Von Jakob Strobel y Serra
02. Januar 2008 Es hat geschneit in den Alpen, im November schon, die Pisten sind weiß, die Lifte laufen. Früher war das eine banale Nachricht, die kein Mensch einer Erwähnung für wert hielt. Jetzt aber, nach dem Trauma des lauwarmen Pseudowinters der vergangenen Saison, verkünden die Skiorte die Niederkunft des Schnees mit einem solchen Seufzer der Erleichterung, dass kein Zweifel mehr bestehen kann: Der Klimawandel ist endgültig in den Bergen und den Köpfen ihrer Bewohner angekommen.
Kein anderes Feld des Fremdenverkehrs spürt die Folgen der Erderwärmung schneller, unmittelbarer und lebensbedrohlicher als der Skitourismus. Steigt die Temperatur um zwei Grad - nach allen Prognosen noch das harmloseste Szenario -, verschiebt sich die Schneefallgrenze um 300 Meter nach oben. Das bringt Dutzende alpine Skigebiete in ernste Gefahr und bedeutet für einige sogar das Todesurteil. Also muss gehandelt werden, wie auch immer. Die sechs wichtigsten Strategien stellen wir in unserer Winterserie vor: anhand von sechs Orten, die jeweils eine exemplarische Antwort darauf geben, wie die Folgen des Klimawandels bewältigt werden können.
Schnee auf dem Matterhorn
Den Anfang macht heute Mayrhofen im Zillertal, das die Trumpfkarte der Diversifizierung zieht: Einen seiner beiden Hausberge hat es mit enormem technischen Aufwand zu einem modernen Skigebiet aufgerüstet, und den anderen überlässt es als "Genießerberg" weitgehend sich selbst. Die Strategie von Oberstdorf hingegen könnte man "Ökologisierung" nennen: Der Ort versucht, Skifahren und Umweltschutz zu versöhnen, propagiert die sogenannte sanfte Mobilität und respektiert die Launen der Natur, soweit es das Geschäft erlaubt. Das Skigebiet Kronplatz in Südtirol geht den umgekehrten Weg: Es ist stolz darauf, nahezu hundert Prozent seiner Pisten künstlich beschneien zu können, und versucht auch sonst mit allen mechanischen Mitteln der Kunst, der Erderwärmung ein Schnippchen zu schlagen. Obersaxen im schweizerischen Rheintal wiederum ist das Sinnbild eines mittelgroßen Skigebiets im Dilemma des Klimawandels: Es hat längst begriffen, was die Stunde schlägt, fühlt sich aber noch nicht wirklich betroffen und macht weiter wie bisher, in der Hoffnung, dass schon alles nicht so schlimm werde. Diese Hoffnung ist in der französischen Wintersportgemeinde Abondance gestorben, die zu dem riesigen Pistenverbund Portes du Soleil gehört: Nach Jahren dramatischer Verluste und eklatanten Schneemangels hat man im vergangenen Sommer die Reißleine gezogen und als erster Ort in den Alpen überhaupt sein gesamtes Skigebiet geschlossen. Das wird Zermatt wohl nie passieren. Das Dorf liegt auf 1620 Metern Höhe, seine Pisten reichen bis auf spektakuläre 3889 Meter hinauf. Und sollte eines Tages am Matterhorn der Schnee schmelzen, ist sowieso alles vorbei.
Text: F.A.Z., 03.01.2008, Nr. 2 / Seite R1