30. Januar 2008 Die Schneemacher sind geheimnisvolle Wesen. Zu Gesicht bekommt man sie selten. Sie sind mal hier, mal da, huschen durch unterirdische Katakomben, über verschneite Hänge, durch Pumpstationen, vorbei an Computerterminals oder sitzen tief in der Nacht in den Führerkabinen von Pistenraupen. Sie sind die weißen Herren im Hintergrund und im Untergrund. Denn sie trotzen den Naturgewalten, sie lassen es schneien - wenn es schneit und auch wenn es nicht schneit. Ohne sie gäbe es keinen Massenwintersport mehr am Kronplatz.
Der Berg mit diesem königlichen Namen - die sagenhafte Königin Dolassila aus der ladinischen Fanes-Sage soll hier gekrönt worden sein - ist ein Solitär. Man nennt ihn gelegentlich auch Kahlkopf, und das beschreibt den südlich von Bruneck liegenden Kegel recht gut. Er sieht nämlich ein wenig aus wie der Zuckerhut. Geologisch liegt er auf der Trennlinie zwischen den Dolomiten im Süden und dem Alpenhauptkamm im Norden; die erdgeschichtlich viel jüngeren Hohen Tauern markieren am Horizont die Grenze zu Österreich. Im Süden ragen die ungleich pittoreskeren Witterungsblöcke der Dolomiten bis auf dreitausend Meter hinauf, im Südwesten der wuchtige Sellastock. Ein Panorama wie gemalt, und das gibt natürlich auch dem im Grunde der Natur entwöhnten Alpinskifahrer im einundzwanzigsten Jahrhundert das Gefühl, er fahre in einer dreidimensionalen Fototapete, wie man sie aus italienischen Eisdielen kennt.
Wer gern die Oberschenkel zum Brennen bringt
Oben auf 2275 Metern überwölbt ein weißes, sahneglattes Haupt mit wenig Vegetation den Berg, an den Nordhängen stürzen sich beeindruckend lange und steile Pisten in Waldschneisen ins Tal; nach Osten zu Richtung Olang und nach Süden und Südwesten hinunter nach St. Vigil geht es gemächlicher zu. In der Summe aber ein Berg, der sich als riesiger Tummelplatz für Unmengen von Skifahrern geradezu aufdrängt: Es gibt anfängertaugliche Autobahnen ebenso wie Pisten, die gut genug für anspruchsvolle Fahrer sind. Sechseinhalb Kilometer lang ist etwa die Olang-Abfahrt, 1170 Höhenmeter bietet sie. Wer gern die Oberschenkel zum Brennen bringt, wirft sich die fünf Kilometer auf der Silvester- oder der Hernegg-Abfahrt vom Gipfel nordseitig nach Reischach hinunter. Auch der tälerübergreifende Anschluss an die Sellaronda ist nun im Angebot, die Kabinenbahn Piculin ermöglicht die Fahrt Richtung Alta Badia.
Ein solches Angebot lockt Kundschaft, vor allem, weil es mit Schneesicherheitsgarantie daherkommt. Voll ist der Kronplatz nicht nur zur Hauptsaison, und er lockt neben Italienern und Deutschen mittlerweile auch viele Slowenen und andere Südosteuropäer an. Russen sind gleichfalls da, aber noch sind sie nicht so zahlreich wie in manchen österreichischen Skigebieten. Mit den Slowenen haben sich die Südtiroler nach anfänglichen Reibereien ganz offiziell arrangiert; sie benehmen sich mitteleuropäisch in dem Sinne, dass sie wie alle anderen Nationen auch die Untugenden der Gegenwart wie lautes Telefonieren im Lift und alkoholisiertes Fahren pflegen. Aber: Pecunia non olet, wie der Ladiner sagt.
Der neue Lift hat alle Rekorde gebrochen
Denn brummen muss der Kronplatz, weil er dafür optimiert worden ist. Wenn sein Motor stotterte, stotterte das ganze Pustertal. Der Kronplatz ist der Jobmotor der Region, ein Wirtschaftskreisel, an dem allein am Berg achtzig ganzjährig Beschäftigte hängen und unmittelbar ein unübersehbarer Schwanz von Hotels, Skischulen, Sportgeschäften, Restaurants, Reisebüros und so fort. Die Talstation sieht aus wie ein Flughafenterminal, Rolltreppen inklusive.
Nehmen wir den Ruis-Lift auf der Südseite. Eine Gondelbahn mit jeweils acht Plätzen ist der ganze Stolz des Betreibers Skirama. Der neue Lift hat alle Rekorde gebrochen. Seit die in Südlage führende Problempiste Nummer 12 richtig beschneit werden kann, sind allein auf diesem Hang sechzigtausend Mehrfahrten zu verzeichnen. Der Ruis-Lift hat an Spitzentagen schon mehr als 23.000 Skifahrer befördert, in einer Saison schafft er 1,4 Millionen Fahrgäste, und zwar so geräuschlos, dass man eigentlich nie länger als fünf Minuten anstehen muss. Auf das Problem der Drängelei hat man freilich auch hier immer noch keine schlüssige Antwort gefunden; vielleicht sollte man englische Busunternehmer zur Beratung heranziehen.
Am Kronplatz wird zurückgeschossen
Andrea Del Frari jedenfalls strahlt übers ganze Gesicht. Der Marketingmanager von Skirama versprüht so viel ansteckenden Optimismus, dass man gar nicht anders kann, als in großen Begeisterungsschwüngen hinter ihm herzufahren - auf dem Weg durch sein Firmengebiet, das sich in Sachen Klimawandel für einen eindeutigen Kurs entschieden hat. Auf die Bedrohung des womöglich ausbleibenden Schnees hat man eine Antwort gefunden: Am Kronplatz wird zurückgeschossen, und zwar mit zweihundertachtzig Schneekanonen. Man muss sich die Zahl wie eine Schneeeflocke auf der Zunge zergehen lassen - zweihundertachtzig Beschneiungsanlagen - und sich dann ausmalen, was da an Technik im Berg vergraben ist. Hundert Pistenkilometer gleich hundert Kilometer frostsicher verlegte Druckwasser- und Stromleitungen.
Da Kunstschnee - den man Kompaktschnee nennt, weil das weniger künstlich klingt - dennoch aus Wasser gewonnen wird, braucht man große Tanks. Das wird am Kronplatz in drei Speicherseen vorrätig gehalten, dazu kommen noch kleinere Kavernen. Speicherseen bieten den Vorteil, dass sie billiger zu bauen und durch Schmelz- und Quellwasser einfacher zu befüllen sind. Ein Betonspeicher, der fünftausend Kubikmeter Wasser fasst, kostet im Bau eine halbe Million Euro; und er wäre innerhalb einer Woche leergepumpt. Der Stausee an der Passstraße fasst 140.000 Kubikmeter.
Die schönste Pumpstation weit und breit
Von hier aus wird mittels Pumpen das Wasser bis zu vierhundert Höhenmeter hinaufbefördert, alles computergesteuert und auf dem neuesten Stand. Herr dieses Herzstücks ist der technische Direktor der Seilbahnen St. Vigil, Danny Kastlunger. Seit vierzehn Jahren im Job, kennt er sein Arsenal aus dem Effeff. Seinen Schatz will er nicht nur am Computer zeigen, wo jederzeit jede Kanone abrufbar ist, sondern nach einer Fahrt mit dem Motorschlitten auch am Rand des Skigebiets. Es handelt sich um die Pumpstation unterhalb des Speichersees am Furkelpass - die schönste Pumpstation weit und breit, sagt der Elektrotechniker, als er in der unterirdischen Maschinenhalle steht.
Fünf blaue Siemens-Pumpen, deren stärkste 260 Kilowatt leistet, sind aufgeboten. Alles in allem verfügt Kastlunger über 200.000 Kubikmeter Wasserspeicher: Früher waren es mal achttausend, ich weiß gar nicht mehr, wie das gegangen ist. Dementsprechend aufgerüstet ist auch der Fuhrpark und die für ihn nötige Logistik am Berg inklusive riesiger Dieselvorräte. Zweihundertachtzig Liter fasst der Tank eines großen Pistenbullys, bei schwierigen Verhältnissen reicht das nicht einmal für eine Nachtschicht.
Ohne Beschneiung kein Kronplatz
Umweltschützer packt da das kalte Grausen. Speicherseen sind, wie Schneekanonen, umstritten: Die Anlage von künstlichen Seen zerstört labile hochalpine Ökosysteme, das Bergbächen abgezweigte Wasser fehlt weiter unten für die Landwirtschaft. Die ganze Schneeerzeugung verbraucht viel Energie und beschleunigt den Klimawandel, dem sie entgegenarbeitet. Zwischen vierhundert- und fünfhunderttausend Euro pro Jahr zahlt der Kronplatz allein an Stromkosten - gut investiert, sagen Del Frari und Kastlunger unisono. Und im Übrigen freue sich die Feuerwehr über den zusätzlichen Löschteich, fügt Kastlunger mit spitzbübischem Ernst hinzu.
Denn eines ist klar: ohne Beschneiung kein Kronplatz. Wer das glaube, sei hoffnungslos romantisch, erklärt Kastlunger: Sie müssen sich vorstellen: Alles, was Sie als Skifahrer am Tag nach unten schieben, schieben wir in der Nacht wieder nach oben. Angesichts der Besucherzahlen sei an einen quasi-naturbelassenen Skibetrieb nicht mehr zu denken. Sobald es im Spätherbst kalt werde, müsse mit der Beschneiung begonnen werden, um die Grundlage für eine lange Saison - sie geht bis Mitte April - zu legen. Die tägliche Nachbesserung geschieht auch während des laufenden Skibetriebs.
Freundliche Hüttenleute und zivile Preise
Die Kundschaft sei dermaßen an perfekt präparierte Hänge gewöhnt, dass es sofort zu Beschwerden komme, wenn ein Hang nicht optimal gepflegt sein sollte, sagt Andrea Del Frari. Spätestens von einer Neuschneehöhe von zehn Zentimetern an müssten auch am Morgen noch einmal die Pistenraupen ausrücken, weil es mittlerweile Skifahrer gebe, die sich nicht nur beschwerten, sondern auch ihr Geld zurückverlangten. Vorbei die Zeiten also, als sich die Leute gefreut haben, wenn sie morgens die Ersten am Gipfel waren und eine unberührte Neuschneepiste vorfanden. Es habe sogar schon in Einzelfällen nach Stürzen Klagen gegeben, die mit mangelnder Präparierung argumentierten.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung und eingedenk des Massenauflaufs überrascht die entspannte Stimmung an den Liften und in den Hütten. Am Kronplatz herrscht ein auffallend familienfreundliches Klima, das Liftpersonal ist hilfsbereit. Die Hüttenleute sind freundlich ohne klebrig-falsche Bergkameradschaft. Die Küche ist italienisch eingefärbt, die Preise sind im Vergleich mit den nördlichen Nachbarn zivil. Das gilt übrigens auch für Liftkarten - ein Faktor, der in der Urlaubsplanung stets eine herausgehobene Position hat, wie Andrea Del Frari weiß: Ein Euro mehr, und schon stöhnen die Leute, wie teuer alles geworden sei, dabei ist das ein kleinerer Posten. Eine Tageskarte in der Hochsaison kostet für Erwachsene 38 Euro.
Ein pulsierenden Wirtschaftsstandort
Noch einen entscheidenden Vorteil hat der Kronplatz: Er bietet nicht nur das übliche Korallenriff von Hotels, die sich um die Talstation im Ortsteil Reischach schmiegen, er hat zu seinen Füßen mit Bruneck ein hübsches Städtchen. Die mehrheitlich von deutschsprachigen Südtirolern bewohnte Stadt bietet bei fünfzehntausend Einwohnern gut zehntausend Arbeitsplätze - auch dies ein Indiz für den pulsierenden Wirtschaftsstandort. Der Ort hat einigen Durchgangsverkehr zu verkraften, ist aber mit seiner schmucken Fußgängerzone und seinen Bars und Restaurants ein wohltuender Kontrapunkt: keine Retorte, sondern gelebtes Südtirol, das heißt immer auch das Geschäft im Blick. Eine auffallend lange Reihe von Textilgeschäften lockt mit noblen Designermarken.
Wer sich über Gebühr den örtlichen kulinarischen Gepflogenheiten ausliefert, findet in der Apotheke in der Florianigasse ein passendes homöopathisches Antidot. Auf dem Weg in die Zukunft des alpinen Skilaufs will der Kronplatz jedenfalls noch lange mitspielen. Den letzten Schlepplift haben wir vor ein paar Jahren abgebaut, sagt Danny Kastlunger und fügt hinzu, dass er das eigentlich schade finde. Aber Einwände gegen ökologische Fehlentwicklungen lässt er nicht gelten.
Wir sind heute ein reiches Land
Sogar das Wasser in seinen Speichern habe Trinkwasserqualität, die Luft sei extrem sauber, und im Übrigen profitierten doch alle vom Tourismus. Wir sind heute ein reiches Land, wir haben bessere Lehrer, bessere Schulen, bessere Straßen. Es ist, aus diesem Blickwinkel betrachtet, für Einheimische schwer, als Aufschwungbremser anzutreten. Und auch der ausländische Gast wird, sofern er sie kennt, am Kronplatz seine weltanschaulichen Gewissensbisse schnell vergessen. Es macht einfach großen Spaß, dort Ski zu fahren.
Mit diesem Kapital wird der Standort so lange wuchern, wie es eben geht. Denn den Prophezeiungen des Klimawandels traut hier keiner über den Weg: Wer könne schon sagen, was in zwanzig Jahren das Wetter für Kapriolen schlage? Und so lange, sagt Andrea Del Frari mit seinem strahlendsten Dolomitenlächeln, rentiert sich die Beschneiung auf alle Fälle noch.
Information: Tourismusverband Ferienregion Kronplatz, Michael-Pacher-Straße 11a, I-39031 Bruneck, Telefon: 0039/0474/555447, E-Mail: info@kronplatz.com, Internet: www.kronplatz.com.
Text: F.A.Z., 24.01.2008, Nr. 20 / Seite R1
Bildmaterial: F.A.Z., Kronplatz
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