Von Tobias Becker
05. Mai 2008 Der Chef trägt kurze Jeans und Gummistiefel, Sieben-Tage-Bart und Goldkette, als er in einem alten Puch Haflinger vorfährt, einem kleinen, für den bärengroßen Chef optisch zu kleinen Geländewagen, der einmal fürs österreichische Militär gebaut wurde. Morgen früh wird er mit dem offenen Wagen den felsigen Hang auf und ab rasen, vorwärts wie rückwärts, knapp vorbei an knorzigen Gebirgsbäumen. Schäferhund Aris, sonst immer auf der Laderampe, wird abspringen. Sicher ist sicher.
Als ob der Chef, der begnadete Selbstdarsteller, es noch nötig hätte, zu zeigen, dass er schräg ist und verwegen, ein Naturbursche und Original. Mit seinem Puch Haflinger parkt er heute vor seinem Restaurant, geht hinein, wie er ist, in kurzen Jeans und Gummistiefeln, und ruft den Gästen Mahlzeit zu. Immer wieder laut Mahlzeit. Von Tisch zu Tisch geht er so, Aris stets hinter sich, und wenn einer pikiert auf den großen Hund schaut oder gar ängstlich, dann sagt er: Das ist doch nur der Postbote. Verstehen werden die Gäste das erst später. Der Chef ist nun mal der Typ Mann, der forsch drauflosplappert, ohne groß nachzudenken, der Typ auch, der einen sofort duzt, ohne dass man das seltsam findet.
Der Kamelflüsterer plappert vor der Show erst mal drauflos
Ohne den Chef wäre kein Kamel in Kernhof, einem 250-Seelen-Dorf, etwa fünfzig Kilometer von St. Pölten entfernt, und ohne Kamel wäre hier kein Schwein. Fast 50.000 Besucher locken sie pro Jahr an, die Kamele und der Chef. Seine Angestellten nennen ihn so, nie beim richtigen Namen. Er selbst nennt sich Don Camelo. Die lokale Presse nennt ihn Kamelflüsterer. In Wahrheit heißt er Herbert Eder und ist ein Menschen- und Medienflüsterer.
Die beste Tiershow der Welt kündigt sein Prospekt an, weltweit einmalig, und so tauscht Eder die kurzen Jeans gegen einen rot-gelben Strampelanzug. In ihm betritt er die vertiefte Bühne seines Kameltheater-Palasts, einen Ort improvisierter Exotik mit Teppichen und aufgepinselten Palmen und einer Band aus zotteligen Stofftieren in Hawaiihemden, die Affen darstellen sollen, auch als Kamele durchgehen würden, vor allem aber an Alf erinnern, den Außerirdischen. Bis es losgeht mit dem Kameltheater, müssen die 270 Besucher auf der hölzernen Tribüne noch warten, lange warten, denn Eder plappert erst einmal drauflos und erzählt, wie es zu einem Kameltheater in Österreich kommen konnte, was eitel wirkt und selbstverliebt, aber je länger Eder plappert, desto klarer wird, dass der beste Teil der Show das Plappern vor der Show sein muss.
Eder verkauft kauende Kamele als Weltsensation
29 Jahre sei es her, hebt Eder an, da habe er, ein junger Mann aus der Steiermark, bei der jordanischen Kamelpolizei gearbeitet, und Eder zelebriert den Moment, weil er weiß, dass das ähnlich unwahrscheinlich klingt wie ein Steirer im Weißen Haus. Nur einen Brief an Kanzler Bruno Kreisky habe er damals schreiben müssen, sagt Eder. Kreisky sei ein Freund König Husseins gewesen und habe ihn vermittelt, jedoch nicht in eine vergoldete Welt aus Tausendundeiner Nacht, sondern auf einen Außenposten in der Wüste, bei fünfzig Grad Hitze, allein mit einem Kamelwallach. Einen halben Tag lang dauerte allein der Ritt dorthin. Bis zu den Ohrwascheln hat mir alles wehgetan, sagt Eder, und er sagt das im steirischen Dialekt, was es noch einmal komischer klingen lässt. Eder hatte nun Zeit, viel Zeit, um den Kamelwallach anzustarren, ihn in seiner Einsamkeit irgendwann Fritz zu taufen und Fritz schließlich beizubringen, ihm die Stiefel zu holen. Jordanische Kollegen, die vorbeikamen, waren verblüfft. Da stand ich im Ranking kurz hinter dem Propheten Mohammed. Über Eder schreiben heißt Eder zitieren, das wird sich noch deutlicher zeigen.
Der Mann, den sie den Chef nennen, erzählt natürlich noch weiter: von einem Job in der Kamelklinik Dubai, von einer Einladung bei Siegfried und Roy, von einer Delfin- und Ottershow in den Vereinigten Staaten, die ihn inspiriert. Irgendwie ist er dann plötzlich wieder im Hier und Jetzt, in Kernhof, in der österreichischen Provinz, und die eigentliche Show kann beginnen. Die Hochzeit des Sultans heißt das Theaterstück, das sich vor allem durch einen simplen Trick vom Zirkus unterscheidet, so simpel, dass all das Vorgeplänkel zunächst wie eine ärgerliche Hochstapelei erscheint: Kamele kauen mit leicht geöffnetem Mund, wodurch es mit viel Phantasie so aussieht, als ob sie redeten, wenn man von Band einen Text dazu einspielt. Folgt ein kurzer Satz, gibt Eder dem Kamel also ein kleines Stück Brot, folgt ein langer Satz, gibt er ihm ein größeres Stück, folgt ein ganz langer Satz, gibt er ihm ein Brötchen. Ein Kamel-Playback, sehr asynchron, das man Eder nur verzeiht, weil er der Eder ist - und weil es doch irgendwie charmant ist, kauende Kamele als Weltsensation zu verkaufen.
Die Show bietet einen liebevollen Zirkusauftritt ohne Peitsche und Geschrei
Mit der Zeit, nach der ersten Überraschung über das allzu simple Konzept, merkt man natürlich, dass die Show noch mehr bietet, echte Tricks, beeindruckende Kunststücke, deren Summe kein Theater macht, aber einen sehr guten, einen liebevollen Zirkusauftritt ohne Peitsche und Geschrei: Ein Kamel macht einen Hofknicks, lässt sich umfallen, spielt den sterbenden Schwan mit weit nach hinten gebogenem Hals, frisst eine Karotte aus Eders Mund, nimmt ihm die Kappe vom Kopf oder spuckt ihn an. Er muss dafür nicht mehr machen, als in einer bestimmten Tonlage zu sprechen: Du hast einen dicken Hintern, sagt er dann, macht eventuell noch einen Knacklaut, den man im Publikum kaum hört - und pfft, pfft, spuckt das Kamel ihn an. Ach ja: Schäferhund Aris spielt auch mit, als Postbote.
Draußen, nach der Show, genießen die Kamele und Eder die Nähe des Publikums: Die Kamele lassen sich streicheln und fotografieren, Eder lässt sich Fragen stellen. Wieso bei manchen Kamelen die Höcker hängen, zum Beispiel. Das ist wie bei den Frauen, sagt Eder, und auch wenn bereits das alles andere als subtil ist, belässt er es nicht dabei. Manche haben feste Brüste, manche Hängebrüste. Über Eder schreiben heißt Eder zitieren. Das Erstaunliche: Der komplette Pulk lacht, auch die Frauen. Einem Naturburschen und Original, einem Eder, verzeiht man die Zote. Vielleicht erwartet man sie sogar. Als es darangeht, die Kamele zurückzutreiben, vom kleinen Gatter am Theater zu ihrem eigentlichen Gatter, durch den Pulk der Zuschauer hindurch, da dirigiert Eder die Zuschauer mit kleinen Handbewegungen und Stimmvariationen, als wären sie Kamele, da kommt der Verdacht auf, spätestens in diesem Moment, dass Eder kein Kameltheater betreibt, sondern ein Edertheater, in dem er keine Kamele vermarktet, sondern sich selbst.
Auch Bill Clinton ist ein Freund des Kameltheaters
Am Abend erinnert man sich daran, in seinem Restaurant, dem lustigsten Wirtshaus Österreichs, in dem er erzählt und erzählt. Zum Beispiel wie er, der bis heute auch als Reiseleiter in seinem eigenen Reisebüro arbeitet, als junger Mann seine Anzeigen zwischen den Todesanzeigen plaziert. Da haben die Leute sich gesagt: ,Ach schau her, die Frau Schulz hat es auch erwischt. Sollen wir nicht noch schnell in Urlaub fahren?' Oder wie er bei einer Tour in Dubai zufällig Bill Clinton begegnet, ihn anspricht mit Nice to meet you again, obwohl er ihn noch nie getroffen hat, den verdutzten Clinton seiner Reisegruppe vorstellt, sich mit ihm fotografieren lässt - und das Foto an Zeitungen verteilt. Tenor: Auch Bill Clinton ist ein Freund des Kameltheaters. Oder wie er dem Grafen Hans Hoyos das Waldstück für sein Kameltheater abschwatzt, indem er ihm verspricht, einen Steinbock Graf Hans zu taufen.
Im Ederpark Kernhof, einer Art Dorf im Dorf, vier Hektar groß, gibt es den tierischen Grafen Hans heute wirklich, ebenso wie Albinokängurus und Nasenbären und winzige Muntjakhirsche und einen Aussichtsturm aus Skiliftstützen und einen steirischen Troadkast'n, ein Holzhaus aus dem 18. Jahrhundert, und mehr als 300 Blumenkästen, mit Kamelmist gedüngt, und einen goldenen Buddha auf einem Holzstumpf und eine Miniwindmühle und allerlei anderen Tinnef und, ganz neu, aber nicht weniger kitschig, eine umweltpädagogische Show mit Plastikbären, gesprochen von österreichischen Moderatoren. All das klingt, wie es ist: wild zusammengewürfelt. Und doch hat es Erfolg: 2005 bekam Eder für den Park den niederösterreichischen Tourismuspreis, 2006 den niederösterreichischen Konsumentenschutzpreis. Immer wieder ist er zu Gast in Radio- und Fernsehsendungen. Sein Restaurant ist tapeziert mit Fotos von Prominenten, die schon da waren, darunter Klaus Maria Brandauer, der Theaterstar, der den ersten Spatenstich zum Kameltheater machte.
Sie alle, die Jurys, die Medien, die Prominenten, müssen Fans des Mannes sein, der am nächsten Morgen den felsigen Hang seines Parks mit einem Puch Haflinger auf und ab rast, vorwärts wie rückwärts, knapp vorbei an knorzigen Gebirgsbäumen. Und wie er da so rast, verwegen und schräg, vorbei auch an einer Bank mit Aussicht, auf die er das Schild Bussi-Bankerl genagelt hat, und vorbei an einem Loch im Baum, über das er geschrieben hat Familie Specht, bitte klopfen, wie er da also laut durch einen Park des leisen Tourismus rast, durch sein persönliches Paradies, und glücklich ist dabei und echt vor allem, da versteht man die Jurys, die Medien, die Prominenten.
Im April und Oktober ist der Park samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, von Mai bis September auch freitags. Kameltheater gibt es um 14.30 Uhr, von Mai bis September um 13 und um 16 Uhr. Busgruppen sind bei Voranmeldung auch an anderen Tagen willkommen. Erwachsene zahlen 8,20 Euro, Kinder 5,50 Euro. Weitere Infos zum Kameltheater gibt es im Internet unter www.kameltheater.at oder unter Telefon 00 43/27 68/2 00 20. Reiseziele in der Umgebung findet man unter www.niederoesterreich.at.
Wer in Deutschland Kamele sehen will, kann das zum Beispiel beim Kamelrennen auf der Trabrennbahn in Berlin: Am 25. Mai treten beim Orient Race 24 Trampeltiere und Dromedare gegeneinander an. Tribünenplätze kosten 18 Euro, Stehplätze 9 Euro, für Kinder unter 12 Jahren ist der Eintritt frei. Weitere Informationen unter www.pferdesportpark-berlin-karlshorst.de oder unter Telefon 0 30/50 01 71 21.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP
