Frankfurt

Jedes Hochhaus erzählt seine eigene Geschichte

Von Matthias Alexander

Überragend: Frankfurts Hochhäuser

Überragend: Frankfurts Hochhäuser

13. April 2007 Ein Gebäude müsse nur hoch genug sein, dann könne es gar nicht mehr hässlich aussehen. Dieses Bonmot eines österreichischen Architekten umschreibt lässig die Ästhetik der Überwältigung. Wer durch Frankfurt läuft und die Hochhäuser der Stadt in den Blick nimmt, den überkommen jedoch Zweifel, ob schiere Masse jeden ästhetischen Mangel heilen, ob der Höhenrausch des Betrachters allein die Banalität eines Bauwerks vergessen machen kann. So geschieht es beim Selmi-Hochhaus am Platz der Republik mit seiner braunen Fassade und bei anderen Kisten aus den sechziger Jahren, die ungelenk die amerikanischen Meisterwerke Mies van der Rohes kopierten. Mit deren Erscheinungsbild hat die Frankfurter Bürgerschaft noch immer keinen Frieden geschlossen. Die Renaissance, die angeblich jede Architekturepoche eines Tages erlebt, ist in diesem Fall bisher ausgeblieben. Hässlichkeit ist doch nicht immer relativ.

Schönheit schon: Es gebe keine unumstößlichen Regeln für die Gestaltung von Hochhäusern, hat eine amerikanische Architekturkritikerin gesagt, vielmehr gebe es für jedes einzelne Hochhaus mehr als eine mögliche Fassade. Was für eine angenehme Ausgangssituation für den freiheitsliebenden und selbstverliebten Berufsstand der Architekten. Und so haben sie Hochhäuser als Experimentierfeld für ihre gestalterischen Phantasien genutzt, angetrieben von den Bauherren, die die imagefördernde Kraft der Turmbauten kennen.

Postmoderne Ausrufezeichen

Anfangs war das Timing in Frankfurt schlecht: Die ersten nennenswerten Türme wuchsen hier in den Himmel, als Schmucklosigkeit die streng beachtete Regel war - Architektendogmatismus und Investorenkalkül gingen eine unheilige Allianz ein. Die eckigen Blütenkelche der Olivetti-Türme von Egon Eiermann aus den frühen siebziger Jahren blieben lange ein einsamer Pionier am Stadtrand, bis Oswald Mathias Ungers Mitte der achtziger Jahre mit der Guillotine seines Messehauses die ergrauten Zöpfe des internationalen Stils abschnitt.

Seither funktionieren fast alle Hochhäuser in Frankfurt als Zeichen, sie sind postmodern in dem Sinne, dass sie eine Geschichte erzählen wollen: Helmut Jahns Messeturm und seine Art-déco-Reminiszenzen, das Kronenhaus mit seiner kryptosakralen Spitze, das folkloristische Japan-Center, der technizistische Öko-Palast der Commerzbank. Übertrieben wird das Plündern im Formenkanon aber nicht, ein Haus in Form eines Flaschenöffners oder eines geblähten Segels ist der Stadt erspart geblieben. Alt-Frankfurter Skepsis gegenüber dem allzu Äußerlichen mag darin mitgewirkt haben, vor allem aber die eher lockere Streuung der Türme. Die Skyline nimmt sich im Vergleich zu den wuchernden Megacities im Fernen Osten bescheiden aus, und so kommt jedes einzelne Haus zu seinem Recht.

Das deutsche Hochhaus schlechthin

Wohl auch deshalb kennen die Frankfurter ihre Türme gut, wissen ihre Namen und ihre Höhe. Was einen schönen Turm ausmacht, hat bisher dennoch niemand zu sagen vermocht. Die Gliederung in Sockel, Schaft und Spitze, die den Messeturm in der Nachfolge amerikanischer Klassiker wie des Chrysler Building oder des Empire State Building so eingängig macht, wird vom Maintower und vom Westhafen-Turm souverän missachtet. Auch Rekordhöhen sind kein Erfolgsgarant, sonst wäre der Commerzbank-Turm populärer. Eher geht es um gefühlte Höhe. Der Doppelturm der Deutschen Bank beispielsweise, lange Jahre dank starker Fernsehpräsenz das deutsche Hochhaus schlechthin, gehört mit 155 Metern zur mittleren Kategorie und erfüllt gerade so eben das Maß, das sich international für Wolkenkratzer durchgesetzt hat: mindestens 150 Meter. Doch die Präsenz von "Soll und Haben", wie die Doppeltürme von den Frankfurtern genannt werden, ist ungebrochen - als wäre die Höhe beider Türme, die schon in ihrer Zwillingsgestalt und mit ihrer Spiegelhaut auf Verdoppelung und Vervielfachung angelegt sind, zu addieren.

„Wolkenkratzer-Festival“: Am 12. und 13. Mai sind die Spitzen von fünfzehn Hochhäusern in Frankfurt öffentlich zugänglich. Dann findet zum vierten Mal das „Wolkenkratzer-Festival“ statt, das Hitradio FFH, die Landesbank Hessen-Thüringen und diese Zeitung veranstalten. Die 80000 Eintrittskarten werden vom 17. April an unentgeltlich vergeben, und zwar ausschließlich im Internet unter der Adresse www.wolkenkratzer-festival.de.



Text: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite R8
Bildmaterial: AP, Köhler Architekten, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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