Von Theodor Geus
15. Juli 2008 Wenn wir ganze Kerle gewesen wären, hätten wir den Gipfel erklommen, aber der Sveti Ilija ist ein mühsamer, gefährlicher Berg - schattenlos, wasserlos, aus bröckeligem Gestein, und fast jeden Morgen bleibt an seinem zackigen Grat eine dicke Wolke hängen. Vier Menschen fanden hier in den vergangenen Jahren den Tod, der Leichnam eines Australiers wurde erst nach Monaten intensiver Suche gefunden. Deswegen warnen die jungen Männer der Bergwacht vor allzu viel Abenteuerlust. Eine Verlockung ist der Sveti Ilija dennoch, der auch ein deutscher Schriftsteller erlag.
In der Anfang der fünfziger Jahre erschienenen Erzählung Dalmatinische Nacht schreibt Friedrich Georg Jünger: Der Tag war heiß gewesen, die Glut aber in den kahlen Kalkfelsen, aus denen ich zurückkam, wahrhaft fürchterlich. Das Licht und sein Widerschein blendeten mich, wohin ich sah: die Felsen, das Meer, die Luft glänzten wie feurige Spiegel. Auf der obersten Kuppe hatte ich gerastet und mich umgesehen. Kein Wölkchen am Himmel, die Kuppel über mir blau wie ein Schmetterlingsflügel, das Meer unten dunkler und voller Lichtblitze, darin die Inseln wie gewölbte Schilde.
Auf den Spuren von Marco Polo
Das ist es, was den Sveti Ilija so außerordentlich macht: Obwohl noch nicht einmal tausend Meter hoch, bietet er eine grandiose Aussicht. Im Norden liegt das dalmatinische Festland, im Süden ist bei gutem Wetter Italien mit dem Monte Gargano zu sehen, im Westen und im Osten schimmert die See. Man sieht die Inseln Mljet und - fast schon ein wenig entrückt - Korcula, vor allem aber die ganze Halbinsel Peljesac, die sich wie eine graugrüne Echse in der Sonne räkelt. Mit einem Blick, so scheint es, lässt sich von hier erfassen, was das Mediterrane ausmacht. Erkennbar ist die mystische Verbindung von Land und Meer. Zu spüren ist die Harmonie eines Raums, der dort endet, wo keine Olivenbäume mehr gedeihen. Sichtbar werden die kosmopolitischen Beziehungen, die damit beginnen, dass griechische Siedler - oder, wenn man der Sage glauben will, der Trojaner Aeneas - auf Korcula eine Stadt gründeten.
Hier wurden zum ersten Mal auf der Welt die Leidenschaften der Winde gezähmt: durch ein Fisch-Skelettmuster gerader Gassen für den guten Wind Maestral und gebogener Gassen, in denen sich die Macht der kalten Bora und des grimmigen Jugo bis heute brechen. Verständlich wird auch, warum es angesichts der im Dunst verschwimmenden Wellen gerade hier so viele Menschen drängte, nach den Grenzen hinter dem Horizont zu suchen: die namenlosen Kapitäne von Peljesac und vor allen anderen Marco Polo, der, aus Korcula stammend und vielleicht sogar hier geboren, fast noch im Kindesalter mit seinem Vater und seinem Onkel von Venedig aus bis ans Ende der Welt aufbrach und mit seinem Bericht von den Wundern des Fernen Ostens das Denken seiner Zeit grundlegend veränderte.
Eine Halbinsel voll sanfter Heiterkeit
Vielleicht gibt es rund um das Mittelmeer dramatischere, mit mehr Sehenswürdigkeiten gespickte und sogar schönere Landschaften als die Halbinsel Peljesac. Doch keine strahlt so viel sanfte Heiterkeit und würdevolle Ruhe aus. Sie ist ein bäuerlicher Garten, an dem die Zeit vorbeieilt. Von Bedeutung sind eigentlich nur zwei Orte: Ston und Orebic. Wäre da nicht die gewaltige, fünf Kilometer lange, bis zu zehn Meter hohe Mauer mit zwanzig Türmen und Bastionen, die Ston zur Landseite hin abschirmt, ahnte man nichts davon, dass der Ort fast fünfhundert Jahre lang Schutzschild für das stolze Dubrovnik und von enormer Bedeutung für die Verteidigung von Peljesac war.
Heute sitzen die alten Männer bei einer Tasse Kaffee auf der Terrasse vor der Kapetanova kuca und würdigen die Touristen keines Blicks, die das Städtchen durchstreifen. Viel gibt es nicht zu sehen: die gotische Kanzlei, das Bischofspalais aus der Renaissance, die St.-Nikolaus-Kirche, deren Turm bei dem schrecklichen Erdbeben von 1996 schwankte, aber nicht fiel. Fast alle Häuser sind seither wieder aufgebaut worden. Nur im Kreuzgang des angrenzenden Franziskanerklosters, den die Nonnen in ein verwunschenes Paradiesgärtlein verwandelt haben, sind noch Trümmer von Säulen und Kapitellen gestapelt.
Gebaut von seeerfahrenen Kapitänen
Die meisten Besucher von Ston eilen dann noch zu den Salzgärten, die zeitweise Dobrovnik zwei Drittel seiner Einnahmen sicherten. Danach wenden sie sich der eigentlichen Attraktion des Städtchens zu: den Austern, das Stück für ungefähr einen Euro. Sie gedeihen hier im kristallklaren Wasser prächtig und sind von allerbester Qualität. Sogar der österreichische Kaiser Franz Joseph schätzte sie, wohl vor allem, wenn er etwas Aphrodisierendes für die schönen Stunden mit seiner Geliebten Katharina Schratt in Opatja brauchte. Jetzt werden die Austern in allen Variationen angeboten, selbst in Pfefferminz- und Meergras-Soße.
Es ist nicht sehr weit bis nach Orebic, aber der Weg zieht sich. Manchmal klettert die Straße hoch hinauf durch die Macchia bis zu den kahlen Felsen mit atemraubenden Blicken auf das Meer, dann fällt sie wieder hinunter zwischen Lorbeer, Zypressen und Granatapfelbäumen. Orebic selbst ist jetzt ein eher bescheidener, aber angenehmer Ferienort. Die große Vergangenheit allerdings, als die Stadt nach Dubrovnik die zweitgrößte Flotte Dalmatiens besaß, ist nur noch ferne Erinnerung in Gestalt von Villen mit prächtigen Gärten. Gebaut wurden sie von den Kapitänen, die alle Weltmeere durchsegelten, bis sie - eigensinnig und zäh an das Alte gebunden - die neue Ära der Dampfschifffahrt verpassten.
Ein Kloster von militärischer Bedeutung
Um die eigentlichen Wurzeln von Orebic aufzuspüren, muss man ein gutes Stück bergauf gehen, so steil, dass wahrscheinlich auch die Piraten, wenn sie zum Plündern anrückten, etwas außer Atem waren. Hier, bei den verstreuten Häusern des Dorfes Karmen, stand einst ein Rektorenpalast der Herren von Dubrovnik, der spurenlos verschwunden ist. Erhalten sind noch die Konturen einer Richtstätte, ein steinernes Kreuz, hochragende Zypressen, die zweitausend Jahre alt sein sollen, und eine kleine Kirche. Manchmal wird darin ein Gottesdienst gehalten, und auf der von der Macchia bedrängten Lichtung davor werden gern Kindergeburtstage gefeiert.
In Sichtweite von Karmen, fast auf gleicher Höhe, steht das Franziskanerkloster Podgorje mit der Kirche Unsere Liebe Frau von den Engeln. Natürlich wurde an diesem himmlisch schönen Platz auch fleißig gebetet, zugleich aber war das Kloster von großer militärischer Bedeutung, konnte man doch von hier aus jede Bewegung auf der zum Greifen nahen Insel Korcula beobachten, auf der der venezianische Erzfeind saß.
Ab und an muss man auch dem Leib etwas Gutes tun
Heute muss es nicht mehr beim Blick aus der Distanz bleiben. Mit der Fähre ist es ein Katzensprung zur Inselmetropolis Korcula, einer jener wunderbaren adriatischen Stadtkonstruktionen, die im Kern so wirken, als könne ihnen die Zeit nichts anhaben: mit eng aneinander gelehnten Häusern, schmalen Gassen, lauschigen Plätzchen, Toren und Türmen, zierlichen Balkonen, kunstvoll gemeißelten Fensterbrüstungen und steinernen Heiligen. Schön wird sie auch durch die Geschichten, die man erzählt: von einem Bischof, der Fußball spielte, von einer Prinzessin, die ein böser schwarzer König raubte, von Marco Polo, dessen mutmaßliches Geburtshaus gezeigt wird, in dem nichts zu sehen ist, oder - ganz aktuell - von der Nachtsitzung des Stadtparlaments, das sich wieder einmal nicht einigen konnte. Am schönsten aber ist Korcula, wenn am Abend der weiße Stein der Hausmauern die Farbe von Bernstein annimmt und Gassen und Plätze erfüllt sind vom Duft der Kräuter und der Aufregung der Mauersegler.
Es besteht kein Zweifel, dass alles, was es auf Peljesac gibt, dem Auge und der Seele wohlgefällig ist, aber ab und an muss man auch dem Leib etwas Gutes tun - und dazu findet sich genug Gelegenheit. Der Tisch ist reich gedeckt. Schinken und Ziegenkäse, in Zucker eingelegte Orangenschalen, mit einem Hauch Parmesan gratinierte Jakobsmuscheln, Goldbrasse mit einer Kruste aus schwarzen Oliven, Tintenfischsalat, roh in Salz und Olivenöl marinierte Sardinen oder unter einer mit glühenden Kohlen bedeckten Eisenhaube gebratenes Schweine- und Lammfleisch: Das alles sind Köstlichkeiten, die heute selbst in einem schlichten Dorfwirtshaus serviert werden und nichts mehr gemein haben mit der sozialistischen Einheitsspeisung im alten Jugoslawien. Und selbstverständlich gibt es immer Wein dazu.
Kroatiens Wein genießt internationales Renommee
Vor zehn Jahren noch hätte man es sich nicht träumen lassen, was im südlichen Dalmatien geschehen ist. Während in Istrien junge, experimentierfreudige Winzer mit den autochthonen Rebsorten Malvasia und Teran die Weißweinszene aufmischen, keltert man vor allem auf der Halbinsel Peljesac Rotweine, die nicht nur zu den besten Kroatiens zählen, sondern internationales Renommee genießen. Inzwischen gibt es - wieder nach istrischem Vorbild - auch schon eine Weinstraße. Sie ist zwar noch längst nicht gut genug organisiert, doch können schon vierundvierzig Weinbauern Probierkeller und Kleinigkeiten zum Essen anbieten. Recht unterschiedlich sind allerdings die Produktionsbedingungen.
Es gibt wenige sehr große Kellereien mit einem Jahresausstoß von mehr als einer Million Flaschen wie Skaramuca und einige mittelgroße wie Matusko mit etwa fünfhunderttausend. In der Mehrheit aber sind es kleinbäuerliche Betriebe, die nur wenige Hektar bewirtschaften. Sie haben, auf den Direktvertrieb angewiesen, erhebliche Absatzprobleme, dennoch erzielen sie beachtliche Ergebnisse wie die Familie Vukas in Ponikve. Das Außerordentliche dabei ist, dass die Weine fast ausschließlich aus Rebsorten gekeltert werden, die es nirgendwo sonst gibt.
Spitzenlagen auf steilen Hängen
Die bedeutendste unter ihnen ist Plavac mali, der kleine Blaue. Ihm wird eine Verwandtschaft mit dem amerikanischen Zinfandel nachgesagt, der nach Meinung von Experten aber wohl eher aus dem ebenfalls kroatischen Crljenac hervorgegangen ist. Die kleinen, hartschaligen Beeren des Plavac mali wachsen auf steinigen Böden an niedrigen Rebstöcken, die sich so mit ihrem Laub selbst vor dem Austrocknen schützen. Sie ergeben einen temperamentvollen, manchmal ein wenig rustikalen Wein von rubinroter Farbe und mit einem intensiven Geschmack nach Aprikosen. Spitzenlagen des Plavac mali sind Dingac und Postup, beide auf der sonnendurchglühten, dem Meer zugewandten und von Land her nicht erreichbaren Südseite von Peljesac mit abenteuerlich steilen Hängen.
Ein wenig einfacher ist alles geworden, seit vor dreißig Jahren ein vierhundert Meter langer Tunnel in den Fels gesprengt wurde. Vorher musste die Traubenernte mit Eseln über den Berg transportiert werden. Vor allem die Familie Skaramuca besitzt hier große Anbauflächen und weitet sie derzeit in mühseliger Arbeit noch beträchtlich aus. Ihr Dingac mit einem verhältnismäßig hohen Alkoholgehalt ist ein Spitzenwein und, im Barrique ausgebaut, ein Schwergewicht, das besonders gut zu einem kräftigen Essen passt. Wir bedanken ihnen, diese Wahrheit zu überprüfen heißt es artig, wenn auch in etwas holprigem Deutsch, im Prospekt der Kellerei.
Grgk heißt der vielversprechende Weißwein
Rotwein ist die Stärke dieser Landschaft, aber es gibt auch noch anderes Bemerkenswerte: Prosek, einen Dessertwein, der aus autochthonen Rebsorten wie Marastina oder Vugava hergestellt wird, und den sehr süffigen weißen Rukatac. Um jedoch etwas ganz Besonderes zu finden, muss man wieder nach Korcula übersetzen. Dort wird aus der einheimischen Rebsorte Posip ein grandioser, herrlich leichter, wie eigens für Fischgerichte geschaffener Weißwein gekeltert, und auf den sandigen Böden von Kap Lumbarda wächst eine Traube, die in Italien als El Greco del tuffo bekannt ist, hier aber Grgk heißt. Der Weißwein, der aus ihr entsteht, verspricht viel für die Zukunft und tänzelt schon jetzt auf der Zunge. Dass man seinen Namen schwer aussprechen kann, ist nicht so schlimm, denn nach einigen Gläsern geht er ganz leicht über die Lippen.
Informationen: Kroatische Zentrale für Tourismus, Kaiserstraße 23, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/ 2385350, E-Mail: info@visitkroatien.de, Internet: www.kroatien.hr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, F.A.Z., Milan Babic, Kroatische Zentrale für Tourismus