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Home > Reise >, 28. Okt. 2009

Familienurlaub
Das Schweigen der Otter

Während wir durch die flache norddeutsche Heidelandschaft fahren, wird im Auto eine Frage heftig diskutiert: Wie macht eigentlich ein Otter? Unser neunjähriger Sohn vermutet, ein Otter gebe Oing-Oing-Laute von sich, seine sechsjährige Schwester glaubt, dass ein Otter wie ein Seehund schnaube, und der Vater sagt pappelapapp, ein Otter könne gar nichts sagen, der lebe ja vorwiegend im Wasser und schweige deshalb, genau wie ein Fisch. Die Frage kann nicht geklärt werden. Höchste Zeit, dass wir das Otterzentrum in Hankensbüttel am Südrand der Lüneburger Heide erreichen. Denn wir wollen Antworten.

Die Kinder schnappen sich einen der Bollerwagen, die am Eingang für die Besucher bereitstehen, setzen die dreijährige Schwester hinein und steuern die jüngste Attraktion des Otterzentrums an, eine Erlebnisbrücke. Sie betreten die helle Holzkonstruktion, die im Zickzack über den See führt, und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf der Brücke lockt alle paar Meter ein neues Naturerlebnis: ein Barfußpfad, auf dem sie durch verschiedene Becken waten, ein nachgebauter Storchsitz, den sie hinaufklettern, hohes Schilfgras, durch das sie sich genau wie ein Otter schlängeln. Unser Sohn schielt hoffnungsvoll ins Wasser, er will unbedingt einen Otter aus nächster Nähe sehen, um seine Oing-Oing-These zu beweisen. Aber noch hat er kein Glück. Hier im See sieht er keines der scheuen Tiere, dafür aber beim nächsten Höhepunkt, der Fütterung der Otter.

Oma im Pelzmantel

Schon von weitem sehen wir die vielen Menschen, die vor dem Gehege der putzigen Wassertiere stehen, und fragen uns, wo die denn auf einmal alle herkommen; eben auf dem Weg waren wir doch noch ganz allein mit den Grashüpfern und Libellen. Ein Otter macht freudig Männchen, ganz so, als wolle er sich einen Überblick darüber verschaffen, wer alles gekommen ist und ihm beim Fressen zuschaut. Er hält seine Vorderpfoten wie zwei Hände vor dem Bauch und erinnert dabei an ein kleines Kind, das in den viel zu großen Pelzmantel der Oma geschlüpft ist. Die Kinder beobachten, wie die drei flinken Tiere die Fische fangen, die ihnen der Pfleger zuwirft – und sind doch enttäuscht, denn die Otter verschlingen ihre Mahlzeit stumm, geben keinen einzigen Laut von sich und lassen uns weiter rätseln, wie ein Otter macht. Dafür lernen wir vom Tierpfleger, dass ein Otter auf einem Quadratzentimeter Haut bis zu siebzigtausend Haare hat, der Mensch hingegen nur hundertzwanzig. Sein Fell lässt keinen Tropfen Wasser durch und schützt ihn besser als jede Regenjacke.

Das Otterzentrum ist ein in Europa einzigartiger Naturerlebnispark, in dem auf einer Fläche von sechzigtausend Quadratmetern neben sieben Fischottern auch andere Verwandte aus der Familie der Marder leben, etwa Frettchen, Dachse, Hermeline und Iltisse. Träger des Zentrums ist der Verein Aktion Fischotterschutz, sein Vorsitzender Marc Ehlers. Das Otterzentrum, sagt er, sei zwar eine anerkannte Bildungseinrichtung mit dem Anspruch, die Besucher in Sachen Naturschutz zu schulen, trete aber nicht so auf. „Denn dann würde ja niemand mehr kommen. Es hat ja kein Mensch Lust, sich an einem Sonntagnachmittag zu bilden.” Er erledige das mit der Bildung lieber von hinten durch die Brust. Idealerweise sollen die hunderttausend Besucher pro Jahr gar nicht merken, dass sie hier jede Menge über Naturschutz lernen. Das Konzept funktioniert, zumindest bei unseren Kindern.

Die Höhle der Hermelins

Sie poltern mit der kleinen Schwester im Bollerwagen weiter und halten an der nächsten der bunten Lernstationen, die es hier so zahlreich gibt. Den Wagen lassen sie einfach stehen, die kleine Schwester ebenfalls, die schimpfend aus ihrem Gefährt klettert und den großen Geschwistern hinterhereilt. Da stehen auf einem Tisch zwei kleine Häuschen. Das rechte ist von einem schönen Garten mit viel Rasen umgeben, das linke von einem grauen, asphaltierten Platz. Jetzt drücken die Kinder auf einen Schalter, und es beginnt in Strömen zu regnen. Das Wasser tropft auf die beiden Minigrundstücke, und während es rechts langsam im Gras versickert und so ins Grundwasser übergehen kann, steht es links in hässlichen, großen Pfützen auf dem Asphalt – und die Kinder haben en passant etwas über naturfreundliche und naturschädigende Bodenbeläge gelernt.

Wir ziehen weiter über eine grüne Wiese, durch ein schattiges Wäldchen und entlang eines plätschernden Baches bis hin zu einem Erdhügel, so hoch wie ein kleines Haus. Hier wohnen die Hermelins. In dieser dunklen, feuchten Höhle stehen wir staunend vor meterlangen Gängen, die in Schlangenlinien durch die Erde führen und erkennen, wie treffend die Redensart „Flink wie ein Wiesel” ist. Denn die weißen, zierlichen Verwandten des Wiesels huschen so geschwind durch ihre unterirdischen Gänge, als seien sie in größter Eile. Dabei halten sie es genau wie die Otter, sie sagen auch nichts, keinen einzigen Ton bekommen wir von diesen Tieren zu hören. Dafür riecht es umso eindrucksvoller, es stinkt genau genommen wie in einem Löwenkäfig, und das, obwohl so ein Raubtierchen nur sechshundert Gramm wiegt. Dafür fressen sie wie die Weltmeister. Wenn wir Menschen im Verhältnis so viel essen würden wie die Hermelins, müssten wir jeden Tag zwanzig Koteletts vertilgen.

Keckerlaute vom Flussbewohner

Nicht beanstanden muss unsere Tochter den Geruch bei den Dachsen. Die zwanzig Kilogramm schweren Tiere besitzen zwar ein eindrucksvolles Raubtiergebiss, mit dem sie einem Hermelin sämtliche Knochen brechen könnten, ernähren sich aber überwiegend von Regenwürmern und Beeren, weswegen es hier recht moderat riecht. Unsere Kinder stürzen sich auch hier auf eine der bunten Lerntafeln, die sie allesamt spannend finden, denn an jeder gibt es etwas aufzuklappen, zu drehen oder zusammenzustecken. Hier erfahren sie, dass ein Dachs ein Stöberjäger ist, was bedeutet, dass er seine Schnauze in die Erde stößt, um die Regenwürmer aufzustöbern. Die Kinder drängen weiter. Noch waren wir nicht bei den Frettchen, die sie unbedingt auf den Arm nehmen und das weiche Fell streicheln wollen. Und zum Fluss wollen wir auch, denn vielleicht löst sich unser Rätsel dort, wenn wir die Fischotter beim Schwimmen und Herumtollen beobachten können, ein Schauspiel, das außerhalb des Otterzentrums in Deutschland kaum noch zu sehen ist. Denn der Fischotter wurde wegen der schlechten Wasserqualität in deutschen Flüssen, Seen und Teichen nahezu ausgerottet. Der Verein Aktion Fischotterschutz arbeitet seit vielen Jahren daran, das ökologische Gleichgewicht der Gewässer wiederherzustellen. Mit Erfolg, in der Gegend rund um Gifhorn hat sich der Otter wieder angesiedelt.

Nach vier Stunden Rundgang durch dass Otterzentrum schmerzen die Füße, im Bollerwagen sitzen inzwischen alle drei Kinder, und der Kopf brummt vom neu Erlernten. Doch da auch die Otter am Fluss nicht in Plauderlaune waren, tappen wir immer noch im Dunklen. Also schnell noch den Mann gefragt, der es wissen muss: Wie macht denn nun ein Otter? Marc Ehlers muss selbst erst überlegen und meint schließlich, ein Otter gebe Kecker-Laute von sich. Nachmachen könne er die aber beim besten Willen nicht. Dann müssen wir wohl wiederkommen und hoffen, dass die Otter beim nächsten Besuch gesprächiger sind.



Information: Otterzentrum Hankensbüttel, Sudendorfallee 1, 29386 Hankensbüttel, Telefon: 05832/ 98080, Internet: www.otterzentrum.de; täglich geöffnet von 9.30 Uhr bis 18 Uhr, Dezember und Januar geschlossen. Die Tageskarte kostet 6,50 Euro für Erwachsene und 4 Euro für Kinder.
F.A.Z.
Janina Dörmann


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