Von Heinz-Joachim Fischer
05. Januar 2007 Wenn in Neapel der Wind fegt, kann schon mal ein Mast der Straßenbeleuchtung umfallen. So geschehen am Dienstag im Viertel Fuorigrotta - westlich der Innenstadt, dort, wo im Stadion von San Paolo der Argentinier Maradona seine Fußballkünste zeigte, nicht weit vom Parco Virgilio, wo eine alte Überlieferung das Grab des lateinischen Dichters Vergil haben will.
Zum Glück geschah einer Mutter mit ihrem Töchterchen, die gerade vorbeigingen, nichts außer einem großen Schrecken. Die Tragödie wurde, offensichtlich dank dem Stadtpatron San Gennaro, nur angedeutet. Ganz anders, als eine Woche zuvor in der Via Caracciolo, einer einstigen Prachtstraße direkt am Meer, ebenfalls ein Laternenpfahl - ohne Wind - umfiel und ein auf einem Motorroller vorbeifahrendes Mädchen, Fabiola Di Capua, in den Tod riss. Fatalità, sagten die Umstehenden erschüttert: Schicksal!
Es war der Wind und Schlamperei
Die Bürgermeisterin von Neapel, Rosa Russo Iervolino, die im vergangenen Jahr wegen ihrer Beliebtheit wiedergewählt worden war, beklagte aufgeklärt, viele Pfähle und Masten in Neapel seien gefährdet und deshalb gefährlich. Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung gegen den zuständigen Ingenieur des kommunalen Beleuchtungswesens ein. Und die Stadtverwaltung erwog, die Beleuchtungsdienste in andere Hände zu geben.
Die von Fuorigrotta hatten bei dem umgestürzten Peitschenmast zuerst die Camorra im Verdacht, das organisierte Verbrechertum in und um Neapel, der Millionenmetropole im Schatten des Vesuvs. Denn mit ungenügenden Dienstleistungen lebt man seit langem im italienischen Süden.
Es war aber nicht die Camorra, wie glaubhaft versichert wurde, sondern beim zweiten Mal wirklich der Wind, beim ersten Schlamperei, vor allem Nachlässigkeit bei der Wartung der Anlage durch die städtischen Behörden. Aber das interessierte schon nicht mehr so sehr. Als Werk der Camorra hätten sich gestürzte Lichtpfähle auffälliger gemacht.
Opfer eines Scippo
Aber damit müssen die Neapolitaner jetzt wohl leben, dass bei ihnen überall die Camorra vermutet wird. Nachdem es im vergangenen Jahr einige blutige Morde, Straßengefechte mit der Polizei und sogar die Erwägung gab, Militär nach Neapel zur Wiederherstellung der Ordnung zu entsenden, wähnt man die Millionenstadt im Griff der Verbrecher.
Es kann zwar vorkommen, dass man einige Tage in Neapel verbringt, ohne die Camorra direkt zu treffen. (Aber weiß man, wem man die Hand schüttelt?) Als Thema hingegen ist sie allgegenwärtig. Freunde und Bekannte weisen beständig auf die Gefahren hin und zeigen sich erstaunt, wenn einem noch nichts passiert ist.
Sie geben sich wirklich überrascht im Sprechzimmer des Rathauses oder in den Büros der Regionalverwaltung von Kampanien, einerseits erleichtert, andererseits signalisierend, dass es nur noch eine Frage kurzer Zeit sein könne, wann der Besucher Opfer eines Scippo, eines Handtaschenüberfalls, oder eines Autodiebstahls werde.
Zu Silvester sollte es aber nicht sein
In einer bekannten Pizzeria auf der Via Partenope am Meer versuchte die Direktion den fröhlichen Appetit des Gastes auf eine Margherita durch den dienstlichen Hinweis zu dämpfen: Zigeunerkinder würden beim Betteln Arglistiges im Schilde führen. Doch vor und nach dem Zahlen hatte man immer noch die Geldbörse.
Da trösteten sich die Neapolitaner damit, dass bei ihnen im Krankenhaus San Giovanni Bosco eine wirklich Einheimische am 1. Januar 2007 um 0.01 Uhr das erste Kind der Stadt, einen kleinen Giuseppe, Sohn des Vincenzo Silvestro - zu Silvester sollte es aber nicht sein! - zur Welt gebracht hatte und nicht fremder Nachwuchs zuvorkam. In anderen Städten waren es Ausländerinnen, die nach Mitternacht Italien die ersten Kinder schenkten, eine Marokkanerin in Imperia an der Riviera, eine Chinesin in Florenz, eine Rumänin in Rom.
Die Stadt scheint zu explodieren
Außerdem wiesen sie in Neapel stolz darauf hin, dass es zu diesem Jahresende weder bei der Herstellung noch beim Abbrennen der Feuerwerkskörper zu ernsthaften Verletzungen, geschweige denn Toten gekommen sei. Die Metropole ist für ihre kunstvollen Kunstfeuer (Fuochi artificiali) bekannt. In vielen kleinen Werkstätten bastelt man das ganze Jahr über - auch außerhalb der Sicherheitsbestimmungen und mit Hilfe von Kindern - mit den Explosivstoffen, um schließlich immer neue Figuren und Bewegungen an den Himmel zu zaubern.
Dass dann in der Silvesternacht die ganze Hügelstadt am Golf zu explodieren scheint, hängt auch mit dem Aberglauben der Neapolitaner zusammen: Was man an Geld für das Feuerwerk ausgibt, kommt vermehrt wieder herein. Aber auch damit, dass die Leute von Neapel wegen ihrer lebhaften sozialen Kontakte und der vielen Werkstätten die Feuerwerkskörper fast zum Selbstkostenpreis, ohne Zwischenhandel und Mehrwertsteuer, beziehen. Einer der florierenden Wirtschaftszweige der Stadt trotz der starken chinesischen Konkurrenz.
Die schönsten Krippen gestohlen
Ein anderer sind die Krippen. Auch diese werden das ganze Jahr über in unzähligen Werkstätten hergestellt und in der Via San Gregorio Armeno verkauft. Auch damit verbinden die Neapolitaner Hoffnung für das neue Jahr. Denn in vielen italienischen Zeitungen erschien zwar Mitte Dezember die Nachricht, dass aus der Kirche mit den schönsten Krippen, San Nicola alla Carita in der Via Toledo, 300 Figuren - jedoch ohne das Jesuskind - gestohlen worden seien.
Sie seien wieder zurückerstattet worden, gab nun der Pfarrer kund; wahrscheinlich seien die Diebe Neapolitaner gewesen, denen die eigene Gewissenslast zu groß geworden war, weil zu viele Stadtgenossen eine Krippe ohne Figuren als schlechtes Vorzeichen für das neue Jahr genommen hätten.
Ein ungewöhnlicher Nebel
Vielleicht wird also das neue Jahr besser als das alte. Justizminister Clemente Mastella, ein Süditaliener aus dem benachbarten Avellino, stellte den beruhigenden statistischen Vergleich an, dass ohnehin in Mailand mehr Morde geschähen als in Neapel mit der Camorra. Das organisierte Verbrechertum verübt von Zeit zu Zeit auffällige Bluttaten untereinander.
Zur Selbstregelung haben die von Neapel zweifellos großes Talent. Als Mitte Dezember die Bediensteten für die Wartung der Ampeln in Streik traten und ihre Lichter abstellten, sei, wie Einheimische versicherten, kein wesentlicher Unterschied zum sonstigen Verkehr zu bemerken gewesen. Sei es, dass man in Neapel auch sonst nicht selten bei Rot durchfährt, sei es, dass man an diesem Tag noch aufmerksamer fuhr. Staatspräsident Napolitano, selbst am Vesuv, am 29. Juni 1925, geboren, meinte in seiner Neujahrsansprache, er habe Vertrauen zu seiner Heimatstadt. Am Neujahrstag kam er dann selbst nach Neapel und war verwundert, dass ein ungewöhnlicher Nebel herrschte, wie in Mailand.
Text: F.A.Z., 05.01.2007, Nr. 4 / Seite 8
Bildmaterial: dpa