15. Mai 2008 Der Urlaub in den Bergen war immer schon ein Synonym für Zucht und Ordnung. Wo sonst in der großen Welt der Ferien nimmt es der Gast klaglos hin, dass der Hüttenwirt Punkt zehn Uhr die Lichter ausdreht und kategorische Nachtruhe herrscht. Das Leben unter den Gipfeln hat seine eigenen Gesetze und Bräuche, auch wenn die manchmal um Generationen älter sind als Gast und Gastgeber. Aber vielleicht ist es ja gerade das, was den gestressten und von überbordenden Konsumoptionen, von Handyverträgen und Internetflatrates verwirrten Stadtmenschen so begeistert - das einfache Leben im Gebirge, ein wenig konservativ und autoritär, dafür frei von komplexen Denkprozessen.
Doch die Alpen sind teuer, und auch der eifrigste Gipfelstürmer fliegt gern einmal für 29 Euro an die Balearenstrände. Neue Zielgruppen müssen also her, zumal die Russen auch nicht mehr das sind, wofür man sie früher gehalten hat. Der Oligarch geht nur dorthin, wo eh schon das große Geld zu Hause ist, und als Russenziel riskiert man den Unmut der gutbürgerlichen Stammkundschaft. Es ist kein leichtes Leben in den Bergen.
Gäste, die man sich wünscht
Doch nun taucht eine neue Zielgruppe im Visier der alpinen Fremdenverkehrsstrategen auf, deren Stammdaten märchenhaft verführerisch klingen: Schwule und Lesben in Deutschland verreisen viel öfter als der Durchschnittsbürger. Ein knappes Viertel von ihnen gönnt sich viermal pro Jahr Urlaubsreisen, das hat der Reiseveranstalter TUI herausgefunden. Schwule und lesbische Pärchen sind außerdem üblicherweise Doppelverdiener und überdurchschnittlich spendabel. Könnten sich die Tourismuswerber ihren Gast klonen, käme wohl genau diese Klientel heraus.
Kein Wunder, dass sich in den Bergen zwischen Weißblau und Rotweißrot die rosafarbenen Tupfer häufen. Es sind kleine Oasen der gleichgeschlechtlichen Sinnlichkeit, im Sommer wie im Winter: Gay-Schneehasenwochen in Kitzbühel, Gay-Snowhappening in Sölden, ein Hotel nur für schwule Männer am Wilden Kaiser in Tirol, das sich stilgerecht "Haus Romeo" nennt; im September die Premiere des "Pink Wave Festivals" am Wörthersee; und selbst im alteingesessenen Deutschen Alpenverein gibt es inzwischen einen "Gay Outdoor Club".
Schwieriges touristisches Outing
Revolution in Rosarot? Von wegen, denn es regt sich auch Widerstand. In Zermatt hat man eine Gay-Kampagne eingestellt. Die Angst, in den Medien als Schwulenort gehandelt zu werden, war zu groß. Im Tiroler Land rebellierten Vermieter gegen einen "Gay-Event".
Es mag sein, dass ähnliche Offerten in den großen Städten alltäglich sind und das Outing schwuler Politiker mittlerweile niemanden mehr aufregt. In den Bergen gehen die Uhren noch anders. Hier weiß man nicht so recht, wie man sich der neuen Zielgruppe nähern soll, auch wenn Schwule und Lesben gemeinhin nicht viel anders wandern und bergsteigen als Heteros. Vielleicht dreht ja irgendjemand demnächst ein schwules Bergdrama als cineastischer Wegbereiter für neue touristische Geschäftsfelder. Der Urlauber aus der Stadt verliebt sich in den Förster und die Pfarrershaushälterin zieht zur Sennerin auf die Alm. Die anderen Happyends kennt man ja schon.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv
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