Von Volker Mehnert
16. Mai 2008 Er sei tot, heißt es vom Flaneur, eine ausgestorbene Spezies. Das Spazieren, wie es im Paris des neunzehnten Jahrhunderts in Mode war und von Walter Benjamin als "Memorieren im Schlendern" beschrieben wurde, jedenfalls ist nicht mehr en vogue. Aber das Wandern gilt als zeitgemäße und akzeptable Freizeitbeschäftigung, und deshalb haben wir uns aufgemacht, die Stadt zu Fuß zu durchqueren. Für dieses Vorhaben gibt es sogar eine markierte, knapp zwanzig Kilometer lange Route von Ost nach West, die "Traversée de Paris". Dass wir dabei dann doch immer wieder ins Flanieren verfielen, liegt in der Natur der Streckenführung.
Es beginnt an der Porte Dorée mit einem Umweg. Die Wanderroute nach Westen führt uns zunächst in die Gegenrichtung. Die Grünflächen des Bois de Vincennes sollen wohl gleich zu Anfang auf den beschaulichen Charakter des gesamten Weges einstimmen. Frühaufsteher und Schlaflose haben sich hier eingefunden. Ein Herr sitzt auf einer Bank und liest die Morgenzeitung. Ein Ehepaar, noch im dicken Mantel, ist ebenfalls in seine Lektüre vertieft. Einige ältere Männer spielen zu dieser Morgenstunde schon Boule. Die Ruderboote auf dem kleinen See dümpeln vor sich hin und warten auf Ausflügler. Die Metropole liegt in einem stillen Frieden mit sich selbst. Doch das täuscht. Nur hundert Meter entfernt verläuft der Boulevard Périphérique, die Ringautobahn um Paris, die zu dieser Uhrzeit vom Ansturm der Pendler verstopft ist. Wir spüren davon allerdings nichts, denn die berüchtigte Verkehrsader versteckt sich hier in einem Tunnel unter der grünen Wiese.
Ein kleiner Markt bei Notre-Dame-de-Bercy
Uns führt der Weg stattdessen hinein in ein ruhm- und glanzloses Wohnviertel, das aber seinen eigenen morgendlichen Charme entfaltet. "Vom freundlichen Anschauen bekommt auch das Garstige eine Art Schönheit ab. Das wissen die Ästheten nicht, aber der Flaneur erlebt es", notierte der Schriftsteller Franz Hessel, der vor dem Ersten Weltkrieg acht Jahre in Paris verbrachte und dem bei seinen städtischen Exkursionen die "Straße als Lektüre" erschien. Die Cafés an unserer Flanierstrecke sind nicht garstig, aber schlicht und heißen "Le Rallye", "Aux Quatre Saisons" oder "La Terrasse". Dort trinkt man rasch einen Kaffee am Tresen oder lässt sich für ein paar Scheibchen Baguette mit Marmelade an einem der runden Tische nieder. Ein Waschsalon hat schon seit sieben Uhr geöffnet, und ein einsamer junger Mann starrt dort regungslos in die Waschtrommel. Herrchen und Frauchen jeden Alters führen ihre Hunde auf den Trottoirs zum Morgengeschäft. Vor der Kirche Notre-Dame-de-Bercy ist ein kleiner Markt aufgebaut; neben Gemüse, Obst und Fisch hängen Hemden und Damenunterwäsche. Gegenüber steht ein halbes Dutzend Feuerwehrmänner vor einer der achtundvierzig Pariser Feuerwachen; sie rauchen und halten mit den Passanten ein Schwätzchen.
Dann kommt die nächste Grünfläche, der Parc de Bercy. Die streng geometrisch angeordneten Blumenrabatten, Wiesen und Hecken sorgen für versteckte Winkel und beschauliche Ruhezonen. Im Hintergrund ragen die vier kantigen Türme der Bibliothèque Nationale in den Himmel. Hier könnte man vom Weg abweichen und auf der famos geschwungenen Fußgängerbrücke Passerelle Simone de Beauvoir die Seine überqueren, um im Lesesaal der Bibliothek eines der mehr als zehn Millionen Bücher zu studieren. Unsere markierte Route aber führt stattdessen vorbei an der futuristisch-ökologischen Konstruktion des Palais Omnisports, auf dessen schräg gestellten Wänden große Wiesen angelegt sind, die nur mit besonderen Rasenmähern instand gehalten werden können.
Das Hôpital Salpetrière
Nach Überquerung der Seine legen wir bei "Lili et Marcel" eine Kaffeepause ein. In einer Reihe stehen die Stühle und Tische vor dem Café und erlauben einen Blick auf den schönsten Streckenabschnitt der Pariser Métro. Die Linie sechs verläuft hier oberirdisch über ein Seine-Viadukt, das mit seinen drei Dutzend gleichmäßig angeordneten Bögen wie ein römisches Aquädukt wirkt. Die Handvoll Gäste neben uns hat es nicht eilig, sondern schlägt den Vormittag offenbar mit erregtem Palaver über die neuesten privaten Eskapaden des französischen Staatspräsidenten und seiner exaltierten Gattin tot. Viele Passanten hingegen stehen unter Zeitdruck; auf ihrem Weg zur Nationalbibliothek kaufen sie in der benachbarten Bäckerei frische Baguettes, die sie schon bei den ersten Schritten aus dem Laden heraus anknabbern.
Mit seinen fast hundert Haupt- und Nebengebäuden ist das Hôpital Salpêtrière das größte Krankenhaus in Paris und eine Kleinstadt für sich. Der Wanderweg führt mitten durch eine chaotische Architekturmischung, die in den drei Jahrhunderten, seit LudwigXIV. den Bau eines Armenhospitals anordnete, gewachsen ist. Am Vorabend der Französischen Revolution waren hier zehntausend Kranke untergebracht. Prachtbauten aus dem späten siebzehnten Jahrhundert umschließen das Gelände, dessen Mitte ein Park bildet, in dem vom Lärm der Stadt nichts zu hören ist. Hier schnappen nicht nur die Genesenden frische Luft; unter den mächtigen Kastanien treffen sich auch Studenten und Boulespieler aus der Nachbarschaft. Es ist ein Park, der in keinem touristischen Stadtplan verzeichnet ist und der doch die typische Pariser Atmosphäre nicht besser widerspiegeln könnte.
Die Ausmaße der Kirche Saint-Louis entsprechen der Größe des Hospitals; vom achteckigen Hauptschiff gehen in alle Richtungen Kapellen und Seitenschiffe ab. So konnten viertausend Patienten mit unterschiedlichen Krankheiten gemeinsam und doch in getrennten Abteilungen am Gottesdienst teilnehmen. Kahl und verwahrlost erscheint die kolossale Kirche heute. Von den Kranken verirrt sich nur selten jemand hierher, es flackern lediglich ein paar Kerzen. Ansonsten herrscht gespenstisches Schweigen. Von den sechs Aposteln am Eingang blättert der Putz; nur mit Hilfe von provisorischen Holzgerüsten können sie sich noch aufrecht halten. Sie mögen die Welt nicht mehr verstehen, verziehen aber keine Miene. Was soll auch der Apostel Simon von dem Schild neben sich halten, das das Benutzen von Mobiltelefonen untersagt?
Hinüber in den Jardin de Plantes
Nur wenige hundert Meter weiter beschert uns der Wanderweg abermals eine Oase im urbanen Getriebe. Hinter einem verwinkelten Zugang versteckt sich der dreißig Hektar große Jardin des Plantes des Naturhistorischen Museums. Der riesige botanische Garten am linken Seine-Ufer ist das Gegenstück zu den Tuilerien. Anstelle von Touristen freilich begegnet man vorwiegend Pariser Rentnern, Liebespaaren, joggenden Studenten und stolzen Eltern, die inmitten der blühenden Bäume und Blumenrabatten Fotos von ihren Kindern machen. Hier scheinen die Menschen noch der Aufforderung des Stadtwanderers Franz Hessel zu folgen: "Mach Minutenferien des Alltags, flaniere ein Stück Wegs."
Hundert Meter weiter durch eine Seitenstraße und um die nächste Ecke, und schon betreten wir den nächsten Park. Er umrandet die Überreste der Arènes de Lutèce, einer antiken Arena aus dem zweiten Jahrhundert. Sie war mit ihrem Fassungsvermögen von fünfzehntausend Zuschauern damals der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in der römischen Siedlung Lutetia. Hat man den etwas versteckten Eingang schließlich entdeckt, findet man sich inmitten von spielenden Kindern, schwatzenden Eltern, dösenden Rentnern und natürlich Boulespielern wieder. Hinter den steinernen Tribünen ragen noble Wohnhäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert hervor, deren gekrümmte Fassaden harmonisch an die Rundung der Arena angepasst wurden.
Rast an der Place de la Contrescarpe
Über eine Treppe gelangen wir anschließend in die Rue Rollin, eine uralte Pariser Gasse mit Kopfsteinpflaster, aus der jeglicher Autoverkehr verbannt ist. Hier hat einst der Philosoph René Descartes gewohnt. Die Wände der dreistöckigen Häuser neigen sich schief zur Gasse hin, der Putz blättert, und die Fensterläden hängen lose in ihren Angeln. Wie beliebt dieses Stadtviertel aber inzwischen ist, beweisen die vornehmen Residenzen, die in jüngster Zeit in Hinterhöfe und Baulücken eingepasst wurden. Es ist still hier, und wieder begegnen uns vor allem Hundehalter mit ihren vierbeinigen Lieblingen. Dennoch müssen wir beim Gehen nicht ängstlich auf den Boden schauen, denn die Pariser nehmen die in den Straßen angeschlagene Parole ernst: "J'aime mon quartier; je ramasse." Hundekot wird prompt mit Plastiktüten aufgehoben und entfernt.
Das tut auch dem schönsten Platz entlang der Traversée durch Paris gut, der Place de la Contrescarpe: rund, still, frei von Autoverkehr, in der Mitte ein Brunnen, rundherum Cafés, Bistros, ein Bäcker, ein Metzger, ein Zeitungskiosk und ein Gemüseladen. Sind wir hier in einer französischen Provinzstadt gelandet? Gassen gehen sternförmig nach allen Seiten hin ab, und von überall kommen die Leute und reihen sich ein in den Kreisverkehr der Fußgänger auf dem Platz, viele mit einem Baguette unterm Arm. Eine hübsche Standuhr zeigt die Zeit an. Ein schmales, windschiefes Haus trägt die Jahreszahl 1748. Das Nachbargebäude darf sich auch in diesen Zeiten "Au Nègre Joyeux" nennen und auf einem großen Gemälde einen lachenden schwarzen Hausburschen zeigen, der eine weiße Madame bedient. Im Café de la Contrescarpe lassen wir uns eine halbe Stunde lang in den Ledersesseln nieder und bewundern eine ganze Regalwand mit wertvoll gebundenen Büchern.
Am Pantheon vorbei zum Jardin de Luxembourg
Beim Weitergehen taucht plötzlich am Ende einer Seitengasse, keine hundert Meter entfernt, die mächtige Kuppel des Panthéons auf. Doch der Reiz des Monumentalen hat sich für uns wandernde Stadtstreicher inzwischen relativiert. Wir schauen mit größerem Interesse auf die herrschaftlichen Bürgerhäuser im Vordergrund, die ihren Pomp filigraner und weniger aufdringlich zur Schau stellen als der Ruhmestempel für die großen Persönlichkeiten der französischen Nation. Diese Musterhäuser der Belle Époque präsentieren an ihren siebenstöckigen Fassaden feinsinnig gegliederte und ausgearbeitete Stuckverzierungen, schmiedeeiserne Balkonbrüstungen und messingbeschlagene Toreingänge. Zwischen diesen Mauern fühlen wir uns gut aufgehoben und fangen langsam an, Walter Benjamins Fußnote übers Flanieren auch für uns zu beanspruchen: "Die Straße wird zur Wohnung für den Flaneur, der zwischen den Häuserfronten so wie der Bürger in seinen vier Wänden zu Hause ist."
Monumental in seiner Ganzheit und intim im Detail zeigt sich der Jardin du Luxembourg. Er hat als zweites Zuhause Generationen von Pariser Bürgern, Dichtern und Philosophen gedient und bringt vorübergehend ungewohnt viel Trubel in unsere bis dahin beschauliche Durchquerung von Paris. Hunderte, ja Tausende von Stühlen und Bänken stehen auf den Wiesen und unter den Bäumen. Trotz des Massenandrangs findet man fast immer ein Plätzchen. Und wer sagt, dass es keine Pariser Flaneure mehr gebe? Hier sind sie noch unterwegs, die gesetzten Herren im feinen Zwirn, auf der Suche nach einem Bad in der Menge, nach ein wenig nachmittäglicher Abwechslung oder vielleicht sogar einem kleinen Liebesabenteuer.
Auf dem Marsfeld
Auf dem folgenden Streckenabschnitt tauchen wir für eine Weile ins hektische, touristische Paris ein. Die Traversée präsentiert den Invalidendom auf dem Silbertablett: Aus einer Nebenstraße biegen wir ein in die breite Avenue de Bréteuil und gehen durch diese urbane Schneise direkt auf das kolossale Gebäude mit seiner vergoldeten Kuppel zu. Als Streuner durch enge Gassen und Nebenstraßen fühlen wir uns aber weiterhin dem kleinteiligen Paris verbunden und spüren ein wenig schmerzlich, dass hier einst ein ganzes Stadtviertel für diese monumentale Perspektive geopfert wurde. Und auch als nach einer weiteren Querstraße plötzlich wie aus dem Nichts der Eiffelturm auftaucht, erscheint uns dessen gesamte Anlage ein wenig überdimensioniert. Unser Blick schweift deshalb von dem metallischen Ungetüm erst einmal auf die schmucken Häuserfronten zu beiden Seiten des Champ de Mars. Wer mag in einer solch privilegierten Lage wohnen?, fragen wir uns unwillkürlich, bevor wir eine Viertelstunde lang im Trubel des Besucherstroms untertauchen.
Jenseits des Eiffelturms, am Quai de Branly, trifft die Traversée wieder auf die Seine und überquert den Fluss zum zweiten Mal, zusammen mit der Metrolinie sechs, die wir hier ebenfalls wiedertreffen. Das hätte man einfacher haben können, denken wir einen Moment lang, doch dann ist dieser Anflug von Bequemlichkeit schnell wieder vergessen - auch wenn der Weg ins gutbürgerliche Wohnviertel Passy über eine steile Treppe führt, über die der Metrowaggon auf eisernen Stelzen hinwegbraust.
Besuch bei Balzac im alten Passy
Einige Schritte weiter verschwinden wir im Parc de Passy, einer neuen Gartenanlage inmitten von modernen Apartmenthäusern. Im Hintergrund lugt zwar noch der Eiffelturm über die Dächer, im Park selbst aber erinnert nichts mehr an den touristischen Auflauf dort. Stattdessen haben sich die unmittelbaren Anwohner zwischen Hecken und Pergolas ihre bevorzugten Winkel ausgesucht, in denen sie ihre müßigen Nachmittage verbringen. Hier, wie in allen Pariser Parks, hängt ein kleinliches Règlement mit siebenunddreißig Artikeln in drei kleingedruckten Spalten aus, die über das richtige Verhalten in der Anlage informieren. Wir mögen sie nicht alle durchlesen und sonst wohl auch niemand.
Hinter dem Park liegt die Maison de Balzac, das ehemalige Wohnhaus des Schriftstellers, an dem wir nicht so einfach vorbeilaufen können. Schließlich sind wir gerade dabei, jenes Paris des Alltags zu durchwandern, das er in seiner Menschlichen Komödie bis ins letzte Detail beschrieben hat. Wie durch ein Wunder ist das schlichte Gebäude noch zwischen den luxuriösen Wohnblocks erhalten geblieben. In seiner Hütte in Passy hat Balzac sich während der späten Lebensjahre vor seinen Gläubigern versteckt und wie besessen an immer neuen Texten gearbeitet. Ein großer Teil seines gewaltigen Werkes ist in den engen und miefigen Zimmern entstanden, an einem Schreibtisch, über dessen Größe sich heute sogar ein Erstklässler beschweren würde. Die Räume bergen ein veritables Balzac-Panoptikum: Neben einer Genealogie mit mehr als zweitausend Figuren aus der Menschlichen Komödie findet man Illustrationen aus seinen Büchern sowie seitenlange Originalmanuskripte, mit Balzacs winziger Schrift bekritzelt und für den ungeübten Betrachter vollkommen unleserlich.
Ausklang im Bois de Boulogne
In einer Brasserie am Wegrand erholen wir uns von dieser geballten Ladung Literaturgeschichte. Hier interessiert sich niemand für Balzac, denn das Lokal ist zugleich Wettbüro und überträgt auf einem Fernsehschirm die nachmittäglichen Pferderennen. Der Schriftsteller, wenn er denn noch in der Nachbarschaft wohnte, hätte den hier versammelten menschlichen Charakteren, die mit Hingabe auf Gewinn und Verlust fixiert sind, vermutlich eine Erzählung oder gleich einen ganzen Roman gewidmet.
Es ist früher Abend, und unsere Wanderung neigt sich ihrem Ende entgegen. Im Jardin Ranelagh, der schließlich in den riesigen Bois de Boulogne übergeht, zeigt sich Paris noch einmal von seiner grünen Seite. Dass die Hektik der Großstadt dennoch nicht weit ist, kann man deutlich hören: Auf dem Boulevard Périphérique, der hier parallel zum Waldweg verläuft, tobt laut und vernehmlich der Feierabendverkehr. Nach neunzehn Kilometern finden wir schließlich auch den Endpunkt der Traversée: Mit ihrem libellenförmig aufgefächerten Art-déco-Eingang ist die Metrostation Porte-Dauphine eine der schönsten von Paris - ein würdiger Zieleinlauf für unseren Marsch durch die Falten und Furchen der Metropole.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Volker Mehnert