Von Helmut Luther
14. Juli 2008 Schon nach dem ersten Tag knirscht der Lavasand zwischen den Zähnen. Vor den winzigen, schwarzgrauen Körnchen gibt es kein Entrinnen. Man findet sie im Rucksack, in den Haaren, in den Schuhen. Sie stecken in den Kleidern und scheinen durch alle Poren zu dringen. Sogar unter den Fingernägeln haben sich dunkle Trauerränder gebildet. Ringsum breiten sich endlose Sandhügel und öde Geröllhalden aus. Im flirrenden Licht dieses drückend heißen Tages scheinen sie sich wie ein wogendes Dünenmeer bis zum Horizont zu ziehen: So weit das Auge reicht, nur nackte Lava. Kein Baum, kein Strauch, der Schatten spenden könnte. Eine Bergtour auf den Ätna, der als ein furchteinflößender, stets in seinen weißen Rauchmantel gehüllter Koloss über der grünen Ebene von Catania thront, gleicht einem Marsch durch die Wüste.
Durch di Valle del Bove hat sich der vernichtende Feuerfluss am häufigsten hinabgewälzt - immer wieder in den vergangenen Jahrhunderten, zuletzt in den Jahren 2004 und 2005. Weit unten, nahe dem Ionischen Meer, haben sich einige Ginsterbüsche in den Felsritzen festgekrallt. Aber hier am oberen Rand des Ochsentales, wie die Valle del Bove übersetzt heißt, hat selbst das unverwüstliche Hornkraut keinerlei Überlebenschancen.
Eine Passion für den Feuerberg
Wir werden uns dem großen Vulkan schrittweise annähern. Respekt ist dabei die Hauptsache, hatte Giuseppe Amendolia seinen Erklärungen zur Aufstiegsroute vorausgeschickt. In zwei Tagesetappen möchten wir den Gipfel des Ätnas besteigen. Unterwegs wird der Süditaliener nicht müde werden, immer wieder zur Vorsicht zu mahnen. Als studierter Geologe und staatlich geprüfter Vulkanführer weiß er, wovon er spricht. Außerdem hat er fast sein gesamtes Leben am Fuß des Ätnas verbracht. Mit seiner Familie lebt er in Nicolosi, einen Ort am Fuße des Berges. Wie oft er schon auf dem Gipfel des Ätnas stand, kann der Vulkanologe nicht sagen. In Zafferana Etnea, dem Nachbardorf, brechen wir frühmorgens auf.
Nach einer knappen Stunde bleibt Giuseppe Amendolia plötzlich stehen und zeigt lächelnd auf zwei etwa gleich große, auffallend runde Vulkanhügel. Beim Ausbruch im Jahr 1669 schenkte uns der Ätna diese perfekt geformten Naturwunder. In unserem Dorf nennt man sie die Brüste von Sophia Loren. Gut möglich, dass Giuseppe Amendolias Ätnabegeisterung mit dieser noblen Geste zusammenhängt. Seiner Passion für den Feuerberg scheint nicht einmal der berufsbedingte Gewöhnungsfaktor zu schaden. Während wir im steilen Zickzack rasch an Höhe gewinnen, zuerst an Oliven- und Weingärten vorbei und dann durch dichtes Macchiagebüsch, bringt Giuseppe Amendolia ein wenig Fachwissen an.
Manchmal regnet es Steine
Der Ätna sei der höchste und aktivste Vulkan Europas. Der Grund dafür sei, dass in Sizilien die europäische und die afrikanische Erdplatte aufeinandertreffen. Wegen seiner ewigen Unruhe schwankt die Höhe des Bergs - je nach dem Verlauf der Eruptionen liegt sie zwischen 3200 und 3350 Metern. Doch wirklich gefährlich, sagt Amendolia, sei das Herumspazieren auf dem schlafenden Ungeheuer nun nicht. Denn auch wenn es plötzlich Feuer spucken sollte, fließt die 1100 Grad heiße Lava normalerweise so langsam über die Bergflanken herunter, dass genügend Zeit zum Fortlaufen bleibt. Manchmal jedoch, wenn die angesammelten Gase durch eine Explosion entweichen, regne es am Ätna Steine, sagt der Vulkanführer und zeigt auf ein paar verstreute Lavatrümmer. Sie sind so groß, dass auch ein rasch über den Kopf gestülpten Sturzhelm kaum helfen würde.
Die Sonne steht hoch am Himmel, als wir einen markanten Felsgrat, den sogenannten Eselsrücken, erreichen. Das andauernde Auf und Ab bei der Überquerung der Valle del Bove ist anstrengend und erfordert höchste Konzentration. Denn sämtliche zur Verfügung stehenden Karten stammen noch aus der Zeit vor den Verwüstungen in den Jahren 2004 und 2005. Markierungen oder Hinweisschilder sind keine vorhanden. Und dort, wo buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen blieb, ist es sogar für den erfahrenen Vulkanführer nicht leicht, einen Weg durch das Steinlabyrinth zu finden. Das Heer der Touristen erklimmt den Gipfel auf andere Weise - mit der Seilbahn und anschließend im Geländewagen.
Seine ganze Schönheit offenbart der Ätna nur tapferen Wanderern
Von der Torre del Filosofo auf 2900 Metern Höhe, wo Schluss mit der motorisierten Ätnatour ist, ist es nur noch ein kurzes Stück Weg bis den vier zurzeit aktiven Hauptkratern. Nicht für jeden lüftet der mythenumrankte Berg seinen nach faulen Eiern riechenden Dunstschleier über den Kratern. Doch wir hoffen auf die Gunst des Bergs, und nach einem kargen Mahl schlagen wir im Schutz mächtiger Felsblöcke die Zelte für unser Nachtlager auf.
Sobald es dunkel wird, stört nur noch der Wind, der an unseren Zeltplanen rüttelt, die vollkommene Stille. Wir spüren das pochende Herz des Vulkans. Ist er wie jetzt in friedlicher Stimmung, dann hört man ein gutmütiges Brummen, das an einen Drachen erinnert, der Siesta hält. Aber auch so ahnt man die ungeheuren Kräfte, die hier am Werk sind.
Als frühmorgens der feurige Sonnenball über dem Golf von Catania emporsteigt und über die menschenleere, leblose Steinwüste ein zartroter Schimmer huscht, zeigt sich der Ätna dann in seiner ganzen Pracht. Seine wahre Schönheit enthüllt der Feuerberg offenbar nur jenen, die sich die Zeit nehmen, durch das Lavalabyrinth, über steile Geröllhalden und öde Mondlandschaften emporzuklettern. Für Wanderer, die ihn von der Sohle bis zum Scheitel, von ganz unten bis hinauf zum höchsten rauchenden Schlot, nur mit eigener Muskelkraft bezwungen haben.
Die Hölle schillert in allen Farbnuancen
Schwefeldampf verdunkelt die Sonne, als wir zum Gipfelsturm antreten. In weiten Schleifen schrauben wir uns über den letzten Schotterhang hinauf. Die haselnussgroßen Steinchen, kristallisierte Lavaflocken, knistern unter unseren Sohlen wie gegeneinandergeriebenes Glas. Die Szenerie ist gespenstisch: Rechts und links, aus tausend Löchern und Erdspalten, steigt ätzender Rauch in den Himmel. Geduckt, die Atemwege mit vorgehaltenen Taschentüchern schützend, stapfen wir auf den Rand der Bocca Nuova zu. Man muss seine Schritte ganz vorsichtig setzen, denn der Boden unter den Füßen klingt brüchig.
Einmal, erzählt Giuseppe Amendolia, sei er bis zu den Schultern eingesunken, weil die Gase Hohlräume ins lockere Erdreich gefressen hatten. Aber heute ist der Wind unser Verbündeter und vertreibt die giftigen Dämpfe. Trotzdem tränen die Augen, und der Reizhusten macht das Atmen schwer. Dann ein kurzer, schaudernder Blick in den Krater hinein: Die Hölle schillert in allen Farbnuancen zwischen einem giftigen Grün und matten Gelb- und Ockertönen.
Die große Mutter zeigt ihre Krallen
Der Ätna schenkt das Leben, er nimmt es wieder, in Sizilien verehren wir ihn wie eine große Mutter, hat unser Vulkanführer gesagt. Beim Abstieg, gleich unter dem finsteren Zentralkrater, zeigt die Mutter ihre scharfen Krallen. Ein Mann hockt dort in merkwürdig verdrehter Haltung, seine hellblaue Goretexjacke wirkt wie ein Fremdkörper im fahlen Nebelmeer. Es ist Franz, einundsiebzig Jahre alt, er kommt aus Bayern. Franz hat sich gleich mehrerer Anfängerfehler schuldig gemacht: Allein und abseits der Hauptroute ist er unterwegs, mangelhaft ausgerüstet und hat offenbar nicht darüber nachgedacht, was die Kälte und die dünne Höhenluft binnen kürzester Zeit mit seinem Körper anstellen können. Franz ist gestolpert, ein Bänderriss offenbar. Ich wäre hier wohl elend verreckt, murmelt er und erwacht langsam aus seiner Apathie. Mobiltelefone funktionieren hier oben nicht, Giuseppe Amendolia eilt davon, um Hilfe zu holen.
Wer ihr keinen Respekt erweist, zu dem kann die große Mutter hart sein. Aber sie ist auch gerecht und weise und straft nicht mehr als nötig. Bei Franz, dem Wanderer aus Bayern, hat sie noch einmal ein Auge zugedrückt.
Wandern am Ätna
Information: Wanderungen mit Giuseppe Amendolia kann man per E-Mail unter g.amendolia@libero.it buchen. Touren von Nicolosi aus bietet auch die Gruppo Guide Alpine Etna Sud an, Telefon: 0039/957914755.
Unterkunft: Unterwegs stehen mehrere Schutzhütten. Bewirtschaftet sind zum Beispiel das Rifugio Brunek (Ätna Nord, Telefon: 0039/9564 30), das Rifugio Sapienza (Ätna Süd, Telefon: 00 39/95915321). In Nicolosi gibt es Zimmer aller Kategorien. Im Grand Hotel Bonaccorsi kostet ein Doppelzimmer 145 Euro, Telefon: 00 39/9 57 92 85 29, im Hotel Biancaneve 80 Euro, Telefon: 0039/95911176.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, F.A.Z.