Von Rolf Neuhaus
01. März 2008 Der Bahnhof von Pocinho wirkt verlassen. Die Fahrkartenschalter, geschlossen, das Büro des Bahnhofsvorstehers, geschlossen, die Cafeteria, geschlossen, kein Zug auf den Gleisen, kein Mensch auf dem Bahnsteig. Aber der Marmorboden der kleinen Eingangshalle ist blitzblank, die Kachelwände strahlen blauweiß, die Schienen glänzen metallen. Also müssen hier Züge verkehren. Laut Fahrplan fährt fünfmal am Tag ein Zug von Porto nach Pocinho und wieder zurück. Pocinho ist die Endstation der Dourotalbahn. Der nächste Zug würde in einer halben Stunde eintreffen. Ein argwöhnischer Blick auf den Gültigkeitsvermerk bestätigt, dass es sich nicht um einen Fahrplan aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern vom laufenden Jahr handelt.
Ein Auto hält vor dem Bahnhofseingang, ein Mann steigt aus und schreitet durch die Halle zum Bahnsteig. Er ist ein Angestellter der Bahngesellschaft, vielleicht der Vorsteher, obwohl in Zivil. Auf die Frage, ob man im Zug Fahrräder mitnehmen könne, antwortet er: Natürlich, kein Problem. Auf die weitere Frage, ob man die Räder eventuell verpacken und aufgeben müsse, erwidert er: Nein, nein, nehmen Sie sie einfach mit in den Zug. Wir danken für die Auskunft und werfen noch einen Blick auf den Fahrplan, um uns die Station der Dourotalbahn in Porto zu merken: São Bento.

Mit dem Rad hinunter, mit der Bahn wieder hinauf
Unsere Idee ist, mit dem Rad das Dourotal hinunterzufahren und mit der Bahn wieder hinauf. Auf der Karte verlaufen die Straßen - mit Ausnahme des ersten Stücks - mehr oder weniger am Douro entlang, zum Teil beiderseits des Flusses. Und die gesamte Strecke durch das Weltkulturerbe ist als landschaftlich schön gekennzeichnet. Wir würden am Wasser entlangrollen, immer leicht talwärts, an den Portweinbergen vorbeischweben, stets zu deren Füßen, und während der Fahrt Muße haben, die Boote auf dem Fluß und die Quintas an den Hängen zu betrachten, die Weingüter mit ihren Herrenhäusern. So stellen wir uns das vor.
Vom Bahnhof Pocinho geht es erst einmal bergauf: sieben Kilometer saftige Steigung bis Vila Nova de Foz Côa. Es ist unvermeidlich: Um herunterzufahren, muss man zunächst einmal hochfahren. Drei Kilometer hinter Foz Côa geht es abermals beharrlich bergauf. Mit zunehmender Höhe weitet sich der Blick über unbewaldete, buschgrüne Berge, aber er reicht nicht bis zum Douro. Vom Fluss keine Spur. Man kommt durch ein paar Dörfer, deren architektonisches Durcheinander von Alt und Neu nicht gerade von materieller Armut, aber auch nicht von Überfluss an ästhetischem Feingefühl zeugt.
Der Lohn für einen ganzen Tag Arbeit
Nach drei hartnäckigen Steigungen, zwischen denen leicht gewelltes Hügelland für Abwechslung sorgt, befinden wir uns etwa sechshundert Höhenmeter über dem Dourotal. Von da an geht es bergab, und zwar rasant. Was man in sieben Stunden hochgestrampelt ist, saust man in zwanzig Minuten hinunter. Es sei denn, man macht hin und wieder Vollbremsungen, um anzuhalten und die Aussicht zu genießen, wobei man allerdings Gefahr läuft, die Reifen heißzubremsen und eine längere Zwangspause einlegen zu müssen, um einen Schlauch zu flicken. So schön ist die Landschaft auch wieder nicht. Je näher man dem Douro kommt, desto mehr sind die Berge terrassiert und mit Weinstöcken besetzt. Die Hänge sind so steil und die Terrassen daher so schmal, dass oftmals nur zwei Reihen Reben pro Terrasse Platz finden.
Endlich am Douro angelangt, kassieren wir den Lohn für einen ganzen Tag Arbeit. Eine schmale Straße führt direkt am Fluss entlang. Bein- und Bremsmuskeln wissen die Wohltat der ebenen Erde zu schätzen. Allerdings sind viele alte, gleichwohl schnelle Lieferwagen unterwegs, die Weinbergarbeiter unter Gehupe und Geschrei in den Feierabend fahren. Von der Uferstraße aus betrachtet, sehen die Weinberge besser aus, weil man auf die kunstvollen Mäuerchen aus Schiefersteinen blickt, die die Terrassen begrenzen. Kilometer um Kilometer passiert man parallele Reihen dunkler Mauern, Reliquien aus baulichen Vorzeiten, Zeugnisse des menschlichen Schöpfungswillens. Und über ihnen hängt das lichtdurchflutete Grün der Weinblätter.
Der Douro im Morgenlicht
Hier und da liegen große weiße Gutshäuser auf halber Höhe in den Weinbergen. Manche Quintas bieten Unterkunft; Schilder führen zu ihnen und anderen Häusern des Turismo rural, ohne allerdings Entfernungen anzugeben. Nach mehr als fünfzig Kilometer Steigung, zehn Kilometer Gefälle und zehn Kilometer Ebene mag man als beladener Radfahrer es sich nicht antun, auf der Suche nach einer ungewissen Unterkunft in ungewisser Entfernung das Rad den Berg hochzuschieben. Andererseits ist es schwierig, ein ebenes Plätzchen fürs Zelt zu finden, es sei denn neben der Straße. So landen wir bei Dunkelheit in Peso da Régua und nehmen das erstbeste Hotel, ein gutes, preiswertes, modernes Allerweltsgeschäftshotel mit Balkonblick auf Fluss, Weinberge und einen kleinen hölzernen Frachtkahn mit gesetztem Rahsegel vor Anker, den man sogleich zu Recht verdächtigt, eher für das Hotel Reklame zu machen oder der Stadt Identität zu stiften als Weinfässer zu transportieren, wie er es früher getan haben mag.
Ganz glatt und gestochen scharf liegt der Douro im Morgenlicht. Bereits auf der Brücke bemerken wir, dass trotz der frühen Stunde die Sonne sticht. Und kurz hinter der Brücke bedauern wir, die vermeintlich verkehrsarme Straße zehnter Ordnung auf der linken Flussseite gewählt zu haben. Sie führt im rechten Winkel weg vom Fluß in die Berge. Doch sie entfernt sich nicht allzu weit vom Douro, bleibt vielmehr am Talhang. Ab und zu bietet sie Ausblicke auf die gegenüberliegenden Weinberge, den Fluss und den dichten Verkehr, der die Uferstraße auf der rechten Seite entlangrauscht.
Ein wohl zu schnell gewachsenes Städtchen
Schnell ist das Portweinland zu Ende. Kurz hinter Peso da Régua beginnt das Anbaugebiet der Kirsche. So niedrig die Weinstöcke gehalten sind, so hoch schießen die Kirschbäume in den Himmel. Sofern sie überhaupt geschnitten werden, ist der Schnitt ineffizient. Für ihren Umfang tragen sie wenig Früchte, die weit verstreut hängen. Lange Leitern lehnen an den Stämmen, Erntearbeiter stehen in Astgabeln drei Meter über dem Boden und renken sich die Arme aus. Für den Radfahrer hat der portugiesische Schnitt den Vorteil, dass er am Straßenrand jederzeit Schatten findet und sich zugleich an den Früchten erfrischen kann.
Wir fahren mehr durch Dörfer als über Land. Ein kleiner Ort reiht sich an den anderen. Es gibt sicherlich hundertmal mehr Dörfer, als auf der Karte verzeichnet sind. Resende ist das Zentrum der Kirschenanbaus, ein wohl zu schnell gewachsenes Städtchen, neu und charakterlos. Caldas de Aregos ist ein altes Thermalbad und liegt am Fluss. Fast beklagen wir, dass die Straße an den Fluss hinabführt - wir wissen schließlich, was das bedeutet. Wir sitzen in einer Bar am Bootshafen, schauen neidisch übers ebene Wasser, und wie von selbst drängt sich einem die Idee auf, ein Flusstaxi zu chartern, das einem den Weg durch die Berge und die Nachmittagshitze erspart.
Verwunschen wie ein Märchenschloss
Der Barmann zeigt auf ein kleines, von einem Sonnensegel überspanntes Ausflugsboot. Der Barmann telefoniert mit dem Bootsführer. Der Bootsführer, der eigentlich nur kurze Spazierfahrten den Douro hinauf und hinunter unternimmt, muss den Eigner fragen und ruft dann zurück. Der Barmann berichtet: bis Entre-os-Rios, vielleicht vierzig Flusskilometer, fünfhundert Euro, bis Porto, etwa doppelt so weit, sechshundert. Phantasiepreise. Es war wohl das erste Mal, dass jemand nach einem Taxi den Fluss abwärts fragte. Wir danken und schieben das Rad die Steigung hoch.
Von Ribadouro an weitet sich das Tal. Die Berge werden flacher, die Steigungen kürzer und leichter. Wir fahren auf halber Höhe durch das liebliche, bewaldete Tal, das mit kleinen Wein-, Obst- und Gemüsegärten besprenkelt ist. Was nicht ausschließt, dass es nach wie vor große Weingüter gibt, die zwar keinen Porto, so doch Vinho Verde oder Ribeiro do Douro produzieren. Bei Sande annonciert eine Quinta Unterkunft. Wir schieben das Rad Hunderte von Metern den Weinberg hoch, auf dem Hügel thront das Herrenhaus einsam, verwunschen wie ein Märchenschloss in der sich neigenden Dämmerung, durch eines der vielen Fenster fällt Licht, alles ist in mysteriöse Stille getaucht. Die schwere Holztür im Turm ist verschlossen, doch öffnet sie sich auf Klopfen.
Frachtkähne und Ausflugsboote
Ein Herr mit imposantem Schnauzbart und eleganter Hausjoppe lässt ein, der holzgetäfelte und balkenüberzogene Salon ist mit antiken Möbeln und alten Teppichen überhäuft, wortlos erledigt der Mann die Formalitäten, bis wir fragen, ob es noch andere Gäste gebe. Nein. Der Doppelzimmerpreis erweist sich als mysteriös niedrig, fünfunddreißig Euro mit Frühstück. Doch sobald wir das einfache, Radfahrern offenbar angemessene Dachkämmerchen betreten, verliert das Haus die Aura des Geheimnisvollen.
Mit zunehmender Nähe zu Porto wächst die Chance, ein Schiff auf dem Douro zu erspähen. Bislang haben wir nur einmal das Glück gehabt, eins der mehr langen und schmalen als schönen Flusskreuzfahrtschiffe zu sehen, die dank der Schleusen im fünffach gestauten Douro bis Barca d'Alva an der Grenze zu Spanien fahren können. Jetzt begegnen uns einige Frachtkähne und in Ausflugsboote konvertierte Weinfrachter. Mit zunehmender Nähe zu Porto wird aber auch der Straßenverkehr dichter, was den Radfahrer zwingt, auf die nicht allzu breite Straße zu blicken, um Spur zu halten und Kollisionen mit überholenden Kraftwagen zu vermeiden.
Die Beförderung von Fahrrädern ist kostenlos
Die Straße hält sich auf den letzten zwanzig Kilometern stets am Fluss, und man landet automatisch an der zweistöckigen Eiffel-Brücke und am Ribeira-Kai, an dem sich alle Touristen einfinden und in den vielen Straßencafés und Restaurants niederlassen und den Blick auf das gegenüberliegende Viertel Vila Nova de Gaia mit seinen Portwein-Kellereien und den vor Anker liegenden, weinfassbeladenen Museumsschiffen genießen.
Wir schreiten durch die hohe, mit blauweißen Motiven prunkvoll gekachelte Eingangshalle des Bahnhofs São Bento, um uns an einem der Fahrkartenschalter zu vergewissern, dass man im Zug nach Pocinho Fahrräder mitnehmen kann. Das Fräulein sprach Englisch, war aber nicht zuständig. Der Mann am zweiten Schalter sprach ebenfalls Englisch, war jedoch überfragt. Der Beamte vom dritten Schalter war kompetent, doch sprach er kein Englisch. Der Kollege übersetzte: Es gibt Züge, in denen Fahrräder mitgenommen werden können, doch müssen sie verpackt sein.
Der Zug nach Pocinho ist nicht einer von diesen, er transportiert keine Fahrräder. Manchmal kann man das Rad dennoch mitnehmen, das hängt vom Schaffner ab; manchmal drückt er ein Auge zu. Vorsichtshalber besteigen wir den letzten der vier Waggons im letzten Moment vor Abfahrt des Zuges, um keinen Spielraum für Diskussionen zu lassen. Wir sichern die Räder und nehmen Platz im Abteil. Über der Sitzbank hängt ein Schild: Die Beförderung von Fahrrädern ist kostenlos. Der Schaffner kommt, kassiert und verliert über die Räder kein Wort.
Die Weinberge, die Quintas, die Boote
Hat der Zug das Einzugsgebiet Portos durchkreuzt, nähert er sich dem Douro. Bei Ribadouro berührt er den Fluss, schmiegt sich enger an ihn als je eine Straße und weicht nicht mehr von seiner Seite. Er rattert über ungeschweißte Gleise, stinkt nach Diesel, aber wir werden nicht müde, uns aus dem Fenster zu lehnen und über den Douro zu schauen, auf die bewaldeten Hügel, die Weinberge, die Quintas, die Boote.
Dreieinhalb Stunden braucht er für die hundertfünfundsiebzig Bahnkilometer, davon fährt er mehr als zwei Stunden lang am Fluss entlang. Er hält in jedem kleinen Ort, auch an Bahnhöfen, die auf freier Strecke liegen. Der Bahnhof von Pinhão ist besonders schön. Blauweiße Kacheln mit Weinbauszenen früherer Tage schmücken seine Wände: Frauen bei der Weinlese, Männer mit stirnbandgehaltenen Kiepen, weinfassbeladene Ochsenkarren und Schiffe, deren Belle Époque längst vergangen ist. Auch die Zeit, da der Wein per Zug nach Porto fuhr, ist abgelaufen. Schön und dekadent ist der Bahnhof von Pinhão, schön und nostalgisch ist die Bahnfahrt. Und so bequem.
Informationen: Portugiesisches Fremdenverkehrsamt, Schäfergasse 17, 60313 Frankfurt, Telefon: 069/234094, E-Mail: dir@icepfra.de, Internet: www.portugalinsite.com.
Auskünfte über Bahnhöfe, Fahrzeiten und Tarife der Dourotalbahn gibt es auf der Website der portugiesischen Eisenbahngesellschaft CP: www.cp.pt oder telefonisch unter 00351/213185990 (7 bis 23 Uhr).
Text: F.A.Z., 28.02.2008, Nr. 50 / Seite R5
Bildmaterial: AFP, ASSOCIATED PRESS, F.A.Z.