Gelsenkirchen

Gut gebrüllt

Von Cord Riechelmann

Wer ist der König der Löwen?

Wer ist der König der Löwen?

04. Juli 2005 Wenn man in Gelsenkirchen nach dem "Zoom" fragt, wird man, ohne mit der Wimper zu zucken, zum Ruhr-Zoo geschickt. Das kann einen verwirren, bis man am Ruhr-Zoo aus der Straßenbahn gestiegen ist und feststellt, daß "Zoom" nichts anderes ist als der alte Ruhr-Zoo mit neuem Namen und in völlig neuen Kleidern.

"Zoom - Erlebniswelt" heißt der neue Zoo, der an diesem Freitag eröffnet wurde und der natürlich nichts weniger als der Zoo der Zukunft sein soll. Das klingt ein bißchen merkwürdig und ist, wenn man die ersten Hemmschwellen, die der Name und die Werbung aufbauen, überwunden hat, tatsächlich schon das Hauptproblem: Namen sind nämlich nicht Schall und Rauch, sondern bedeuten etwas.

Zurückhaltung ist angesagt

Elvis geht es sichtlich gut im neuen Zuhause

Elvis geht es sichtlich gut im neuen Zuhause

Und so war auch bei der Pressevorstellung des neuen Zoos vor ein paar Wochen in Gelsenkirchen die dringendste Frage, wie die Einwohner der Stadt mit dem neuen Namen umgehen. Das stimmte hoffnungsfroh. Überhaupt war die von der "Zimmer frei"-Moderatorin Christine Westermann angenehm unaufgeregt geführte Gesprächsrunde zum Konzept des neuen Zoos das Gegenteil einer Propagandaveranstaltung, in der vor allem Weltspitzenleistungen verkündet werden.

In Gelsenkirchen ist selbst der Bürgermeister, Frank Baranowski heißt er, sympathisch zurückhaltend. Auf Westermanns Frage, wie oft er in den Zoo gehe, gibt er gleich zu, zuletzt vor einem Jahr dort gewesen zu sein, zur Verabschiedung eines Elefanten.

Es macht dabei gar keinen Unterschied, ob dieser zurückhaltende Tonfall, in dem vom Tierpfleger bis zum Manager alle Verantwortlichen Rede und Antwort stehen, der Erkenntnis folgt, daß Gelsenkirchen bestimmt nicht der Nabel der Welt ist - oder ob es daran liegt, daß man hier weiß, wer der unangefochtene König von Gelsenkirchen ist.

Es kann nur einen König geben

Der König von Gelsenkirchen heißt nämlich Rudi Assauer, ist Manager des Fußballvereins Schalke 04 und steht unter Artenschutz. Nur auf die Frage, welches Tier denn Rudi Assauer sei, erhielt Christine Westermann keine Antwort. Da wurde sich gewunden, und die "Ähs" und "Ahs" vom Bürgermeister bis zum Manager endeten in einem resoluten "Also nein, das geht nicht!".

So blieb Rudi Assauer, wie es sich für einen richtigen König gehört, ohne Tiervergleich. Und wenn sich diese Erkenntnis auch noch der Werbetexter merkt, der die Broschüre für das "Zoom" geschrieben hat, wird alles gut.

Im neuen Gehege könnte er sich auch verstecken

Im neuen Gehege könnte er sich auch verstecken

In dieser Broschüre nämlich wird der Löwe prompt zum König ernannt. Also nein, das geht nicht. Es kann auch in Gelsenkirchen nur einen König geben.

Tiere haben das Recht zu verschwinden

Außerdem verstellt der Vergleich den Blick auf den Löwen: Die Löwenanlage, die schon vor der "Zoom"-Eröffnung, im alten Ruhr-Zoo also, zu sehen war, kann als exemplarisch für das Konzept der Gehege im neuen Zoo gelten: Großzügig genug und mit versteckten Winkeln versehen, bietet sie den Tieren die Möglichkeit, den menschlichen Blicken auszuweichen.

Robben und Besucher kommen sich näher

Robben und Besucher kommen sich näher

Das ist zwar keine Weltneuheit, in den Vereinigten Staaten zum Beispiel, im Zoo von San Diego wird das schon länger praktiziert. Es gibt den Tieren aber selbst im Käfig etwas zurück, das sie oft im hochtechnisierten Safaritourismus in der sogenannten Natur verloren haben: das Recht, zu verschwinden.

Noch dazu konfrontiert es den Besucher mit der Geschichte der Tierbeobachtung: In den Zeiten von Radarüberwachung und Satellitenfotos scheint in Vergessenheit zu geraten, daß früher Tierbeobachter manchmal Wochen - oder wie im Fall der Schimpansenforscherin Jane Goodall auch zwei Jahre - irgendwo im Dschungel saßen und die Objekte ihrer Begierde nicht mal zu Gesicht bekamen.

Beispielhafte Zooarchitektur

Die Löwenanlage verweist in Gelsenkirchen mehrfach auf eine Vergangenheit, in der die Natur noch kein Safaripark war. So findet man in einer halboffenen Felshöhle alte Felsenzeichnungen auf rotem Gestein, deren Farbe den Felsen Namibias nachempfunden ist. Das Nachempfinden tatsächlicher Naturformen ist dabei ein durchgängiges Prinzip der Architektur.

Die Struktur einer Felsenwand im Löwengehege gibt es tatsächlich so in Namibia. Beim Nachbau wurden die Farben genauso wie die Oberflächenstruktur rekonstruiert. Wer das als ornamental oder zusammengewürfelt verdammt, kann sich zum Beispiel die konstruktivistische Pinguinanlage aus den dreißiger Jahren im Londoner Zoo ansehen: Dort werden die Pinguine dann ganz schnell zum störenden Dekor einer Architektur, der wahrscheinlich nicht nur der Neue Mensch, sondern auch das Neue Tier Modell stand.

Die Zooarchitektur im "Zoom" könnte überhaupt beispielgebend werden. Das verdankt sich in Gelsenkirchen allerdings der nicht überall gegebenen Chance, gleich einen ganzen alten Zoo umgestalten zu können. So war es möglich, die Tiere nach den Gegenden anzusiedeln, in denen sie in der Natur zusammen vorkommen.

Tierpfleger sollen Besucher informieren

Der jetzt zuerst fertiggestellte Komplex präsentiert die Tierwelt Alaskas auf einer Fläche von sechs Hektar mit einem etwa ein Kilometer langen Gehweg für die Besucher. Die Tierwelt wird darin in einem Ausschnitt vorgestellt, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Zwölf Wölfe bilden ein Rudel, Kodiakbären können, wenn sie wollen, unter einem Wasserfall duschen. Die Eisbären- und Robbenanlage durchzieht im Wasserbecken ein Glastunnel, in dem man Eisbären beim Schwimmen zusehen kann. Was nicht nur wegen der benoppten Füße der Bären ein Ereignis ist.

Und wem das Beobachten nicht reicht, der kann an den Fütterungen teilnehmen, die die Pfleger nicht stumm absolvieren, sondern ausdrücklich als Fragestunde für die Besucher verstehen. Es war zwar schon im alten Ruhr-Zoo möglich, während der Fütterungen Fragen zu stellen, im "Zoom" soll das aber perfektioniert werden.

Und darauf kann man sich freuen. Denn wenn etwas anders geworden ist als zu früheren Zoozeiten, dann sind es die Tierpfleger. Waren sie früher oft stumm und mürrisch wie ihre Pflegetiere, so reden sie heute so zurückhaltend und angenehm wie der Bürgermeister von Gelsenkirchen.

Täglich von 9.00 bis 18.30 Uhr geöffnet. Information: www.zoom-erlebniswelt.de



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.07.2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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