Von Eva Demski
28. Juli 2005 Freitags um drei Uhr nachmittags soll es losgehen, steht im Internet. Aber da ist auf der Konstablerwache, Konsti genannt, außer Budenaufbau überhaupt noch nichts los. Und Buden sind dort ja immer.
Eine leere Bühne und grundlos muntere Musik, unterbrochen von einem Moderator, der sagt, viele müßten ja an einem Freitag nachmittag noch arbeiten. Und die anderen seien mit Wolkenschieben beschäftigt. Das scheint nichts zu nützen, eine graue Decke hängt über dem Platz, der festlich und verrückt und fröhlich und tolerant werden soll. Die jetzt zögernd, einer nach dem anderen, aus den umliegenden Straßen kommen, müssen ganz offenbar schon länger nichts mehr arbeiten. Nicht nur freitags. Einen davon kenne ich, er war mal in der Verlagswelt angesehen und trägt jetzt stoisch ein Loseimerchen für die Aidshilfe herum. Ebenso stoisch erzählt er die Geschichte seines Abstiegs, und der hat mit seinem Schwulsein überhaupt nichts zu tun, sondern mit der Arbeitswelt, wie sie heute ist, und wie man sie sich nie hat vorstellen können. In der schwulen Gemeinschaft hat er einen Platz, mit minimalem Verdienst und ziemlich harter Arbeit in der Betreuung und Pflege.
Lose für die Aids-Hilfe
Das hier ist ein Klassentreffen, sagt er. Und stellt mir einen anderen Losverkäufer vor: schwerbehindert, sagt er mit einer Art väterlichem Stolz. Und hundertprozentig dabei! Weniger glamourös hätte das Ganze gar nicht anfangen können, und ob die älteren Frauen, die Rollstuhlfahrer, die beiden dürren Jungs mit ihrem ebenso dürren Hund, das Mädchen mit der behinderten Freundin, der tanzende Bierflaschenträger oder all die anderen Mühseligen und Beladenen, die sich jetzt auf dem Platz sammeln, nun schwul oder lesbisch sind: sowas von egal, denke ich. Aber das ist nicht wahr, vielleicht nur diese drei Tage lang nicht. Montag ist Aschermittwoch, dann ist wieder Hartz vier oder Arthrose oder eine verlorene Lehrstelle.
Aber noch ist Freitag, die Sache gewinnt Fahrt, die Oberbürgermeisterin spendet Anerkennung und ordnet den Christopher Street Day, den CSD in die Stadtkultur ein. Ja, es ist viel erreicht worden. Jedenfalls hierzulande. Die Gleichliebenden in anderen, zum Beispiel in den östlichen Ländern, erinnern mit ihren Bedrängnissen an schlechtere Zeiten, und wie ein düsteres Menetekel hängt der Fall des Iraners Aragoli über dem Fest. Der wurde auf dem Frankfurter Standesamt verhaftet, sitzt jetzt in Abschiebehaft und ist wegen seiner Homosexualität in Iran, wohin er abgeschoben werden soll, mit dem Tode bedroht. Zwei Hinrichtungen sind aus jüngster Zeit bekannt.
Nach einer, wie man hört, klasse Partynacht hat sich der Himmel am Samstag vormittag aufgehellt, und die Innenstadt ist zu. Nichts geht mehr.
Zuschauerreihen wie beim Faschingszug
Die Parade beginnt am Römer und wird sich in weitem Bogen um und durch die Innenstadt bewegen, und am Straßenrand stehen die Menschen wie an Fastnacht, zum Teil in Doppel- und Dreierreihen. Frankfurt macht seiner angenehm wurschtigen und jedwedem Pathos abgeneigten Liberalität alle Ehre.
Die duun der nix! sagt eine Oma zu ihrem heulenden Enkel und winkt dem Sadomaso-Wagen zu, auf dem sich ein lächelndes Mädchen stundenlang in den Hals beißen läßt. Nein, die tun alle bestimmt nichts.
Mein Freund R., der Losverkäufer von gestern, hatte mich schon eingestimmt: Ach, sagte er, dann geht das los mit der Parade, und du siehst die Typen mit Leder und Ketten und dem ganzen Gebammel, und dann denkst du, huch! Aber das Huch ist eigentlich ganz schnell wieder vorbei.
Nichts Furchteinflößendes zu spüren
Auuufgesessen! schreit eine Motorradfrau die Motorradkavalkade an der Spitze des Zuges an, und dann donnern und knattern und stinken und hupen sie los, aber noch immer ist da nichts, na, sagen wir, Furchteinflößendes zu spüren, trotz mächtiger Bizepse und drohend in die Gegend gereckter Bäuche. Das schwebende große Regenbogentuch macht den martialischen Eindruck wieder wett, und mir scheint, als sei der Zug ganz umsichtig zusammengestellt, abwechselnd Zartes und Hartes. Wobei das Zarte so zart nicht und das Harte so hart nicht wirkt.
Unterscheidungen sind wichtig bis hin zum Komischen. Darmstädter und Frankfurter Lesben wollen unterschieden sein wie die mehr als vierzigjährigen Schwulen von den Jungen aus der FDP, die von der Deutschen Bank haben einen Wagen und sitzen nicht auf dem von den Friseuren. Und ein sehr kleiner und offenbar mächtig übelgelaunter Trupp wird von den Schwulen und Lesben in der SPD gebildet. Kann man ja verstehen, daß die so bitter dreinschauen.
Liberte, egalite, homosexualite, heißt in diesem Jahr das Motto. Klingt ein bißchen holprig, das Homo so reingeflickt. Liberte, egalite, sexualite wäre rhythmisch hübscher. Es ist doch genug davon für alle da. Oder wie einer sich auf die Fahne geschrieben hat: Liberte, diversite, perversite. Auch nicht schlecht.
Es trommelt, hupt und trötet
Es trommelt, sehr gekonnt, so wie es früher auf den Demonstrationen gegen die Startbahn West getrommelt hat, es hupt und trötet, und die gewaltigen Anlagen auf den Wagen donnern Musik ins Volk. Bei Marianne Rosenbergs kultwürdigem Gepiepse singen wir am Straßenrand mit, na-na-naaa-na... Als ich zwei Japanerinnen, die ihre Fotohandys zum Glühen bringen, frage, was das hier sei, sagt die eine: Opera!
Gar nicht so falsch. Was manche meiner ernsthaften schwulen Freunde stört, das Exhibitionistische - nee, ich käme nie auf die Idee, da hinzugehen, das ist doch egoman und peinlich und trifft das Problem nicht -, ist natürlich das Salz in der Paradensuppe. Deswegen gehen die Leute hin, die aktiven und die passiven. Aber hier ist nicht New York und nicht Berlin und schon gar nicht Rio, und deswegen sehen wir die Frankfurter Variante von Glamour, die ein wenig bodenständig und somit nicht so einschüchternd ist. Das eisig glatt Gestylte, die lackierte Roboterhaftigkeit großer Dragqueens ist hier nicht zu sehen. Eher denkt man angesichts der Federgestecke auf Kopf und Hintern der vorüberschwänzelnden Schönen, es sähe aus, als hätte Holiday on Ice bei Ebay seinen Fundus verkauft.
Bezauberndes Lächeln unter mehliger Schminke
Einer sitzt mit baumelnden Beinen auf einem Wagen, er hat ein rotseidenes, nicht zu übersehendes Gemächtlein, dafür aber ein so bezauberndes Lächeln, daß nicht einmal die mehlige Schminke es auslöschen kann. Es sind immer wieder Bilder von einer sanften und rührenden Ungelenkheit zu sehen, eine Mischung aus Sambaschule und Kinderumzug, sogar die Sadomasos entbehren jeglichen Schreckens. Wer über die brav auf dem Wagen angegebene Website versucht, wenigstens da einen Blick in die Nachtseiten des Lebens zu erhaschen, wird enttäuscht: Die liest sich so nett, als gehe es um einen Club für Modelleisenbahnfans.
Die am Straßenrand stehen, wenden sich nicht ab, im Gegenteil: Sehr gesetzt aussehende Damen geraten ein wenig ins Hopsen, eine verwirrte afrikanische Familie rettet sich geschlossen hinter ihr Fotohandy und traut sich erst beim Blick aufs Display zu lachen. Hunde, die im Zug mitgehen, begrüßen ihre Artgenossen, die am Rand stehen müssen. Auch die klerikalen Scherzarrangements gehen nicht weiter als beim ganz normalen Karneval.
Macht Euch warm
Macht euch warm! steht an einem Karren voll wärmender Textilien. Als wären das nicht hierzulande schon fast alle, irgendwie sympathisierend. Nicht einmal der schwarzbebartete Mann, dem der Zorn des Korans aus den Augen sprüht, traut sich ein Wort zu sagen. Er zerrt nur seine widerstrebende Frau weiter, Richtung Zeil.
Wir Wohlwollenden und Neugierigen sollen begreifen: Die da zeigen, daß sie anders sind. Und daß das toll ist. Will sagen, wer keinen Grund hat, seine Neigungen so heftig zu feiern, ist ein armer Wicht. Oder Wichtin.
Viele von den lesbischen Paaren gehen nebeneinander wie eine ganz kleine Armee, entschlossen, sich überhaupt nichts gefallen zu lassen. Blicke geradeaus.
Gar nicht alles anders
Aber es ist eben gar nicht alles anders, und der Wochenmarkt für die Normalen geht unmerklich in den Schwulenmarkt über, wo sich mir leise die Frage stellt, was an einem in der lesbischen Eisdiele gekauften Eis wohl anders schmecken mag und ob ein im schwulen Dekorationsgeschäft gekauftes Kissen besondere Eigenschaften hat.
An Rosemarie Trockels schönem, traurigen Aidsengel auf dem kleinen Klaus-Mann-Plätzchen häufen sich die Rosen. Gerührte Ledermänner stehen davor. Man sieht ihnen an, daß sie sich an jemanden erinnern. Hinten schiebt sich immer noch singend die Parade Richtung Konsti vorbei. Voooolare...Cantare...nel blu, dipinto di blu...
Am andern Tag, am Sonntag, wird es heißen, daß die Parties wieder heftig gewesen seien.
Um drei Uhr am Sonntag nachmittag redet von denen, die den Dom betreten, keiner mehr von Party. Sie haben den nahen Festplatz verlassen, Männerpaare und Frauenpaare, alte und junge, aber auch Einsame sind da, Kinder, Jungen und Mädchen, japanische Studentinnen - keine Unterschiede mehr. Vom rechten Seitenaltar her leuchtet das Schwert des Erzengels, und über Engel wird im Gottesdienst gesprochen werden. Und über den Tod, natürlich.
Irgendwo hinter dem Regenbogen
Vor Gott können wir so sein, wie wir sind, sagt die Frau mit dem Regenbogenschal am Altar. Sie hat den katholischen Part, ein junger Pfarrer den evangelischen. Das ist aber egal, und alle auf den Kirchenbänken haben jetzt Zeit, über das Unterschiedliche und das Gleiche nachzudenken. Somewhere over the rainbow verbindet sich mit dem Cantate dominum, und der Gekreuzigte schwebt über dem Tuch vor dem Altar, auf dem die Namen der Aidstoten geschrieben stehen.
Der traditionelle Gottesdienst zum Abschluß des Christopher Street Day ist nur scheinbar ein Kontrapunkt zum gefallsüchtigen Getänzel und Getue der Parade. Damals, in New York, Ende der sechziger Jahre in ebendieser Christopher Street haben sich die Schwulen zum erstenmal gegen Polizeiwillkür zu wehren gewagt. Diesen ursprünglichen Anlaß kennen wahrscheinlich viele gar nicht mehr. Sie wehren sich aber auch, ein bißchen konfus, sie wollen das Anderssein feiern, aber nicht ausgegrenzt werden, und sie wehren sich dagegen, daß die Liebe so nah an den Tod gerückt ist. Was da im Festzug unter Klamotten, Schminke und Getöse versteckt war, zieht der Gottesdienst sanft ans Licht. Lust, Lust zu leben und die Angst, es könnte ein Ende haben. Wie bei allen Menschen.
Christopher Street Days finden in diesem Jahr unter anderem noch in Bremen, Duisburg und Saarbrücken (jeweils 30. Juli), Bonn, Hagen, Mannheim und Rosenheim (jeweils 6. August), Würzburg, Siegen und Essen (jeweils 20. August) statt.
Text: F.A.Z., 28.07.2005, Nr. 173 / Seite R6
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke, F.A.Z. - Helmut Fricke