Von Andreas Obst
16. Juni 2007 Es war spät in der Nacht, und im Kaisersaal, dem ganz in imperialen Rottönen dekorierten geographischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt des Schiffs, hatte sich der unvergessliche Zwillingsball, den das Bordprogramm für diesen Abend versprach, längst aufgelöst. Die wenigen Passagiere, die sich noch nicht in ihre Kabine zurückgezogen hatten, saßen am Tresen oder in den schweren Ledersesseln der Bar Zum Alten Fritz am Heck des Kommodore-Decks oder draußen unter den Wärmestrahlern auf der Terrasse, die sich zum Meer hin öffnete. Im Halbdunkel waren die Wellen der Ostsee zu erahnen, vom Himmel glitzerten vereinzelte Sterne. Die Luft war mild und schmeckte nach Salz. Das Murmeln der halblauten Gespräche an den Tischen ringsum wirkte angenehm einschläfernd.
In der Mitte des Decks hatten sich die Zwillingspaare mit ihrer Entourage den größten Tisch gesichert. Dort saßen die Reederinnen Gisa und Hedda Deilmann in verschiedenfarbigen Abendkleidern mit identischem Schnitt, blaue Wolldecken über den nackten Schultern, gleich neben den kahlköpfigen Zwillingen Manz, pensionierten Oberstudienräten, vor vielen Jahrzehnten fünfmal in Folge deutsche Hochschulmeister im Zehnkampf und weitläufig mit den Deilmanns verwandt. Ferner waren da die Zwillinge Stecher aus München, Sänger und Schauspieler und Entertainer, die man aus Unterhaltungssendungen auf den deutschen Privatsendern kennen könnte.
Die Kesslers und andere Zwillinge
Die Kessler-Zwillinge hingegen, ohne Zweifel das prominenteste Paar an Bord, waren bereits verschwunden. Aber sie hatten sich auch schon vorher deutlich anmerken lassen, dass sie das Miteinander mit den anderen Zwillingspaaren an Bord nicht allzu amüsant fanden. Von den Charchulla-Zwillingen, zwei kräftigen Männern in den späten Sechzigern, mit wallenden Vollbärten, die auf der Insel Fehmarn eine Surfschule führen und als gemeinsame Lebensleistung auf die Erfindung des Zwillings-Surfbretts verweisen können, ist Jürgen für den Augenblick nicht aufzufinden. Sein Bruder Manfred macht sich um so nachdrücklicher bemerkbar.
In einer Hand balanciert er ein halbgefülltes Weinglas, in der anderen trägt er ein Cuatro, die venezolanische Variante der Gitarre. Zielstrebig steuert er aus der Tiefe der Bar auf den Tisch der Zwillingspaare zu, stellt sein Glas ab und beginnt im selben Augenblick zu singen. Sein Repertoire an venezolanischen Gassenhauern scheint unerschöpflich, doch einigermaßen abrupt wechselt er zu hanseatischen Frohsinnsliedern. Die Manz-Zwillinge, selbst im Norden zu Hause, stimmen in jeden neuen Refrain begeistert ein, die Deilmann-Schwestern lächeln dünn, die Stechers staunen. So unvermittelt wie die musikalische Einlage begonnen hat, endet sie. Blitzschnell ist der Zwillings-Tisch leer, und Jürgen Charchulla bleibt allein zurück mit Cuatro und Wein. Am Horizont kündigt das Dämmerlicht den neuen Tag an.
Doch die Nacht ist noch lange nicht zu Ende. Es fällt nicht schwer, mit Charchulla ins Gespräch zu kommen, auch wenn man selbst kein Zwilling ist. Erst vor vierzehn Tagen seien er und sein Bruder zu dieser Reise geladen worden, erzählt er. An jenem Tag sei in einer Lübecker Zeitung ein Artikel über das Surfmuseum auf Fehmarn veröffentlicht worden, das die Charchullas unlängst ins Leben gerufen haben. Genau auf der gegenüberliegenden Seite war ein Artikel über die Hochzeit Hedda Deilmanns zu lesen. So fand man zueinander, von Zwillingspaar zu Zwillingspaar, und der norwegische Sommernachtstraum, den der Deilmann-Katalog für diese Reise angekündigt hatte, bekam im letzten Augenblick eine weitere Attraktion.
Übers Deck wabert James Lasts Serenade
Themenreisen sind in Mode gekommen in der Kreuzfahrtindustrie, als seien Schiff und Fahrtziele allein nicht mehr verlockend genug, und als Pioniere in dieser Disziplin verstehen sich die Schwestern Deilmann. Seit dem Tod ihres Vaters Peter Deilmann vor vier Jahren führen sie die Reederei, zu deren Flotte die Deutschland, das einzige Kreuzfahrtschiff, das derzeit unter deutscher Flagge fährt, und neun Flussschiffe zählen. Die Deutschland wird im kommenden Jahr ihr zehnjähriges Betriebsjubiläum feiern, seit 1999 steht sie als schwimmende Bühne in Diensten des ZDF für die Fernsehserie Das Traumschiff.
Es ist eine Zwillingsexistenz in sich selbst, bei der das Fernsehschiff die dekorative Kulisse bildet für Verwicklungen, wie sie nur die Extremsituation des Urlaubs bei völliger Abwesenheit von Lebenswirklichkeit in deutschen Fernsehserien schafft. Doch während das Fernsehen schöne Menschen mit Problemen und Problemchen zeigt, die sich immer spätestens dann gelöst haben, wenn die sehrende James-Last-Titelmelodie tönt und die Kellner eine wunderkerzengespickte Eisbombe in den Speisesaal tragen, bleibt vom Glanz der Traumschiff-Kreuzfahrt an Bord der Deutschland das Moment des Fahrens übers Meer. An das Traumschiff erinnern in der Wirklichkeit nur der goldene Namenszug am weißen Schornstein, der gleich über dem kleinen Meerwasser-Schwimmbad auf dem Lido-Deck aufragt, und die James-Last-Serenade, die verlässlich über die Decks wabert, wenn das Schiff einen Hafen verlässt.
Die Goldenen Zwanziger für die Gegenwart
Auf Anfang sechzig schätzen die Reederinnen, selbst in ihren späten Dreißigern, das Durchschnittsalter des Publikums der Deutschland; bei Fahrten, die in deutschen Häfen beginnen und enden, sind die meisten Passagiere eher noch älter. Größer als auf anderen Schiffen ist der Anteil der Stammgäste, viele reisen seit Jahren auf der Deutschland, mit Vorliebe in immer derselben Kabine. Diese Norwegen-Kreuzfahrt erscheint symptomatisch für den Ansatz der Reederinnen, einen frischen Zug in das Leben an Bord zu bringen, ohne jene Komponenten bürgerlichen Klassizitätsbewusstseins zu vernachlässigen, die eine Kreuzfahrt mit ihrem Schiff auszeichnen. Denn die Deutschland versucht in allen Facetten den Eindruck zu erwecken, geradewegs aus den goldenen Zwanzigern, einer Pionierzeit auch für elegante Schiffsreisen, in die Gegenwart hinübergeglitten zu sein. Norwegens Westküste gibt den passenden Hintergrund für diese Inszenierung ab: eine majestätische Landschaft aus mächtigen Berggipfeln, von deren Kuppen der Schnee glänzt, dunkelgrünen Matten und dunkelblauen Fjorden im tagelangen, geradezu kaiserlichen Sonnenglanz. Und an Bord das Motiv des Zwillings im Monat Zwilling.
Die Deutschland als ihre eigene Traumschiff-Verdopplung bietet dafür die ideale Bühne, sie ist eine viel stärkere Suggestion als die Anwesenheit von fünf mehr oder weniger prominenten Zwillingspaaren. Am ersten Seetag, auf der Strecke von Travemünde nach Bergen, sind sie alle auf der Bühne des Kaisersaals versammelt und erzählen erwartbare Anekdoten darüber, wie es ist, von Geburt an zu zweit durchs Leben zu gehen, bis ins hohe Alter und bis an Bord der Deutschland gelegentlich in identischer Kleidung. Verwechselbar, heißt das Lied, das die Kessler-Zwillinge auf dem Höhepunkt der Veranstaltung zum Besten geben, es endet mit der Zeile: Wer ist wer? Selbst wir fragen uns das gelegentlich.
Fahrten der Deutschland
Die Deutschland unternimmt während des Sommers noch mehrere Reisen durch die Nord- und Ostsee, alle beginnen und enden in Hamburg, Travemünde oder Kiel. Im Oktober fährt das Schiff über verschiedene Mittelmeerhäfen nach Südostasien. Im Februar kommenden Jahres wird es erstmals in Yangon festmachen, der Hauptstadt Myanmars, wie sich das ehemalige Burma heute nennt. Die einzelnen Reisen dauern zwischen drei und dreiundzwanzig Tagen, der Tagessatz an Bord liegt bei etwa vierhundert Euro. Für alle Fahrten, die nicht in Deutschland beginnen, bietet die Reederei An- und Abreisearrangements sowie Vor- und Nachprogramme an Land an.
Informationen: Peter Deilmann Reederei, Am Holm 25, 23730 Neustadt in Holstein, Tel.: 04561/396-0, im Internet: www.deilmann.de.
Text: F.A.Z., 14.06.2007, Nr. 135 / Seite R2
Bildmaterial: Deilmann
