Korsika

Bis zum Hals im Blütenmeer

Von Volker Mehnert

Hoch über dem Meer: Bonifacio, im Süden Korsikas

Hoch über dem Meer: Bonifacio, im Süden Korsikas

04. Juli 2008 Wenn man ein französischer Fremdenlegionär wäre, stationiert in der Kaserne von Calvi, dann würde man diese korsische Landschaft hassen: ein grausamer Exerzierplatz aus Sand und Staub und Steinen, aus dornigem Gestrüpp - kratzbürstig, knochentrocken, ohne Schatten und zu Fuß fast undurchdringlich. Wenn man hingegen als ziviler Wanderer auf einem der schmalen Uferpfade und Klippenwege zwischen Calvi und Île-Rousse unterwegs ist und bis zum Hals in einen Ozean von Zistrosen eintaucht, dann genießt man den Marsch durch das weiße oder blassrosa Blütenmeer, das jenseits der steil abfallenden Klippen abrupt ins tiefe Blau des Mittelmeers übergeht.

In der Bucht dümpelt eine Luxusjacht, aber man möchte jetzt auf keinen Fall mit den Gästen dort an Bord tauschen. Die einförmig blaue Oberfläche ihrer maritimen Umgebung verblasst vor der Farbigkeit der frühsommerlich blühenden Küsten-Macchia. Man kann sich kaum satt sehen an den allgegenwärtigen Blüten der Zistrosen, an den blauen Disteln, den Mittagsblumen mit ihren weißen, gelben, rosa und lila Blütenkelchen, an Ginster, gelben Schwertlilien und noch gelberen Margeriten. An ganzen Wiesen mit rotem Klatschmohn, an zarten Orchideen in allen Farben und an den winzigen Zistrosenwürgern, die sich zerstörerisch an den Wurzeln der Macchiabüsche zu schaffen machen und doch vergeblich gegen die millionenfach sprießende Blütenpracht ankämpfen, die sie durch ihre eigenen gelb-roten Signalfarben noch intensivieren.

Eine Liebe mit unangenehmen Folgen

Wie die Korsen zum Fallschirmjägerregiment der Fremdenlegion stehen, das Frankreich auf ihrer Insel unterhält, sei dahingestellt. Wanderer jedenfalls sind ihnen willkommen. Korsen vergöttern ihre Insel. Wenn die Gäste nicht nur wegen Sonne und Strand kommen, sondern Korsika genauer unter die Lupe nehmen und sich an der Natur erfreuen, dann verstärkt das noch die Liebe zur Heimat. Doch auch als Wanderer sollte man tunlichst eine gewisse Distanz wahren und sich nicht zu sehr in Korsika verlieben, auch wenn das schwerfällt. Denn sonst werden die Insulaner misstrauisch, und das kann unangenehme Folgen haben.

Zwar ist die Zeit des radikalen Nationalismus und Separatismus, der vor zwei, drei Jahrzehnten mit Sprengungen von Hotelrohbauten Schlagzeilen machte, vorbei. Doch wer die Korsen mit übertriebener Lust auf ihr Land provoziert, dem könnte es so gehen wie jenem Österreicher, der sich vor einigen Jahren an der Nordwestküste eine allzu protzige Villa ans Meer setzen wollte. Das allein wäre wohl noch akzeptiert worden, aber weil er Arbeiter und Baumaterialien aus dem Ausland kommen ließ, flog sein Neubau eines Nachts in die Luft. Personen kamen nicht zu Schaden, doch bis heute mahnen die Trümmer jeden Ausländer und Festlandsfranzosen, es nicht zu übertreiben mit dem Aufkaufen und der Bebauung von korsischem Land.

Durch die Farbpalette der korsischen Natur

Wie man es richtig machen soll, führen die Korsen selbst vor. Nicht nur haben sie fast die gesamte Küste von Hochhäusern und Bettenburgen verschont, auch im Kleinen setzen sie meist unauffällige Konstruktionen in die Landschaft. An der Küste sind auch die neuen Häuser und Ferienvillen aus schlichtem Naturstein errichtet. Oft sind sie so harmonisch ins Gelände eingepasst, dass man die Gebäude, die Begrenzungsmauern und die künstlich angelegten Gärten erst dann von den umgebenden Klippen und Macchia-Wucherungen unterscheiden kann, wenn man kurz vor ihnen steht. Auch die am Mittelmeer inzwischen verbreitete Golfplatzeuphorie machen die Korsen nicht mit. Es gibt nur wenige Plätze, und die Anlage nördlich von Calvi wird nicht einmal bewässert, sondern passt sich mit ihren Spielbahnen in die karge, struppige Macchia ein.

Müsste man als Ziegenhirte sein Leben fristen, man würde die steilen und steinigen Hohlwege verfluchen, die hinauf in die Bergwelt der Balagne führen. Dass hier noch große Herden unterwegs sind, erkennt man nicht nur an den frischen braunen Häufchen, die den Weg besprenkeln, sondern man sieht die Tiere immer wieder auf den freien Flächen zwischen den Trockenmauern grasen.

Für den Wanderer hingegen erscheinen diese jahrhundertealten Pfade wie eigens konstruiert für seine Freizeitbeschäftigung, führen sie doch durch eine reizvolle Landschaft mit wechselnden Ausblicken aufs Meer, oft im Schatten von uralten Eichen und kurios gewundenen Olivenbäumen. An den Rändern dieser mediterranen Alleen hat sich eine etwas andere Flora angesiedelt als in der offenen Macchia, doch die Blüten von Wildblumen und Sträuchern präsentieren sich im Frühling und Frühsommer mindestens ebenso bunt und machen jede Wanderung zu einem weiteren Marsch durch die Farbpalette der korsischen Natur.

Olivenöl und Zitronensaft

“Kalliste“, die Schönste - so wurde Korsika bereits von den alten Griechen genannt

"Kalliste", die Schönste - so wurde Korsika bereits von den alten Griechen genannt

Die Balagne, der nordwestliche Teil Korsikas, galt früher als Obst- und Gemüsegarten der Insel. Doch davon sind nur noch Überreste zu erkennen. Die Trockenmauern sind mit Hecken und Brombeeren überwuchert, aus allen Ritzen sprießen Gräser. Auf den von Generationen mühevoll angelegten Terrassen breitet sich unaufhaltsam der Afrodil aus, eine Pflanze, die zwar ebenfalls ansehnlich blüht, die aber giftig ist und deshalb von Schafen und Ziegen nicht angerührt wird. Während sich die Tiere an anderen Pflanzen gütlich tun und sie auf diese Weise langsam ausrotten, kann sich der Afrodil beliebig vermehren und hat deshalb schon einen großen Teil der ehemaligen Ackerflächen erobert.

Der einst vielgepriesene korsische Garten ist pittoresk verwildert. Geblieben sind die Olivenhaine, die von den Korsen seit je zurückhaltend bewirtschaftet werden. Weder rütteln sie an den Bäumen, noch ernten sie die Früchte grün, sie warten vielmehr, bis die reifen und überreifen Früchte von allein herunterfallen. Das korsische Olivenöl schmeckt deshalb besonders würzig und fruchtig. Gepflegt werden auch noch einige Zitrusplantagen, und wenn der Wanderer beispielsweise nach dem heißem Aufstieg im fünfhundert Meter über dem Meer gelegenen Dorf Sant Antonino eintrifft, dann gibt es nichts Köstlicheres als einen frischgepressten „jus de citron“, den hausgemachten Zitronensaft, den man nach Belieben mit Eis, Wasser und ein wenig Zucker verlängert.

Malerische Dörfer aus Naturstein

Korsika: fernab von Hotelketten und Golfplätzen

Korsika: fernab von Hotelketten und Golfplätzen

Nach dieser Erfrischung genießt man von einer gemauerten Terrasse, dem höchsten Punkt des Dorfes, einen Rundblick, der über die Meeresbuchten bis zum Cap Corse reicht und sich auf der anderen Seite auf die noch bis in den Juni hinein schneebedeckten Berge des korsischen Zentralmassivs richtet. Mehr als dreißig Zweitausender besitzt die gebirgigste und schroffste aller Mittelmeerinseln. Der Monte Cinto, Korsikas höchster Berg, ragt sogar 2706 Meter in den Himmel.

Malerische Dörfer aus Naturstein wie Sant Antonino, Speloncato, Belgodère, Corbara oder Pigna kleben wie Adlernester an den steilen Hängen der Balagne und lassen sich auf versteckten Hohlwegen und verschlungenen Pfaden erwandern. Von unten sind sie kaum zu erkennen, unterscheiden sich vom Fels, auf dem sie stehen, nur durch ihre vage sichtbaren geometrischen Konturen. Anderes Baumaterial als den unauffälligen Granitstein gab es in diesen Höhenlagen nicht, und auf diese Weise bot man ein Jahrtausend lang auch den vorbeisegelnden Eroberern und Piraten nicht schon auf den ersten Blick ein einträgliches Beuteziel dar.

Moderne Zeiten verwandelten die Abgeschiedenheit der Dörfer von einem Vorteil in einen Nachteil. Im zwanzigsten Jahrhundert hatten sie einen schmerzlichen Exodus ihrer Bewohner zu verkraften und schienen nach und nach vollends auszusterben. Gerettet hat sie der Tourismus, der in der Hochsaison eine rege Gastronomie und ein neu erwachtes Kunsthandwerk am Leben erhält. Im Frühjahr dämmern die Dörfer zwar noch in der letzten Phase ihres Winterschlafes dahin, aber eine Reihe geöffneter Cafés und Läden zeugt schon vom bevorstehenden Andrang der Besucher.

Macchia-Honig und Zitronenkonfitüre

Selbst während der betriebsamen Sommerzeit bleibt man hier jedoch konsequent der korsischen Tradition verbunden. Andenkenkitsch wird nicht feilgeboten, sondern mundgeblasene Gläser in Feliceto, traditionelle und zeitgenössische Töpferware in Ochjatana und Corbara, Macchia-Honig in Calenzana, kaltgepresstes Olivenöl aus einer mit einem Esel betriebenen Ölmühle in Lunghignano oder hausgemachte Zitronenkonfitüre in Sant Antonino. Quer durch die Balagne führt inzwischen die Strada di l'Artigiani, auf der sich Handwerksdörfer mit unterschiedlichen Werkstätten und Spezialitäten zusammengeschlossen haben.

Das Dörfchen Pigna ist der Musterknabe dieser Rückbesinnung auf die korsische Kultur. Dort kann man in Werkstätten beim Bau von Harfen, Zithern oder Spieluhren zuschauen. Die Casa Musicale pflegt mit einer Musikbibliothek, regelmäßigen Konzerten und dem sommerlichen Festival „Festivoce“ die traditionelle korsische Musik: polyphone Gesänge, die seit je von Männerchören vorgetragen werden, inzwischen aber auch Frauenstimmen eingliedern. Pigna ist außerdem Gründungsort der „Corsicada“, einer Institution, die vor vierzig Jahren das traditionelle korsische Kunsthandwerk vor dem Aussterben bewahren wollte und dieses Ziel inzwischen tatsächlich erreicht hat.

Der Nationalheld der Korsen

Als Student in Corte bekäme man schon im ersten Semester Platzangst und müsste sich in der Umgebung Auswege aus dieser Beklemmung suchen. Das winzige Universitätsstädtchen im Landesinneren ist in seinem Talkessel auf allen Seiten bedrohlich eingeschlossen von hohen Bergketten. Selbst wenn im späten Frühling auf den mehr als zweitausendfünfhundert Meter hohen Gipfeln noch Schnee liegt, staut sich im Tal die Hitze, die von den Felswänden noch zusätzlich reflektiert wird. Der Anblick der Altstadt kann die Beklommenheit auch nicht auflösen, denn viele Häuser und Fassaden befinden sich in einem bedauernswerten Zustand. Pasquale Paoli, der Nationalheld der Korsen, der von 1755 bis 1769 zum einzigen Mal in der Geschichte ein unabhängiges Korsika regierte, schaut von seinem Denkmal auf die Tristesse in seiner ehemaligen Hauptstadt herab, deren Gebäude jenseits von Patina und pittoreskem Verfall nur noch Niedergang und Baufälligkeit signalisieren.

Dabei hatten Paoli und seine korsischen Mitstreiter einst mit großen Hoffnungen zum Aufbruch in die Moderne geblasen. Corte sollte die Hauptstadt einer kleinen Nation werden, die sich im Vorgriff auf die amerikanische Verfassung und auf die Französische Revolution schon zu einer aufgeklärten Herrschaft mit demokratischen Grundsätzen bekannte. Der Einmarsch der Franzosen aber setzte diesem kurzlebigen korsischen Experiment ein Ende. Die damalige Hauptstadt ist seitdem hinter den Städten an der Küste zurückgeblieben, und auch die Wiederbelebung von Paolis im Jahr 1765 gegründeter, aber kurz darauf wieder geschlossener Universität konnte daran nichts ändern. Die viertausend Studenten bringen nicht genug Geld in die Stadt, um eine aufwendige Renovierung ins Werk zu setzen, und auch die Tagestouristen hinterlassen wohl nur ein paar Euro für Kaffee, Kuchen und das eine oder andere Bier.

Wanderwege ins korsische Hochgebirge

Doch es gibt Fluchtwege - für Studenten wie für Besucher gleichermaßen. Direkt unterhalb der Zitadelle beginnt die Schlucht von Tavignano, in die keine Straße, aber ein abenteuerlicher Wanderweg hineinführt. Schon nach fünf Minuten hat man die Unzulänglichkeiten der Stadt vergessen, denn man schaut nur noch in wilde, unberührte Natur. Der Pfad schlängelt sich an der Sonnenseite des Tals stetig bergauf ins korsische Hochgebirge, das sich von Nord nach Süd quer über die Insel ausbreitet. Der Fels ist überall zerklüftet, zerrissen und auseinandergebröckelt, so dass die Pflanzenwelt bis in weite Höhen hinauf Fuß fassen kann.

Auch hier hat sich die klassische Flora der Macchia festgesetzt, wenn auch karger und in etwas anderer Hierarchie. Das dominierende weiß- und rosafarbene Blütenmeer stammt stattdessen von der Baumheide, die in dieser Höhe ihr blühendes Regiment führt. Dazwischen sprießen Orchideen, Alpenveilchen, Erdbeerbäumchen, Schöpflavendel und Wolfsmilch.

Je höher man steigt, desto häufiger setzen sich die korsischen Schwarzkiefern mit ihrer anthrazit schimmernden Rinde in Szene. Kerzengerade wachsen ihre Stämme in die Höhe. Schaut man über die Baumkronen hinauf zu den verschneiten Gipfeln, wähnt man sich in den Dolomiten. Jetzt erinnert nichts mehr an ein südeuropäisches Sonnenziel - bis von der nächsten Passhöhe aus in der Ferne wieder die Küstenlinie und das Mittelmeer zu sehen sind. Und so geht es weiter: Auf Korsika wechselt sich das Mediterrane immerzu mit dem Alpinen ab.

Wandern auf Korsika

Information: Abgesehen von den Hochgebirgswegen „GR 20“ und „Tra Mare e Monti“ ist die Beschilderung der Wanderwege im Nordwesten von Korsika sehr dürftig. Man schließt sich deshalb besser einer geführten Gruppe an. Über Touren informiert das Maison de la France in Frankfurt, Telefon: 09001/570025, im Internet: www.franceguide.com.

Veranstalter: Wikinger Reisen hat Wanderurlaube auf Korsika im Programm. Telefon: 02331/904742, im Internet: www.wikinger.de.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche