Paris

Amélie lebt hier nicht mehr

Von Michael Bengel

27. November 2006 Rund um Sacré-Coeur vertreiben die Touristen virtuos die Atmosphäre, die sie suchen. Vom Geländer mit dem Panorama schauen sie hinauf auf ihresgleichen und hinunter auf die Stadt. Nichts da von Amélie Poulain. Es heißt, Jean-Pierre Jeunet, ihr Regisseur, habe am Computer nach Belieben alle Menschen ausradiert, die ihn auf den Bildern störten. Vielleicht hat er hier oben ja dafür geübt, und sein Meisterstück: Das wurde dann der Tisch am Rand der menschenleeren Place du Tertre, dessen Decke sich im Wind so bauchig wölbt. Immerhin: man sieht das Karussell tief unten auf der Place St-Pierre, ganz wie im Film, natürlich nicht die Telefonzelle daneben, die, wie in den meisten Filmen, ausgerechnet da steht, wo nie im Leben eine stünde. Würstchenbuden haben in der Fernseh-Kunst das gleiche Schicksal. Doch wenn man aufschaut, Sacré-Coeur im Rücken, sieht man, immerhin: Paris. Dasselbe wie im Film. Dasselbe?

Seit es Montmartre zweimal gibt, eines in Wirklichkeit und eines im Kino, hat sich das Verhältnis von Leben und Kunst um mindestens eine Arabeske weitergedreht.

Hier heißt niemand Collignon - Champignon

An der Ecke Rue des Trois Frères, Rue Garreau und Rue Androuet finden wir tatsächlich Amélies Gemüseladen, Maison Collignon, wo sie regelmäßig eine Feige und drei Haselnüsse kauft. Dieselbe rote Markise, auch wenn jetzt wieder „Au Marché de la Butte“ darauf steht, so wie nun, neben Obst und Gemüse, auch Amélie-Postkarten in Drahtgestellen angeboten werden, auch jetzt noch, so viele Jahre nach dem großen Erfolg des Films „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Es gibt hier einen Gartenzwerg, und wie damals im Film steht „Maison Collignon, fondée en 1956“ über der Markise, doch das ist ein Schild aus dem Film und im wirklichen Leben ein Gimmick. Ein Beitrag der Kunst an das Leben.

Hier heißt niemand Collignon, und niemand schmiedet Reime auf den Bösewicht: Collignon - Champignon; im Gegenteil: Der richtige Besitzer ist nach allen Seiten freundlich und gebürtig aus Marokko und verkörpert damit eher Lucien, den algerischen Gehilfen, der es so gut mit dem Chicorée konnte und den der böse Collignon nur „Schwachkopf“ nennt.

„Crème Brulée Amélie Poulain“

Doch die Schwachköpfe sind wir. Wir wollen uns partout nicht mit dem schönen Schein begnügen und suchen ihn tatsächlich weiter in der Wirklichkeit Montmartres oder in der Gare de l'Est, als wüßten wir nicht, daß man den Rest des Films in Köln gedreht hat, der Filmstiftung Nordrhein-Westfalens zuliebe.

Die Rue Lepic hinunter, Nr. 15, finden wir zuletzt auch das „Café des 2 Moulins“. Es ist so voll wie damals nur die Kinos: dieselbe gelbe Decke, dieselbe ordinäre Theke, dieselben schreienden Lampen und dieselbe Unisex-Toilette, die Scheibe allerdings verklebt. Man weiß ja nie. Die Crème Brulée heißt hier jetzt „Crème Brulée Amélie Poulain“. Die große Spiegelwand am Ende ist mit einem Filmplakat verhängt, das es im Film natürlich nicht gab. Dafür fehlt der Zigarettenstand der ewig kränkelnden Georgette.

Amélie bedankt sich

Im Jahre 2002, ein Jahr nach dem Film, in der Zeit des Erfolgs, wechselte das „Deux Moulins“ seinen Besitzer. Der neue Eigner warf die Zigarettenbude raus, um Platz zu schaffen für noch mehr Touristen, die sie hier zu sehen hofften und mit ihrer Seh-Sucht arglos selber auf den Müll befördert hatten. Ihm drückte wohl die Ähnlichkeit des „Deux Moulins“ aufs Portemonnaie, vielleicht ging ihm auch nur der ganze Rummel auf die Nerven.

Wir sitzen jedenfalls auf braun geripptem Kunstleder, das seine alte Schaumstoffpolsterung erbricht, und warten lange auf Bedienung. Die heißt Stephanie und raucht Kette, während wir in der Diaspora der Nichtraucher noch eben Platz gefunden haben, gleich neben der überbeschäftigten Küche. Statt eines Biers kommt dann ein Panaché, und das Glas Wasser zum Café schafft den Weg bis an den Tisch nicht mal auf Nachfrage. Wir zahlen. Das ist nicht das „Deux Moulins“, das wir besuchen wollten. Oder doch? Was steht auf dem Kassenzettel, unten in der Mitte? „Amélie vous remercie“. Amélie bedankt sich. Und diesmal wir sind überzeugt: Das täte sie tatsächlich, wenn sie könnte.

„Café des Deux Moulins“, 15, rue Lepic, F-75018 Paris.



Text: F.A.Z., 23.11.2006, Nr. 273 / Seite R4
Bildmaterial: CINETEXT

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