Von Jakob Strobel Y Serra
11. August 2005 Alles ist schrecklich. Wir starren in den Abgrund, nichts als Schwindel. So schlimm steht es um Deutschland, es wird immer schlimmer. Schröder zockt, Münte keift, Köhler zaudert, Merkel lauert, der Kaiser schwadroniert, der Papst radikalisiert, Gracia wurde letzte, Schumacher fährt hinterher. Wie soll das nur weitergehen? Sterben wir aus? Retten uns Neuwahlen? Werden wir Weltmeister? Wird es ein Wunder von Berlin geben? Deutschland braucht jetzt etwas zu trinken, etwas zur Aufmunterung, ein schönes Fest. Es gibt genug davon. Und das Reiseblatt ist mit dabei: in seiner Sommerserie "Deutschland feiert".
Feste sind wie Seelenspiegelungen eines Volkes. So, wie es feiert, ist es auch und fühlt es sich. Wer im Weinberg froh wird oder in Scheunen Symphonien lauscht, wer vorsätzlich unvernünftig viel Weizenbier in sich hineinschüttet oder bedenkliche Mengen sauer eingelegter Meeresfischfilets in sich hineinstopft, wird seinen Grund haben, und sei es nur der Spaß. Beim Feiern aber geht es um mehr als das reine Vergnügen. Sein innerster Antrieb ist immer das Spiel, in dem Johan Huizinga den Ursprung aller Kultur überhaupt sah.
Das Gegenteil von Lebensernst
Nur der Homo ludens hat Zeit und Muße zum Feiern, weil die Arbeit getan und die Existenz gesichert ist - die Deutschen nehmen sich viel Zeit, weil sie irrtümlich glauben, die Arbeit sei längst schon von der Wirtschaftswundergeneration erledigt und die Existenz auf immer gesichert. Aus dem Spiel, dem Gegenteil des Lebensernstes, entwickelt sich dann alles Weitere. So sind Feste die Stempel einer Kultur, ihr Kitt oder auch die Projektionsfläche von Utopien, Verwirklichung einer idealen, vielleicht anarchischen oder egalitären Gesellschaftsform für ein paar Stunden oder Tage. Beim Feiern manifestieren sich immer auch Sehnsüchte, und deswegen ist der Schütze beim Schützenfest kein reaktionärer Lackel in Uniform, sondern viel mehr: ein Mensch mit Träumen und Wünschen.
Doch Feste sind auch die Abbilder des Alltags, gerade weil sie ein ritualisiertes "Moratorium vom Alltag" sind, wie ein Schlagwort der Sozialgeschichtsschreibung lautet: Als Gegenentwurf zum Alltäglichen machen sie das Alltägliche erst richtig sichtbar. Der festliche Ausnahmezustand ist des Pudel Kern, das Bierzelt die Agora der Erkenntnis.
Die Deutschen feiern gerne gemütlich
In Deutschland gibt es viel zu erkennen, denn die Deutschen sind trotz Konjunkturkrise, Massenarbeitslosigkeit und Untergangsstimmung permanent in Partylaune. Das ist statistisch erwiesen. Nirgendwo auf der Erde gibt es mehr Volksfeste als in Deutschland, es sind sagenhafte zwölftausend im Jahr einschließlich der Weihnachtsmärkte. Zweihundertachtundzwanzig Millionen Menschen strömen alljährlich zu diesen Feiern, allein sechseinhalb Millionen zum Oktoberfest und immerhin vier Millionen zu der weniger weltberühmten Cranger Kirmes in Wanne-Eickel.
Besonders gerne hat es Deutschland bei seinen Festen gemütlich, weshalb das Wort und das Wesen der "German Gemutlichkeit" zum Weltexportschlager geworden sind und das Oktoberfest eine wundersame interkontinentale Vermehrung erfahren hat. All das deckt sich nicht nur mit statistischen, sondern auch mit demoskopischen Erkenntnissen. Allensbach hat das Volk der Dichter und Denker nach seinen Lieblingsveranstaltungen gefragt. Ganz vorne landeten die großen Volksfeste, gefolgt von den Schützenfesten, ganz hinten Jazz-Festivals und Vernissagen.
Die Sommerserie wird - jeweils auf der Schlußseite - die ganze Vielfalt von Deutschland einig Feierland abbilden und damit die aktuelle Temperatur der deutschen Befindlichkeit messen. Beschrieben werden unter anderem Bierseligkeitsorgien wie das Münchner Oktoberfest und der Cannstatter Wasen in Stuttgart, deren Strahlkraft bis in die fernsten Länder reicht. Zu den Feierlichkeiten gehören folkloristische Massenauftriebe, die uralt und quicklebendig zugleich sind wie das Schützenfest in Hannover mit seiner sechshundertjährigen Tradition, das größte der Welt.
Regionale Eigenartigkeiten
Regionale Eigenartigkeiten sind darunter, etwa das Husumer Matjesfest, das den Auftakt der Serie macht, oder das Deutsch-amerikanische Volksfest in Berlin, bei dem der Frontstadtmythos der Vier-Zonen-Metropole ungeachtet jüngerer transatlantischer Verstimmungen fröhlich weiterlebt. Reanimierte Geschichte kann man beim Ritterspektakel der Landshuter Hochzeit erleben, religiöse Inbrunst bei Mariä Himmelfahrt auf der Bodenseeinsel Reichenau. Um kulinarisch genossene Hochkultur geht es beim Schleswig-Holstein Musikfestival und um hohe Politik, um das Selbstverständnis einer zaudernden, hadernden Nation beim deutschen Nationalfeiertag am 3. Oktober, der in diesem Jahr in Potsdam stattfindet und die Serie beschließen wird.
Früher waren Feste immer auch ein Carpe Diem, ein letztes Auskosten des Lebens vor der Apokalypse, das Horaz in der "Carmina" so dringend empfahl: "Zeige dich klug: Kläre den Wein, stelle der Hoffnung Flug auf das Heute ein! Neidisch entflieht, während du sprichst, die Zeit: Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertrauen, koste den Augenblick." Der Carpe-Diem-Charakter ist im Laufe der Jahrhunderte in dem Maße zurückgetreten, in dem die Zukunft immer sicherer und die nächste Pestepidemie immer unwahrscheinlicher wurde. Jetzt ist die Rente längst nicht mehr sicher und die Zukunft ein Vabanquespiel mit unheilvollen Karten. Vielleicht ist es für Deutschland an der Zeit, zu den Wurzeln zurückzukehren und noch einmal richtig Spaß zu haben, bevor alles den Orkus hinuntergeht. Vielleicht ist es aber auch ganz anders.
Text: F.A.Z. Reiseblatt / Juni 2005 / R1
Bildmaterial: AP