Von Klaus Simon
28. April 2008 Man muss sich das Jahr 1958 als ein glückliches, für Belgien im Speziellen als ein gesegnetes Jahr vorstellen. Mit vollen Ladenregalen, ersten Selbstbedienungsrestaurants und allgemeiner Motorisierung klang die Nachkriegszeit aus. Die Erinnerung an die Atombombe von Hiroshima war jung, doch der Glaube an die Beherrschbarkeit der Kernenergie größer als die Angst angesichts des atomaren Schreckens. Die Welt schaute nach vorn. Mit dem Sputnik hatte die Sowjetunion im Jahr zuvor den ersten künstlichen Erdsatelliten in die Umlaufbahn geschickt.
Nun wartete alle Welt darauf, dass Amerika die Herausforderung aufnahm, und las in der Zwischenzeit Ian Flemings James-Bond-Romane. Die Amerikaner punkteten mit dem Farbfernseher, immerhin, und arbeiteten insgeheim an der Reise zum Mond. Der Kalte Krieg schien als Wettlauf im All und im Äther ausgetragen zu werden, und von April bis Oktober 1958 sogar zu pausieren: Belgien richtete mit der Exposition universelle in jenem Sommerhalbjahr die erste Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg aus.
Ihrer Zeit um zwanzig Jahre voraus
Zweiundfünfzig Nationen und sieben Organisationen, darunter die UN und die EWG, beteiligten sich mit einem Pavillon auf dem Weltausstellungsgelände im Brüsseler Heyselpark. Die Russen zeigten ihren Sputnik, klar doch. Am meisten los war bei den Amerikanern. Hotdog und Coca-Cola revolutionierten alteuropäische Essgewohnheiten. Nachmittags gab es im kreisrunden Saal unter der goldenen Rotunde Jazz-Konzerte. So viel Schwung war lange nicht mehr im alten Europa. Apropos Europa: Brüssel empfahl sich mit der Exposition universelle auch als künftige europäische Hauptstadt.
Bereits im Vorfeld der Schau bekam die belgische Kapitale mit dem Martini-Hochhaus, den Büroriegeln der Cité administrative, achtspurigen Ringstraßentunneln und Fly-overs ein radikal modernes Gesicht verordnet. Auf dem Thron des Landes saß mit Baudouin ein charismatischer König, der mit seinen achtundzwanzig Jahren die Jugend selbst verkörperte. Weltausstellungsgelände und königliche Residenz lagen in direkter Nachbarschaft. Besondere Sicherheitsabsperrungen wurden nicht errichtet - glückliches 1958.
Nicht modern, sondern ihrer Zeit um zwanzig Jahre voraus lautete die Vorgabe für die Ausstellungspavillons. Entsprechend kühn wogte das Dach des brasilianischen Pavillons von Sérgio Bernardes. Raketengleich zielte der von Le Corbusier für die Philippinen entworfene Bau in den Himmel. Programmatisch licht kam der Pavillon von Egon Eiermann für die Bundesrepublik Deutschland daher. Das Kosmos-Zeitalter, so die Botschaft der in Stahl, Glas, Beton propagierten Leichtigkeit, berechtigte zu den allerschönsten Hoffnungen.
Eine Hymne auf den Fortschritt, ein Bau voller Optimismus
Zum Publikumsmagnet der Weltausstellung und neuen Wahrzeichen Brüssels aber avancierte das von André Waterkeyn entworfene Atomium. Elegant schwebte das mit Aluminium überzogene, einhundertfünfundsechzigmilliardenfach vergrößerte Modell eines Eisenkristalls über dem Weltdorf auf Zeit. Achtzehn Monate plante der Ingenieur und Vorsitzende des Verbands der belgischen Metallindustrie am aus neun Kugeln mit je achtzehn Metern Durchmesser und zwanzig Verbindungsröhren zusammengefügten Atomium. Weitere achtzehn Monate vergingen mit der Errichtung des scheinbar schwerelosen, dabei zweitausendvierhundert Tonnen wiegenden Bauwerks. Waterkeyn träumte von einem Prestigeobjekt der belgischen Metallindustrie, das zugleich ein Symbol für die friedliche Nutzung der Kernenergie sein sollte. Heraus kam eine Hymne auf den Fortschritt, ein Bau voller Optimismus und mit hohem Identifikationspotential für alle Belgier. Kurzum, an einen Abriss nach Ende der Weltausstellung war im Oktober 1958 nicht mehr zu denken.
Für die Ewigkeit gemacht war das Atomium freilich nicht. Konstruktive Schwachstellen zeigten sich bereits während der Weltausstellung. Durch die dünne, ganze sechs Millimeter starke Aluminiumaußenhaut heizte sich das Innere im Sommer auf tropische Temperaturen auf. Im Herbst herrschte dagegen frostige Kälte in den Kugeln. Außerdem verlor das Atomium durch Korrosionsschäden zusehends an Glanz. Und auch die jährlich vierhunderttausend über Treppen und Stege im Innern steigenden Besucher setzen der Konstruktion zu. Als die ursprüngliche Ausstellung in der mittleren Kugel zu Kernenergie und Raumfahrt allenfalls noch charmant-gestrig wirkte, ersetzte man die angestaubten Exponate durch halbherzig zusammengestellte Sonderausstellungen. Zuletzt waren die Plexiglasscheiben im Panoramarestaurant in der obersten Kugel blind. So trübe hätte sich 1958 niemand die Zukunft erträumen lassen. Zu Anfang des neuen Jahrtausends war das Atomium so marode, dass wieder einmal der Abriss erwogen wurde.
Achtundzwanzig Millionen teuren Sanierung
Prompt ging ein Aufschrei durchs Land. Christo solle das Atomium einpacken, um aus dem Gewinn der Kunstaktion das nötige Kapital für eine Sanierung zu erhalten, lautete ein Vorschlag zur Rettung. Es blieb beim Vorschlag, doch das Atomium stand dank des Medieninteresses fortan auf der nationalen Agenda. Staat und Kommune gaben grünes Licht für die Rettung des von der New York Times zur Ikone des Optimismus ausgerufenen Bauwerks. Sponsoren aus der Industrie sicherten finanzielle Unterstützung für die Sanierung zu. Für den Rest kamen Privatleute auf. Allein der Verkauf von tausend dreieckigen Aluminiumplatten aus der Außenhülle zu je tausend Euro deckte einen nicht unerheblichen Teil der knapp achtundzwanzig Millionen teuren Sanierung.
Spiegelblanker, schmutzabweisender Edelstahl in zwei Schichten, zwischen denen Isolationsmaterial steckt, bedeckt seit der Wiedereröffnung des Atomiums vor zwei Jahren die Kugeln. Mit der Lichtplanung der Innenräume wurde Ingo Maurer beauftragt. Designmätzchen seien bei einem einzigartigen Bau wie dem Atomium nicht in Frage gekommen, betont der Münchner Lichtkünstler. Bei seinem ersten Besuch habe er sich so desorientiert wie in einem alten, russischen Raumschiff gefühlt. Maurer schuf daher Lichtobjekte, die das Gefühl beflügeln, in einem Weltraumfahrzeug unterwegs zu sein.
Ufos und das Leben im All
Fiberglas und Aluminium rufen Assoziationen an Ufos und das Leben im All hervor. Vom oberen Ende einiger Verbindungsröhren fällt farbiges Licht in die dreiundzwanzig Meter langen, steilen Treppenschächte, die in die Unendlichkeit des Alls zu führen scheinen. Das originale Interieur blieb bei der Sanierung weitgehend erhalten. Gitter so fein wie Mikadostäbchen umfassen eine ovale Empore, die nicht allein wegen des türkisblauen Anstrichs wie aus einem Tintin-Comic entliehen wirkt. Panzerkreuzergraue Stahlwände mit dicken Nieten erinnern hingegen eher an die Maschinenästhetik eines Jules Verne.
Wie bei der Eröffnung vor fünfzig Jahren führt der exklusivste Weg zurück in die Zukunft direkt ins Restaurant hoch oben in der obersten Kugel. Unter Hinweis auf den reservierten Tisch löst man zunächst ein ermäßigtes Eintrittsticket. Sodann geleitet einen ein Mitarbeiter in blütenweißer Oberlivree zum Aufzug in der Mittelröhre, den vor den in der Schlange wartenden, gemeinen Atomiumsbesuchern zu betreten dem Restaurantgast zusteht. Das Tempo des seinerzeit schnellsten Lifts der Welt ist noch immer berauschend. Wir maken zweiunneunsisch Mètres in zweiunswansisch Sekünden, erklärt die Liftführerin in charmant gebrochenem Deutsch und drei weiteren Sprachen - falls sie nach Abheben der Kabine dazu kommt.
Oben angekommen, gilt es als letzte Hürde, eine zierliche Stahltreppe zu bewältigen. Schon sitzt man im taubenblauen Schalenfauteuil von Charles Eames. Der Blick vom Tisch aus knapp hundert Metern Höhe schweift über Brüssel, dann in den Himmel. Man möchte glatt noch weiterfliegen. Zum Mond, warum nicht?
Kristallbildung
Da Atomium ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet, donnerstags bis 22 Uhr. Letzter Einlass eine Stunde vor der Schließung. Eintritt 9 Euro, ermäßigt 6 Euro. Information im Internet unter: www.atomium.be.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ASSOCIATED PRESS, picture-alliance/ dpa
