Von Sven Weniger
03. Juli 2009 Weniger vielversprechend hätte der Start kaum sein können. Als Queen Elizabeth II. im Juli 1987 bei der Eröffnung der Docklands Light Railway als Erste mit dem neuen Zug fuhr, war sie alles andere als amused. "What a nasty little train", entfuhr es der Königin. Dennoch war es der Beginn einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Die kurz DLR genannten feuerroten Waggons der Hochbahn verbinden Londons traditionelles Geschäftsviertel, die City, mit dem der Zukunft, Canary Wharf. Vollautomatisch, fahrerlos und für britische Verhältnisse äußerst zuverlässig bringt der Zug täglich Zehntausende Büroangestellte in die Boomtown des Bankensektors. Wer erwartet hatte, nach dem Absturz der Finanzwirtschaft dort nun ein verwaistes Viertel vorzufinden, der irrt gewaltig.
Michael Purtill, der Direktor des Four Seasons Hotels, muss es wissen. Das Luxushotel liegt am Themseknick, der sich wie eine Schleife um die Docklands windet, zu denen Canary Wharf gehört. Vom Hotel aus hat man einen schönen Ausblick auf den Strom. Auf dem gegenüberliegenden Ufer glitzert die Skyline der City. Im hoteleigenen Wellnesscenter können die Hotelgäste beim Schwimmen und Schwitzen auf dem Laufband dem Treiben auf dem Wasser zusehen. "Ende der neunziger Jahre, zur Hochzeit der New Economy, waren vor allem Geschäftsreisende unsere Klientel. Dann platzte im Jahr 2001 die Blase, und wir positionierten uns neu ", erzählt Purtill. Damals habe man die Zielgruppe des Hotels erweitert, das helfe nun, mit der noch viel größeren Krise klarzukommen. "Im gleichen Maß, wie Banker ausbleiben, verbringen jetzt mehr Urlauber ein langes Wochenende bei uns. Sie mieten im Four Seasons ein Zimmer, weil es ihnen in Central London zu hektisch ist", sagt Purtill.
Money and More
Damit liegt das Four Seasons voll im Trend. Nach der ersten Immobilienpleite in den neunziger Jahren stürzten die Mietpreise für Büroflächen ab. Das Konsortium, das Canary Wharf als Finanzzentrum geplant hatte, ging bankrott. Deren Nachfolger erkannten, dass dem ehemaligen Werftgelände Geldmanagement allein kein Leben einhauchen können würde. Es wurde daher mehr Wohnraum geschaffen und mit Hochdruck ein weitläufiges Einkaufsparadies gebaut. Wie ein weitverzweigtes Labyrinth liegt es unter den Hochhäusern, fängt aber durch große Glaskuppeln viel Tageslicht ein. Starkochs wie Jamie Oliver und Gordon Ramsay eröffneten hier Restaurants. Geschäftsreisende, die fürchten, sich hier im Osten Londons isoliert zu fühlen, wird so neben dem unmittelbaren Zugang zum Finanzdistrikt ein breites Angebot an Abwechslung geboten. "Money and More" - "Geld und mehr" lautet die Devise.
Wer an der Station Canary Wharf aus der DLR steigt, reibt sich erst einmal verdutzt die Augen: Die Ähnlichkeit mit New York ist frappierend. Wolkenkratzer aus Glas und Beton recken sich auf engstem Raum in den Himmel. Die Bürotürme der HSBC und Citibank rahmen den Canary Wharf Tower, der mit einer Höhe von zweihundertvierundvierzig Metern das höchste Gebäude Großbritanniens ist. "Manhattan-on-Thames" nennt Stephanie Tickner, die für den Veranstalter London Walks Touristen durch Canary Wharf und die Docklands führt, das Panorama. Sie weiß um die Missverständnisse über das Bankenviertel. Wer mit ihr unterwegs ist, lernt daher einen Stadtteil Londons kennen, der vor allem mit einem punktet: seiner Entspanntheit.
Entschleunigte Wirklichkeit
Da sind die Wiesen des Mudchute Park, auf denen Kühe grasen und Jogger traben; da sind die restaurierten Warenlager aus dem neunzehnten Jahrhundert mit Docklands Museum, und da sind die Kanäle der Millwall Docks mit seinem Segelclub und den Hausbooten, deren Besitzer hier ganzjährig wohnen. Es gibt ein Kino, regelmäßig Open-Air-Konzerte, und bei Sportveranstaltungen wird im Canada Square Park ein Public Viewing aufgebaut. Selbst die Shoppingmall mit ihren zweihundert Geschäften, Bistros und Restaurants wirkt unerwartet entschleunigt. Zudem gibt es kaum Verkehr. Canary Wharf gehört großenteils einer Immobiliengesellschaft namens Songbird, die alle Zufahrten kontrolliert. Autoparkplätze findet man nur im Untergrund, und auch die Warenanlieferung wird unterirdisch abgewickelt. "Seitdem die Jubilee Line der Londoner U-Bahn hier hält, ist auch der Berufsverkehr entzerrt", erklärt Stephanie Tickner.
Zwanzigtausend Einwohner zählt Canary Wharf. Fast fünfundachtzigtausend Menschen haben hier ihren Arbeitsplatz. Hundertzwanzigtausend sollen es einmal werden - davon zeugen die Baukräne im Osten des Werftgeländes. Doch der Entwicklungsmotor stottert. Denn auch Songbird ist wegen der in diesem Jahr abgestürzten Immobilien- und Mietpreise in Schwierigkeiten geraten. Vollführt der wichtigste Finanzplatz der Welt einen unbelehrbaren Tanz auf dem schon ausgebrochenen Vulkan? Oder zeigt sich hier der berühmte Kampfgeist der Briten?
Magnumflaschen Wodka mit Feuerwerk
Mehr darüber erfährt man ein paar Kilometer weiter westlich. Dort liegt das alte Bankenzentrum, die Square Mile. Wer möchte, kann über den schönen Thames Path direkt am Fluss entlang dorthin wandern. Nur fünfzehn Minuten hingegen brauchen die schnellen Katamarane der Thames Clippers vom Canary Wharf Pier zur Tower Bridge. Von dort sind es noch ein paar Schritte, dann ist man in der lärmenden Quadratmeile zwischen den U-Bahn-Stationen Bank und Liverpool Street angelangt. Das von Briten liebevoll "The Gherkin" - "die eingelegte Gurke" bezeichnete Bürogebäude von Norman Foster zeigt hier wie ein gewaltiges Projektil in den Himmel. Die meisten der renommierten Geldhäuser haben in dem Bermuda-Dreieck, in dem innerhalb von kürzester Zeit Milliarden spurlos verschwanden, ihren Sitz. Dazwischen liegen Edelboutiquen, Juweliere, Nobelrestaurants und Cocktailbars, die sich jahrelang bestens von dem Blut nährten, das der globale Finanzkreislauf durch die Adern der Square Mile pumpte.
Jörg und Michael arbeiten als Invest-mentbanker eines großen Geldinstituts und möchten ihre Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen. Beide sind durch die Höhen und Tiefen ihrer Branche gegangen. "Für uns hat sich der Alltag wieder normalisiert", sagt Michael. Es herrsche weniger Gedränge in der U-Bahn, weil weniger Leute in der City arbeiteten. Um mit Geschäftspartnern in einem der Toplokale essen zu gehen, musste man wochenlang im Voraus bestellen. "Heute gibt es kaum noch Wartezeiten. Denn die Budgets für große Dinner mit Kunden wurden von den Banken drastisch gekürzt", sagt Michael. Gleiches gelte für den Clubbesuch danach: "Um in den angesagten Diskos einen Tisch zu bekommen, musste man sich dazu verpflichten, mindestens fünfhundert Pfund für Getränke auszugeben", erzählt der Banker. Kein Problem damals, als sich die Börsengurus der Investmentbanken darin sonnten, Magnumflaschen Wodka mit Feuerwerk durch den Saal tragen zu lassen, damit auch ja jeder mitbekam, dass man es ohne Limit krachen lassen konnte.
Top-Restaurants für Schnäppchenjäger
Niemand hat den Wahnsinn der Square Mile so fiebrig beschrieben wie Geraint Anderson, dessen Insider-Tagebuch "Cityboy" im vergangenen Jahr wie eine Bombe in London einschlug. Der Investmentbanker hatte unter dem gleichnamigen Pseudonym jahrelang schmutzige Details aus seinem Gewerbe in einer Zeitungskolumne veröffentlicht, dann machte er ein Buch daraus. Über Drogenexzesse ist darin zu lesen, über Geldverbrennung und Millionenboni, die er und seine Kollegen abzockten, um einen Teil davon in protzigen Gelagen gleich wieder auf den Kopf zu hauen. Einige der Tatorte sind bei den Bankern noch immer angesagt.
Das Coq d'Argent, ein pinkfarbenes Gebäude in Southwark, gehört dazu. Nachmittags füllt sich der Dachgarten mit gutgekleideten Menschen unter vierzig, die hier nach Büroschluss ihren ersten Cocktail schlürfen. Bei kühlem Wetter sitzt man unter Heizstrahlern, bei Sonne auf Rasen zwischen Buchsbaumhecken. Von der Terrasse aus genießt man eine spektakuläre Aussicht auf "The Gherkin" und die Bank of England. Der klassizistische Bau gegenüber beherbergt die teuersten Juweliere der Stadt. Fragt man nach den Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gastronomie, dann bekommt man ein kühles "No comment" zu hören. Die wenigen besetzten Tische sind jedoch Antwort genug. "Die teuren Lokale sind jetzt leerer, die mittelpreisigen dafür voller", sagt Jörg. Auch Schnäppchenjäger kämen auf ihre Kosten. Menü-Angebote, bei denen der zweite Gast nur einen symbolischen Betrag bezahlen muss, seien beliebt.
Hoffen auf Olympia
Auch die Happy Hours, während der alle Drinks nur die Hälfte kosten, kommen gut an. Besonders in den Pubs um die Liverpool Street. Abends stehen dort Arbeitskollegen auf dem Bürgersteig, die Flasche Hauswein in der Hand. Gleich um die Ecke, hinter der Großbank UBS, werden in der Brasserie Rocque Bierflaschen in großen Kühlern serviert. Früher lagen Champagnerflaschen in ihnen. Auch die After-Work-Bar Corney & Barrow ist noch genauso angesagt wie zu Geraint Andersons Zeit. Nur der Rhythmus des Geldausgebens ist langsamer geworden.
In London sind die Preise in guten Hotels auf einmal verhandelbar - früher war das unmöglich. Das Four Seasons Hotel bietet drei Nächte zum Preis von zweien an. Man habe der Versuchung widerstanden, beim Service abzuspecken, und stattdessen die Gästezufriedenheit in diesen schlechten Zeiten noch erhöht, sagt Purtill. Spätestens im Jahr 2012, wenn London Austragunsgort der Olympischen Spiele ist, soll die Durststrecke vorbei sein, hofft man in Canary Wharf. Viele der Wettkampfstätten werden in unmittelbarer Nähe liegen. Doch auch so macht das ehemalige Werftgelände der alteingesessenen City den Rang als Motor des Finanzplatzes London streitig. Weil hier höher gebaut werden darf, sind Quadratmeterpreise und folglich auch die Mieten billiger. Immer mehr Banken verlegen ihren Sitz nach Canary Wharf.
In zwei Stunden nach Deutschland
Und dann ist da noch ein Aspekt, der oft übersehen wird: der London City Airport. Die Abfertigung der Fluggäste ist geradezu anachronistisch reisefreundlich: Mit Handgepäck muss man zwanzig Minuten vor Abflug einchecken; die Sicherheitskontrolle dauert nur zwei Minuten - ein unschätzbarer Vorteil für Geschäftsreisende. "Die Reise von meinem Büro aus nach Deutschland dauert wenig mehr als zwei Stunden", rechnet Hotelier Michael Purtill vor. "So lange dauert es oft schon, um von hier aus zum Flughafen Heathrow zu gelangen."
Information: Jeden ersten Samstag im Monat führt London Walks durch Canary Wharf und die Docklands, donnerstags und sonntags durch die Square Mile, Internet: www.walks.com. Über Sehenswürdigkeite und Übernachtungsmöglichkeiten informiert die Internetseite www.visitlondon.com.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Sven Weniger