Von Roland Wiedemann, Liverpool
17. April 2008 Am Ende der Straße kann man es hören. Das Lied, das die gefühlskältesten Männer tief im Herzen berührt. Hier in der menschenleeren Pulford Street ist Gerry Marsden von den Pacemakers auf sich gestellt. When you walk through a storm, hold your head high and don't be afraid of the dark.
Der Fanchoral kommt aus dem Fenster eines dieser Reihenhäuschen, von denen es in Liverpool Tausende gibt. Hier im Stadtteil Anfield sind viele der terraced houses verwaist. Beinahe jede zweite Eingangstür ist mit einer Metallplatte verbarrikadiert. In den Vorgärten sammelt sich der Müll, Glasscherben und Stacheldraht sichern Hinterhofmauern.
Trainerlegende in Bronze
Das letzte Backsteinhaus in der Pulford Street ist noch bewohnt. Ein Junge mit blonden, kurzgeschorenen Haaren steht auf der Eingangstreppe. Er hält einen Ball mit abgewetztem Kunstleder unterm Arm. Der Junge lächelt, als er meinen roten Schal sieht. Ich lächle zurück. Ein paar Meter weiter biege ich um die Ecke und höre noch, wie Gerry Marsden das finale You'll never walk alone aus den Lungen presst.
Es ist kurz vor drei Uhr. Noch eine Stunde bis zum Anpfiff. FC Liverpool gegen FC Arsenal. Gareth, Volker, Michael, Carlo und Philipp warten vor der Bronzestatue von Bill Shankly. Jener Trainerlegende, die Anfang der 60er Jahre im Stadiontunnel ein gut sichtbares rotes Schild hat anbringen lassen. This is Anfield steht darauf. Ein Hinweis für die gegnerischen Spieler, dass sie nicht in irgendeinem Stadion spielen.
Der Humor, die Pubs, das Guinness
Die Vertreter von Deutschlands erstem und einzigem offiziell anerkannten FC-Liverpool-Fanclub aus Kempten sind wieder fit. Eine intensive Nacht liegt hinter ihnen. Volker, der Liverpool-Neuling, kann es immer noch nicht fassen, was er am Abend in der Mathew Street gesehen hat. Das war ein ganz normaler Samstagabend hier, erklärt ihm Gareth, der Club-Präsident, der fünf Jahre an der Merseyside lebte. Schon von weitem war laute Musik zu hören gewesen. Dann wurden es immer mehr Menschen. Die Liverpooler Innenstadt wurde zu einer einzigen großen Partyzone.
Für Gareth und mich endete die Kneipentour kurz vor drei Uhr in Flanagan's Apple, einem Pub mit Livemusik im Keller. Gareth, der nächstes Jahr 58 wird, erzählte beim letzten Guinness, dass er der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen war. 27 Jahre ist das jetzt her. Er fühle sich im Allgäu wirklich wohl, sagte der gebürtige Waliser, als er sein leeres Bierglas am Tresen abstellte. Doch ab und zu brauche ich die Liverpool-Atmosphäre. Die lachenden Gesichter, den Humor, die Pubs, das Guinness und natürlich den Fußball. Beim Verlassen von Flanagan's Apple deutete Gareth auf die Inschrift gleich neben dem Eingang. Liverpool is the pool of life, steht da. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung hat das einmal gesagt.
Shankly setzte aufs Kollektiv
Liverpool, was so viel heißt wie die schlammige Bucht, war bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Hauptumschlagplatz für Güter aus den Ländern des Commonwealth, eine blühende Hafenstadt, eine der reichsten im Empire. Anfang der 60er Jahre ging es wirtschaftlich bergab, mit dem Fußball aber dank Shanklys sozialistischer Spielphilosophie, die aufs Kollektiv setzte, stetig bergauf. Seitdem denkt man an die Beatles und Arbeitslosigkeit, wenn der Name Liverpool fällt. Und natürlich an die Anfield Road.
Royal Liver Building, Port of Liverpool Building und Cunard Building - The Three Graces am Hafen sind die stattlichen Symbole des längst vergangenen Wohlstands. Die Fassaden der drei Grazien zwischen St. Nicholas Place und Mann Island strahlen heute noch in hellem Glanz. Vielerorts haben die schlechten Zeiten dagegen ihre Spuren hinterlassen. Heruntergekommene Viertel mit eingeschlagenen Fensterscheiben, Industriebrachen und schmuddelige Hinterhöfe. Und der Mersey schlägt als braune Brühe träge an die Kaimauer. Europas Kulturhauptstadt 2008 gehört zweifellos nicht zu den urbanen Schönheiten des Kontinents. Dafür sind die Scousers, wie die Liverpooler sich selber nennen, umso herzlicher - auch im Umgang mit deutschen Gästen.
Alle reden über das nächste Match
Mrs. Finn ist da keine Ausnahme. Nach der kurzen Nacht sitzen nur Gareth und ich im Hotel Belvedere am Frühstückstisch. Die anderen verzichten auf bacon and eggs von Mrs. Finn, der Zimmerwirtin, die FC-Liverpool-Fans bedient, obwohl ihr Herz für den Lokalrivalen FC Everton, die Blauen, schlägt.
In dieser Stadt gibt es scheinbar nur ein Thema: Fußball. Egal ob Taxifahrer, Kellner oder Mrs. Finn - alle reden in diesem schwer verständlichen Scouse-Dialekt über das nächste Match oder zur Abwechslung über das vom vergangenen Wochenende. In jedem Pub hängt ein Fernseher, in dem permanent der Ball rollt - und wenn auch nur bei einem Match der 3. Liga.
Als Mrs. Finn an diesem Morgen neuen Tee bringt, zieht sie über den Schiedsrichter her, der beim Merseyside-Derby den blauen Underdogs einen klaren Elfer verweigert hatte. Eine ihrer Silberlocken hängt über der Brille, und die türkisfarbene Strickweste müsste mal wieder gewaschen werden. Mrs. Finn wirkt wie wir an diesem Morgen ein wenig derangiert.
Besucher aus aller Welt wollen die Reds erleben
An einem Heimspielwochenende des FC Liverpool eine zentrumsnahe und erschwingliche Unterkunft zu finden erfordert viel Zeit und noch mehr Glück. Norweger, Dänen, Deutsche, Spanier, Chinesen und Japaner fallen dann in die Stadt ein. Sie alle kommen nicht wegen der anglikanischen Liverpool Cathedral, der Albert Docks oder des Empire Theatre - sie kommen, um die Reds zu erleben.
Es ist Sonntag, Heimspieltag und die Fußgängerzone wieder sauber und fast menschenleer. Ein freundlich grinsender Mann steht hinter einem roten Pult und preist Programmhefte für das heutige Match an. Ein harter Job, weil gleich mehrere Presslufthämmer die sonntägliche Ruhe stören. Es gibt noch viel zu tun in Liverpool.
Tickets kosten bis zu 450 Euro
Michael Jeschke hat ganz andere Sorgen. Er sitzt in einem Ledersessel im Holiday Inn, der etwas feineren Alternative zum Belvedere. Er erzählt vom Anfield-Wahnsinn und all den Dramen, die er schon erlebt hat. Zum Beispiel wenn Frauen ihren Männern zum Geburtstag eine richtig große Freude machen wollen, den Flug nach Liverpool und das Hotelzimmer schon gebucht haben und bei ihm anrufen, weil jetzt nur noch das Fußballticket fehlt. Als sei das das kleinste Problem.
Dabei gelten für Anfield-Karten eigene Gesetze, erklärt Jeschke, der sich mit seinem Reisebüro Ticket & Travel auf Fußballreisen nach England spezialisiert hat. Die Tickets für Spitzenspiele werden mittlerweile für 450 Euro das Stück gehandelt. Manchmal, sagt Jeschke, habe er fast schon ein schlechtes Gewissen, wenn er einem Kunden seinen Traum erfülle. Bei Leuten, die sich das Ganze vom Mund absparen müssen.
Rund 750 Euro kosten Flug, Hotelübernachtung und das Anfield-Ticket. Ein Preis, bei dem Ralf Solte und seine beiden Freunde nicht lange überlegen mussten. Ein Spiel an der Anfield Road war schon immer mein Traum, erklärt der Kaufmann und FC-Bayern-Fan. Aber ich dachte immer, da hat man keine Chance. Tatsächlich beträgt die Wartezeit für eine Dauerkarte knapp 13 Jahre.
Anfield Road ist ein Mythos
Das Stadion an der Anfield Road ist ein Mythos, ein Ort für Fußballromantiker, eine Arena ohne architektonischen Schnickschnack, ein Relikt aus jenen Tagen, als Fußball noch ein Proletensport war. Anfield Road - der Name steht für Purismus und grenzenlose Hingabe. Hier haben in den 60er Jahren erstmals Fußballfans während eines Spiels gesungen. Der berühmte Anfield Roar hat schon Profis nervös gemacht.
Dabei wirkt die Arena von außen alles andere als atemberaubend. Sie erinnert an eine überdimensionale Wellblechkiste - grau und in die Jahre gekommen. Sie passt sich ihrem Umfeld, einer trostlosen Arbeitersiedlung, perfekt an. Immer wieder ist an der Schachtel herumgebastelt worden. Derzeit passen 44 000 Zuschauer in den Funktionsbau - viel zu wenig für einen europäischen Topverein. Eine moderne Arena mit 60.000 Sitzplätzen ist in Planung. 2010 oder 2011 sollen die Reds in den Stanley Park umziehen. Die alte Heimat der Reds wird dann einem neuen Hotel weichen.
Warmsingen in den Pubs
Früher, erzählt Gareth, als wir uns durch den schmalen Durchgang ins Stadioninnere quetschen, haben die Fans schon eine Stunde vor dem Anpfiff gesungen. Am lautesten auf dem Kop, der einstmals berühmtesten Stehplatztribüne der Welt. Ein Menschenmeer, das immer in Bewegung war, einer tosenden Welle gleich. Hatte sie einen erst einmal geschluckt, gab es bis zum Schlusspfiff kein Entrinnen mehr.
Seitdem der Kop 1994 aus Sicherheitsgründen in eine reine Sitzplatztribüne umgewandelt wurde, hat sich vieles geändert. Auch an der Anfield Road gibt es heute Business-Logen und amerikanische Investoren als Club-Eigentümer, die das Fußballvolk am liebsten verjagen würden, um den FC Liverpool selbst zu übernehmen. Und wie in allen anderen Fußballarenen dieser Welt übertönt inzwischen lautes Werbe- und Popgedudel die Fangesänge vor dem Spiel. Die Supporters singen sich deshalb in den Pubs warm.
You´ll never walk alone
Doch das Anfield-Publikum hat auch noch auf den Rängen seine großen Auftritte. Den emotionalsten kurz vor dem Anpfiff, wenn die Spieler aus den Kabinen kommen. You'll never walk alone, schallt es aus mehr als 40.000 Kehlen. Da ist es: das Anfield-Feeling.
Am nächsten Morgen sitze ich wieder allein mit Gareth am Frühstückstisch. Bei den Jungs ist es auch diesmal spät geworden. Als wir später im Taxi Richtung Flughafen sitzen und im Nieselregen durch das graue Liverpool fahren, frage ich Gareth, ob er schon als Kind Liverpool-Fan war. Nein, sagt er und erzählt, dass er bis Anfang zwanzig begeisterter Rugbyspieler war. Aber Liverpool ist eine absolut fußballverrückte Stadt, sagt Gareth. Da musst du ins Fußballstadion gehen. Die Frage ist nur: Bist du ein Roter oder ein Blauer? Ich habe mich für Rot und den FC Liverpool entschieden.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
