemütskräftigende Wahrheit: Bier, Brot und Wurst, des Münchners Nahrung, / wird plötzlich wieder Offenbarung. Derweil der Oktoberfest-Verkehrsfunk, erwähnt sei's demütig und hinterfotzig zugleich, meldet: Nach wie vor Stau vor allen Eingängen, Reservierungseingänge eingeschlossen.
Text: F.A.Z., 22.09.2005, Nr. 221 / Seite R10
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, F.A.Z. - Falk Orth, picture-alliance/ dpa/dpaweb