Großbritannien

Im Zeichen des roten Löwen

Von Michael Bengel

Der „Red Lion”, Zeichen der Stuarts

Der „Red Lion”, Zeichen der Stuarts

17. Februar 2006 Man findet sie noch immer auf dem Land: die Inns, die ihre Existenz der Reisetradition verdanken, die Bleibe für Fremde oder neue Pferde. Mit Namen wie „The Coach & Horses“, „The Packhorse“, „Woolpack“ oder „Tollgate Inn“ erinnern sie an den Personen- und Warenverkehr. Heute werben sie auf großen Transparenten für den „Sunday Roast“ mit Yorkshire Pudding und das Quiz am Montag abend.

„Crossed Keys“ in Kneipenschildern jedoch stehen nicht für abschließbare Zimmer, sondern weisen nochmals weiter in der Zeit zurück, auf Petrus und erinnern daran, daß die ersten Gäste Pilger waren. Und alle ihre bunten, ausdrucksstarken Bilder teilen unaufdringlich mit, daß es vorzeiten eine Zeit gegeben hat, da Lesen noch nicht jedermann gegeben war.

Spiel mit Namen und Bedeutung

Die meist noch immer handgemalten Kneipenschilder, die „Pub Signs“, sind ein unerschöpfliches Verweissystem von Zeichen und Symbolen aller Art, ein Netz aus Intertextualität im ganzen Land, dem Reisenden zur referenzsemantischen Herausforderung in den Blick gehängt. Vor allem mit dem Bier- und Bauboom der viktorianischen Ära wuchs der Bedarf an Kneipennamen sprunghaft an - auf heute sechzigtausend im Vereinten Königreich -, und so wie Zeichen stets auf Distinktion bedacht sein müssen, wuchs das Repertoire: erkennbar in die Breite, nachweislich in die Tiefe. Man mochte sich vom Alltag inspirieren lassen wie vom Sport (“The Cricketeers“), von Ackerbau und Fischfang wie von den jüngsten Siegen des Imperiums, zum Beispiel 1854 auf der Krim (“The Alma“).

Reizvoller aber ist die ironische Variation des Vertrauten, das Spiel mit Namen und Bedeutungen. Wie viele „Hare and Hounds“ und „Hounds and Foxes“ hat man schon gesehen, doch nicht immer sind die Hunde des Gejagten Tod, manchmal sitzen sie, einander ebenbürtig, allesamt am Tisch und trinken Wein. Zwar ist ein „Halfway House“ das Haus auf halbem Weg, wo man die Pferde oder ein paar Worte wechseln konnte, doch derselbe Name läßt als „Zwitterding“ auch anderes vermuten. Und was, wenn „Bat & Ball“ zwar an die Krickettradition erinnert, das Bild indes tatsächlich eine Fledermaus (“bat“) als Silhouette vor dem Sonnenball erkennen läßt?

Elizabeth oder Victoria?

Mächtige Entwicklungslinien winken, abgesunken, dem, der ihre Zeichen lesen kann: „The Anchor“ mag, als reines Bildzeichen gelesen und als Indexzeichen genutzt, auf die Seefahrt und das nahe Meer verweisen, weit eher aber ragt er aus der Wand als gängiges Symbol für „Hoffnung“, so wie „The Lamb“ allegorisch vereinbart auf Christus verweist, in jedem „Ship“ die eine Arche mitgemeint sein mag und selbst „The Bull“ als korrumpierte Form von „bulla“ für das klösterliche Siegel stehen kann.

Durch ihre Entstehung bedingt, tragen viele alte „Taverns“ auf dem Land den Wappenschmuck der Landbesitzer und heißen dann auch so (“The Norfolk Arms“), noch öfter prangen sie in einem nachvollziehbaren Gemisch aus Loyalität und Opportunität: „The Crown“ und „The Red Lion“ (ursprünglich das Zeichen des Herzogs von Lancaster, von James I. als Stuartlöwe populär gemacht) wie den weißen Hirsch, „White Hart“, das Zeichen Richards II. Die drei, vom roten Löwen angeführt, sind die königlichen Favoriten vor der Wirtshaustür. Bei einem „Queen's Head“ liegt das Wesentliche der Bedeutung meist im Bild: Wer ist hier dargestellt, Elizabeth, Victoria, in welchem Alter und mit welchem Blick?

Die königliche Eiche

Aber wer hätte gedacht, daß der populäre Name „Rising Sun“ nicht den Sonnenaufgang meint, auch nicht die „Animals“ und ihr besungenes Bordell, sondern Edward III.? Kein Zeichen freilich bietet so viele Varianten wie „Royal Oak“: Meist zeigt es eine Eiche nebst einer Gestalt in der Krone zur Erinnerung an Charles II., der sich, der Überlieferung zufolge, nach der Schlacht von Worcester 1651 vor Cromwells Skinheads in eine Eiche rettete. So bekannt ist die Szene, daß eine Königskrone über dem Laub als Pars pro toto schon genügt. Doch königlich ist auch die Eiche selbst.

Wer sie aufs Schild hebt, ehrt den König wie den Baum, und falls ihm einer Böses wollte, eben nur das Holz. So gibt es schließlich, viertens, „Royal Oaks“, die mit dem Kunstgriff der Metonymie zum selben Namenswort ein stolzes Segelschiff im Schilde tragen, für das ein kleiner Eichenhain verzimmert wurde. An Charles erinnern freilich auch noch sie, denn sieben oder (je nach Zählweise) elf Schiffe erhielten nach dem ersten Stapellauf von 1664 ihren Namen nach jener Eiche von Boscobel House.

Text: F.A.Z., 16.02.2006, Nr. 40 / Seite R10
Bildmaterial: F.A.Z.-Michael Bengel

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