Von Carl O'Brien
27. März 2004 An seinem Tresen soll man nicht mehr rauchen dürfen? Mark Kelleher lacht ungläubig. Um ihn herum hängt der Rauch schwer in der Luft. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll", sagt Kelleher, der im Zentrum von Cork eine Bar betreibt. An den Wochenenden hat er bis zu 1500 Gäste und nur 50 Mitarbeiter. "Wie soll ich da sicherstellen, daß niemand sich ein Zigarette anzündet? Unmöglich."
Vielleicht. Doch Kelleher und andere Gastronomen werden von Montag an nicht anders können, als das Unmögliche zu versuchen. Schließlich wird Irland an diesem Tag der erste Staat Europas, in dessen Kneipen und Restaurants das Rauchen ausnahmslos untersagt ist. Eine neue Verordnung sieht vor, daß Besucher von Gaststätten aufgefordert sind, vor die Tür zu gehen, wenn sie sich eine Zigarette anzünden wollen - oder eine Buße bis zu 3000 Euro bezahlen müssen, so sie sich weigern. Pub-Besitzer riskieren eine Geldstrafe oder Gefängnis bis zu drei Monaten, falls sie gegen die Vorschrift verstoßen.
Ein solches Verbot ist ein echtes Wagnis in einem Land, in dem der Pub ein zentraler Ort öffentlichen Lebens ist. Im "Kehoe's", einem traditionsreichen Lokal dieser Sorte in einer Seitenstraße von Dublins geschäftiger Grafton Street, sind die Meinungen denn auch geteilt darüber, welche Wirkung die neue Verordnung auf die entspannte Atmosphäre der irischen Gaststätten haben wird. "Ich glaube nicht, daß sich die Pub-Kultur groß verändern wird", meint Paul O'Keefe, ein 27 Jahre alter Nichtraucher. Falls sich überhaupt etwas ändere, dann allenfalls zum Besseren, sagt er: "Das Rauchen trägt zur Atmosphäre eines Pubs gar nichts bei."
Conor Lally, ein 28 Jahre alter Raucher, befürchtet dagegen, das Rauchverbot werde künftig manche Clique spalten: "Die Raucher werden zum Rauchen rausgehen, die Nichtraucher drinbleiben. Insofern wird es die Art und Weise verändern, wie wir miteinander umgehen. Wir werden weniger Spaß haben." Unter seinen Landsleuten ist Lally mit dieser Ansicht allerdings in der Minderheit; die meisten Iren - selbst eine beträchtliche Nation von Rauchern - sind für das Verbot. Umfragen zeigen Zustimmungsraten von bis zu 70 Prozent quer durch alle Altersgruppen; sie lassen auch vermuten, daß mehr Leute in den Pub gehen würden, sobald die neue Regelung gilt.
Daß die irische Regierung so kategorisch gegen den Tabakkonsum vorgeht, hängt mit der Sorge über die Gesundheitsrisiken zusammen - und ein wenig auch mit politischer Opportunität. Gesundheitsminister Micheal Martin, der sich Hoffnung macht, eines Tages höhere Ämter zu bekleiden, behauptet, Hauptzweck des Verdiktes sei es, Angestellte und Gäste vor den Folgen des Passivrauchens zu schützen. Einige politische Beobachter indes vermuten, dem Minister sei vor allem daran gelegen, sich eines populären Themas zu bemächtigen und abzulenken von der Krise im Gesundheitssystem des Landes.
Dr. Des Carney, Arzt am Mater-Krankenhaus in Dublin, ist wiederum sicher, daß das Verbot mehr Raucher dazu ermutigen wird, ihre ungesunde Gewohnheit aufzugeben. "Ich bin sehr dafür, daß die Leute die freie Entscheidung haben, was sie machen", sagt er. "Aber wir müssen sie eben jetzt davon überzeugen, daß es die einzig richtige Entscheidung ist, nicht zu rauchen."
Dabei ist Irland nicht das einzige Land der Europäischen Union, das eine harte Haltung einnimmt. Norwegen und die Niederlande haben ebenfalls ein Rauchverbot für Kneipen und Gaststätten beschlossen; in Norwegen wird es noch dieses Jahr in Kraft treten, in Holland voraussichtlich 2005. Selbst Griechenland, wo der Anteil der Tabakfreunde an der Bevölkerung höher ist als in den meisten anderen EU-Staaten, wird in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nächstes Jahr wohl Einschränkungen für Raucher beschließen. Es wird sogar darüber spekuliert, die EU könne ein Verbot erlassen, auch wenn der für Gesundheit zuständige EU-Kommissar David Byrne vor kurzem sagte, dieses Thema bleibe am besten den einzelnen Staaten überlassen.
In Irland ist das schlagkräftigste Argument gegen das Verbot ein ökonomisches. Gaststättenbesitzesagen voraus, die Verordnung werde viele Arbeitsplätze kosten, und die Betreiber von Zigarettenautomaten behaupten gar, sie würden pleite gehen. Die Regierung hält dagegen, das Rauchverbot, das Kalifornien in den späten Neunzigern einführte, habe dazu geführt, daß die Einnahmen der Lokale um 44 Prozent gestiegen seien.
Unter den engagiertesten Verbotsbefürwortern sind die Beschäftigten des gastronomischen Gewerbes, die nun in einer rauchfreien Umgebung arbeiten können. Der 55 Jahre alte Pat O'Connor, der in einer Bar in Kildare arbeitet, berichtet, das jahrelange Passivrauchen habe ihn chronisch krank gemacht; das Rauchverbot, so hofft er, werde seinen Kollegen ähnliches ersparen: "Sobald das Rauchverbot einmal eingeführt ist, werden die Leute sich beruhigen und sich daran gewöhnen. Es ist wie im Kino, im Bus oder im Flugzeug. Zuerst waren die Leute schockiert, als man dort nicht rauchen konnte. Jetzt aber wären sie schockiert, falls man es könnte."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.03.2004, Nr. 13 / Seite 16