Von Michael Winter
13. Februar 2007 Erich Klas ist ein stattlicher Mann, und er ist medienfest. Erich Klas macht Wiesenheu, und er will eine Nilkreuzfahrt machen. Sein Hof hat dreißig Hektar. Der liegt in Kottengeisering, sechs Kilometer nördlich vom Ammersee und Luftlinie dreißig Kilometer scharf westlich vom Münchner Marienplatz entfernt. Das Gras seiner naturbelassenen Wiesen wird jedes Jahr gemäht, getrocknet, verpackt und kommt als Futter für Hamster, Kaninchen oder Meerschweinchen bundesweit in den Handel. Erich Klas hat für die Verpackung der Kleinmengen von Stroh und Heu eigens eine Maschine erfunden. Er hat acht Angestellte und Teilzeitkräfte, und das Geschäft läuft gut. Aber er hat ein Problem und eine Idee, es zu lösen.
Die Idee ist eine Nilkreuzfahrt für Singles. Dafür hat er 75.000 Euro investiert, und man könnte meinen, das sei ein wenig zu viel. Sein Problem sind die Frauen. Nicht, dass er unattraktiv oder scheu wäre. Seine Partnerinnen hat er beim Bergwandern getroffen. Die erste kam aus Paris und wollte Karriere in Mexiko machen. Er hätte mitgehen können. Die zweite kam aus Frankfurt, und es wurde ihr auf dem Hof zu langweilig. Die Dritte kam von einem Hof in Bayern, aber er sollte zu ihr ziehen. Klas sucht keine Arbeitskraft, sondern eine Frau, die zu ihm und zum Hof passt, jemand, der die Natur liebt und die Landschaft um den Ammersee und München - und natürlich ihn.
Fernsehbekanntschaften
Da fängt man an zu überlegen, wer überhaupt zu einem passt, sagt Erich Klas. Der Bayerische Rundfunk suchte ihn als einen von drei Protagonisten für einen Dokumentarfilm von Matti Bauer aus, der mit dem Titel "Hof sucht Herz" im Mai 2004 ausgestrahlt wurde. Dann kamen bald danach Einladungen zu Jürgen Flieges Talkshow und ins Nachtcafe mit Wieland Backes. Der letzte Fernsehauftritt fand vor kurzem bei Frank Elstners SWR-Talkrunde "Menschen der Woche" statt. Nach dem Auftritt bei Fliege vor gut zwei Jahren gab es Hunderte von Zuschriften, und Erich Klas organisierte für alle Interessenten eine Party gleich nebenan im Alten Brauhaus in Inning. Da haben Omas mit Namen und Absender ihrer Enkelinnen geschrieben und Fotos beigelegt, erzählt Klas. Und als er diese Damen dann einlud, kamen Rückfragen, woher er, Klas, überhaupt ihre Adressen habe - und was er eigentlich von ihnen wolle.
Viele, die kamen, wollten auf seinem Hof nur ihre Pferde unterstellen, nach dem Motto, ich habe drei Pferde, und du hast viel Platz. Zwei Wochen stand das Telefon nicht mehr still. Kannst du mir die Nummer vom Peter geben? Es gab fünfzig Peters auf der Party, und eine Partnervermittlung wollte Erich Klas auf keinen Fall eröffnen. Nur ein Paar hat ihm ein Jahr später geschrieben, dass sie sich auf der Party kennen gelernt und nachher geheiratet haben. Damit, sagt Klas, habe sich die Party gelohnt. Für ihn selbst hat sich aber nichts geändert.
Statistisch normal, aber kein Trost
Statistisch völlig normal, sagt Christian Thiel, Single- und Partnerschaftsberater in Berlin. Die Chance, selbst unter Gleichgesinnten mit gleichem Bildungs- und sozialem Hintergrund, mit gleichen Interessen, ähnlichem Arbeitsalltag und in regionaler Nähe einen geeigneten Partner zu finden steht eins zu zweihundert.
Erich Klas ist Ende dreißig, und er ist ein Mensch, der gern reist. So weit weg wie möglich, sagt er. Brasilien, Peru, Kreuzfahrten. Auf den Schiffreisen hat ihm das Publikum nicht gefallen. Entweder zu alt oder zu spießig. Schiffe, wo gleich die Post abgeht, mag er auch nicht. Ebenso wenig Internetschnellblinddatingchat. Klas hält auch nichts vom berüchtigten Dreiminuten-Check beim ersten Kennenlernen, das belustigt ihn eher: Ich muss doch wissen, was überhaupt los ist mit dem Gegenüber, sagt er. Da müssen ja nicht mal die Haare echt sein.
Zufall oder Schicksal?
Dann kam Erich Klas aber diese Idee: Warum nicht eine Kreuzfahrt für Singles organisieren? Zugestanden, die Idee ist nicht neu. Das bieten etliche Veranstalter an. Doch für Erich Klas liegt das Problem in dem Seiltanz zwischen Seiden und Halbseiden bei solchen Reisen. Deshalb muss man sich für die Reise regelrecht bewerben, ein Foto, eine Art Selbsteinschätzung und Antworten auf Fragen wie "Glauben Sie an Schicksal oder ist alles eher Zufall?" nach Kottengeisering schicken. Landwirte sind vor allem willkommen. Doch einen Landwirt von seinem Hof zu kriegen, wenn auch nur für eine Urlaubsreise, ist fast unmöglich, sagt Klas. Die wollen einfach nicht weg und haben dafür tausend Ausreden. Und die Mädels wollen nicht hin auf den Hof.
Erich Klas will keine Sauftour mit Anfassen organisieren. Deshalb hat er in der Ausschreibung das Kulturerlebnis Ägypten in den Mittelpunkt gestellt - mit einem strammen Programm und vielen Landausflügen. Das hält die Saufbrüder ab, hofft er. Die Schiffsgröße sollte überschaubar sein. Keine Dauerdiscopartys wie früher mal auf der "Aida". Zuerst hat er an eine Donaufahrt gedacht. Da wären sogar die bayerischen Bauern mit ihren Skatbrüdern mitgefahren. Zu nah an der Heimat. Die Landwirtskollegen sollen die Welt kennen lernen, meint Erich Klas, und nicht nur einmal im Jahr zur Grünen Woche nach Berlin fahren. Aber Klas setzt nicht nur auf Landwirte. Alle zwischen 25 und 40 sind willkommen an Bord.
Männer sind schwerfällig
Dann hat er das Nilschiff von der TUI gechartert, auf Vorkasse. 75 000 Euro. Und ist damit, wie schon mit den Weltreisen davor, über den Schatten seiner Erziehung gesprungen: Die gründete nämlich auf der Scholle und dem Sparen. Die TUI übernimmt die gesamte Logistik und organisiert für das Bordprogramm die Ausflüge. Doch Klas hat gleich das vorgeschlagene TUI-Bordprogramm gekippt und seine eigenen Vorstellungen durchgesetzt.
Sorgen um die Sicherheit seiner Gäste macht sich Erich Klas nicht. Immerhin ist ein offiziell genehmigtes Kamerateam des SWR dabei. Er sorgt sich eher um die Auslastung: Bis jetzt hat er das Schiff zu zwei Dritteln voll. Jeder Teilnehmer muss einen - vielleicht unbekannten, in jedem Fall aber gleichgeschlechtlichen - Bettnachbarn in seiner Kabine akzeptieren. Erich Klas rechnete damit, dass Freunde und Freundinnen sich auf die Reise machen. Aber dann hat er doch gestaunt. Dass die Frauen bei den Anmeldungen mit neunzig Prozent zuerst überwogen, hat ihn nicht gewundert. Männer sind schwerfällig.
Jetzt haben sie aufgeholt. Er hofft bis Fristende auf einen Gleichstand. Er hat anhand des Fragebogens etliche aussortiert. Bei der Frage: Geben Sie an, ob die zweite Person in Ihrer Kabine gleichgeschlechtlich sein soll oder nicht, haben viele Frauen "nein" angekreuzt, mit dem Argument, Frauen sind zu zickig. Ob diese Nilreise allerdings erfolgreich wird, daran zweifelt Christian Thiel, der Single-Experte: Urlaubsbekanntschaften werden selten verbindlich. Es sei die Differenz zwischen Urlaub und Alltag, die Menschen schnell wieder trennt, die sich unter Palmen verliebt haben. Allerdings gibt es Ausnahmen. Und auf die hofft auch Erich Klas.
Die Nilkreuzfahrt für Singles unter der Leitung der TUI kostet 1080 Euro pro Person in der Doppelkabine (alles inklusive) und wird vermittelt von einem DER-Reisebüro. Anmeldung im Netz unter www.singles-auf-dem-nil.de. Einziger Termin der Reise: 19. bis 26. April 2007. Anmeldungen sind noch bis zum 21. Februar möglich, danach geht es noch für kurze Zeit gegen einen Aufpreis. Christian Thiels Vom Fröscheküssen. Oder wie man den Partner fürs Leben findet ist im Beust Verlag erschienen (200 Seiten, 14,90 Euro).
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11. Februar 2007
Bildmaterial: AP