Frankreich

Das Glück des verbannten Postdirektors

Von Rob Kieffer

10. April 2008 Die Gemeinde hat es längst aufgegeben, die geklauten Ortsschilder zu ersetzen. Kaum wieder angebracht, werden sie auch schon stibitzt. Das geht seit Wochen so, seit eine Filmkomödie das verschlafene Bergues zu den bekanntesten Orten in Frankreich gemacht hat. Das einst von Festungsbaumeister Vauban in ein Korsett aus Wällen und wuchtigen Toren eingegürtete Städtchen, das durch einen Kanal mit der zehn Kilometer entfernten Hafenstadt Dunkerque verbunden ist, steht im Mittelpunkt der Fernsehnachrichten und kann sich der Besucherströme kaum noch erwehren. Nicht nur die Einwohner von Bergues erfüllt diese unerwartete Popularität mit Stolz. Die gesamte Region Nord-Pas de Calais fühlt sich wegen des Rummels um ihren zur Filmkulisse erkorenen Landstrich geschmeichelt.

Ganz Frankreich scheint sich auf einmal für seinen bisher nicht sonderlich geliebten, mit frostigen Klischees behafteten Norden zu erwärmen. Ein beseelter Kinoschwank hat unerwartet in Rekordzeit fertiggebracht, was kostspielige, langjährige Tourismuskampagnen nie hätten bewirken können. Erst Ende Februar angelaufen, haben bisher schon mehr als siebzehn Millionen Franzosen „Bienvenue chez les Ch'tis“ gesehen und dabei Tränen gelacht, Tränen geweint und beim Nachspann enthusiastisch geklatscht. Der Film ist auf dem besten Wege, sämtliche französischen Kinorekorde zu brechen und den bisherigen Spitzenreiter „Titanic“ mit zwanzig Millionen Besuchern zu überholen. Die bisherige Nummer zwei, „Die große Sause“, hat er schon übertrumpft.

Kulturschock im hohen Norden

Die Handlung des Kassenknüllers ist schnell erzählt: Philippe Abrams, gespielt von Kad Merad, ist Leiter eines Postbüros in Frankreichs sonniger Provence. Wegen einer Schummelei wird er strafversetzt, ausgerechnet in den äußersten Landesnorden, der bei den meisten Franzosen ein ähnliches Image genießt wie Sibirien: kalt und stürmisch das Wetter, griesgrämig und ungehobelt die Leute, flunderflach und langweilig die Landschaft, von Backsteintristesse geprägt die alten Kohlereviere. Mit Widerwillen und trotz des Sommers vorsorglich eingehüllt in eine polartaugliche Daunenjacke, verlässt Abrams sein Pastis- und Pétanque-Idyll und macht sich auf den Weg in die verschmähte Region Nord-Pas de Calais, die sich trichterförmig von der Atlantikküste an der belgischen Grenze entlang bis hin zu den französischen Ardennen zieht. Dort tragen die Menschen den Spitznamen Ch'ti, abgeleitet von ihrem picardisch geprägten Dialekt Ch'timi.

Der derbe Zungenschlag macht aus „S“-Lauten „Sch“- Laute, und das Ganze hört sich an, als würde jemand mit einer heißen Kartoffel im Munde reden. Sätze werden bevorzugt mit einem kumpelhaften „heiiiin!“, nicht wahr, abgeschlossen. Den unglücklichen Postdirektor erwartet also ein Kulturschock, als er die Leitung des kleinen Postamtes von Bergues übernimmt. Doch schnell findet Philippe Abrams Gefallen an der puppenstubenhaften Überschaubarkeit dieses historisch geprägten Brügge im Schrumpfformat und am offenen, warmherzigen Charakter der Postangestellten und der Einheimischen.

Die erwartete Hölle offenbart sich als Paradies. Mit Briefträger Antoine Bailleul (Dany Boon), der gleichzeitig der Glockenspieler ist, verbindet Abrams bald eine solide Männerfreundschaft. Gemeinsam strolchen sie durch die Kneipen, lassen sich regionale Spezialitäten wie Carbonade flamande (Biergulasch) und Potjevlesch (diverse Fleischsorten in Gelee) schmecken und gehen zu den Fußballspielen des Lokalmatadors RC Lens, wobei sie auf der Tribüne „Au Nord, c'était les corons“, die an die Bergarbeitersiedlungen und Kohlehalden erinnernde Hymne des Nordens, anstimmen.

Carla Bruni ohne Chance

Dany Boon, der nicht nur einer der beiden Hauptakteure, sondern auch der Drehbuchautor und Regisseur ist, fiel die einfühlsame Beschreibung der Gegend nicht schwer. Er wurde hier geboren, und seine Kabarettauftritte im Ch'timi-Dialekt füllten schon vor dem Film die Säle. „Ich wollte einmal den Spieß umdrehen“, sagt der populäre Schauspieler. „Bisher wurden die Komödien immer im Süden gedreht und Dramen wie Emile Zolas ,Germinal' im Norden.“ Dass er es mittlerweile geschafft hat, auf den Titelseiten der Glamourblätter und Klatschpostillen sogar Präsidentengattin Carla Bruni zu verdrängen, hätte er sich nie träumen lassen.

Ein Großonkel von Dany Boon war Glockenspieler in Bergues, was erklärt, warum der Belfried in der Kinoversion eine zentrale Rolle spielt und Filmbriefträger Antoine in seiner Freizeit hoch über der Stadt die tonnenschweren Glocken klingen lässt. Der echte „carilloneur“ heißt Jacques Martel und ist gleichzeitig Vizepräsident des Touristikamtes, das alle Mühe hat, der anreisenden Dany-Boon-Fans Herr zu werden. Auf einer viermal wöchentlich stattfindenden Ch'ti-Tour führen Jacques Martel und einige ehrenamtliche Kollegen die Neugierigen zu den Drehorten des Filmes. Einer der Höhepunkte ist der Aufstieg zur Aussichtsplattform des unter Unesco-Schutz stehenden „carillon“.

Die Rückeroberung der verlorenen Liebe

Nachdem sie die hundertfünfzig Stufen der Wendeltreppe hinaufgekeucht sind, bekommen die Gäste oben zu hören, dass das Glockenspielzimmer und die Plattform zu klein für die schweren Kameras und Scheinwerfer waren und in vergrößerten Ausmaßen mit Styropor und Sperrholz in einem Pariser Filmstudio rekonstruiert werden mussten. Damit die Leute nicht zu enttäuscht sind, wenn sie von diesem kinotechnischen Trick erfahren, bietet Jacques Martel ihnen eine Entschädigung, indem er kraftvoll und inbrünstig mit Fäusten und Füßen die Klöppel gegen die fünfzig Glocken prallen lässt.

Den inzwischen berühmtesten Belfried Frankreichs gibt es im Tourismusbüro für vierzehn Euro in Miniatur zu kaufen. In vielen Überstunden haben die Angestellten des Büros handgefertigte Fähnchen an das Türmchen geheftet, um eine Szene des Films zu rekonstruieren: Postdirektor Abrams hilft seinem Briefträger Antoine nachts, eine Riesenfahne entlang der Flanke des Belfrieds aufzurollen, auf der mit riesigen „Je t'aime!“-Lettern Antoine seine verlorengegangene Liebe Annabelle zurückerobern will - natürlich mit Erfolg, was zur obligaten Hochzeitsszene führt. Menschelnde Kontakte und feuchtfröhliche Geselligkeit sind in der realen Welt von Bergues nichts Ungewöhnliches. Immerhin kommen auf nur viertausenddreihundert Einwohner stolze fünfundsechzig Vereine, von den Judoathleten über die Bogenschützen bis zu den Organisatoren der jährlichen Ducasse-Kirmes.

Eine leicht anzügliche Replik aus dem Drehbuch

Auf der Ch'ti-Tour entdeckt man weitere Originalschauplätze: den Imbiss am Republikplatz, an dem auf der Leinwand die Postangestellten fidele Mittagspause bei Fritten, Frikadellen und reichlich Ch'ti-Bier machen; den Kanal, in den Abrams und Antoine nach einer Genever-Zechtour hineinpinkeln; das putzige, flämische Haus, in dem der Postbote mit seiner zänkischen Mutter wohnt; das Dessous-Geschäft „Passion“ gleich neben dem Bestattungsunternehmer. Die Geschäftsleute reiben sich die Hände. Seit zum Beispiel im Film Antoine seinen neuen Chef in die lokalen gastronomischen Gepflogenheiten einweiht und ihm zeigt, wie man mit starkem Maroilles-Käse bestrichene Toastbrotscheiben in Chicorée-Kaffee tunkt, kommt die „Fromagerie“ nicht mehr mit dem Verkauf von Maroilles nach.

Der Metzger hat eine Wurstkreation auf den Namen „tchio biloute“ getauft, eine leicht anzügliche Replik aus dem Drehbuch, denn „biloute“ kann im Patois sowohl „Kumpel“ als „Pimmel“ bedeuten. Im „Au Tonnelier“, dem einzigen Hotel im Ort, läutet das Telefon pausenlos, und im flämischen Restaurant „Bruegel“ stehen die Gäste Schlange, nur weil die Filmcrew sich dort während der Drehtage Garnelenkroketten, Endiviengratin und den Hähnchen-Gemüse-Eintopf Waterzoi hat munden lassen. Der Buchhändler kann ein Ch'timi-Wörterbuch, bisher ein Ladenhüter, nicht mehr rasch genug nachbestellen.

Dunkerque reibt sich die Augen

Nicht nur Bergues versinkt in dem von der Presse „Ch'timania“ getauften Taumel. In Lille, in dessen Altstadt eine Restaurantszene spielt, staunt man, dass sich immer mehr Besucher aus Paris oder der Côte d'Azur einfinden. Auch in Dunkerque freut sich das Fremdenverkehrsamt über die enthusiastische Resonanz, die „Bienvenue chez les Ch'tis“ ausgelöst hat. Die alte Korsaren- und Karnevalsstadt an der Opalküste ist für jede Imageaufbesserung dankbar. Im Zweiten Weltkrieg zu mehr als achtzig Prozent zerstört, hat der hastige Wiederaufbau ein nicht gerade vorteilhaftes Stadtbild entstehen lassen.

Umso eifriger rückt man in den Vordergrund, dass sich abseits der Hafenkräne und Containerdocks schöne, lange Sandstrände erstrecken, die bis hinüber nach Belgien reichen. Am Strand von Dunkerque spielt eine kurze Passage des Films. Abrams und Antoine lassen sich kindisch jauchzend vom Wind in ihren Strandseglern treiben. Im Hintergrund galoppieren Reiter durch den von der Ebbe hinterlassenen Schlick, über den Dünen des Naturschutzgebietes kreisen Möwen, und durch die tiefen Wolken brechen wärmende Sonnenstrahlen - eine traumhafte Szene, wie sie kein Werbefilmer hätte verlockender inszenieren können.

Information: Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Telefon: 0 9001/570025, E-Mail: info.de@franceguide.com, Internet: www.franceguide.com; Auskünfte über die Ch'ti-Tour auf den Spuren des Films: Office de Tourisme Bergues, Telefon: 0033/328/687106, E-Mail: tourisme@bergues.fr, Internet: www.bergues.fr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

 
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