06. Juni 2009 Der Weg ist nicht unbedingt das Ziel, wenn er nach Saint-Malo führt. Legendäre Segler haben nach historischen Törns im Hafen der Kleinstadt angelegt. Und auf dem Landweg kommen, nunmehr seit zwei Jahrzehnten, Schriftsteller. Zweihundert - in einem Extrazug aus Paris - waren es über das vergangene Pfingstwochenende. Sie wurden von einem begeisterten Publikum empfangen und gefeiert.
Die Bretagne ist die französische Region, in der am meisten gelesen wird. Das Festival "Etonnants Voyageurs" gehört zu den kulturellen Höhepunkten am Atlantik. Begründet hat es Michel Le Bris: "Es war die beste Idee meines Lebens." Dabei war es keineswegs die erste, der er zum Durchbruch verhelfen wollte. Michel Le Bris war einer der charismatischen Anführer des Mai '68. Er gehörte zu den Maoisten und war als Redakteur für die verbotene Zeitschrift "La Cause du peuple" zuständig, die von Jean-Paul Sartre verteilt wurde. "Voltaire verhaftet man nicht", erklärte de Gaulle, der sich weigerte, Sartre ins Gefängnis zu stecken. Michel Le Bris aber, der Gewalt gepredigt hatte, kam wegen seiner Ideen praktisch als einziger Rebell der Revolte von 1968 in den Knast: Acht Monate musste er absitzen.
Neue Horizonte
Nach seiner Freilassung brach er mit der "Gauche Prolétarienne" und der Politik. Er ließ sich im Südwesten nieder und widmete sich der zweiten Leidenschaft seines Lebens, der Literatur. Le Bris arbeitete als Journalist und wurde Schriftsteller. Er entdeckte Novalis und die Romantik und lancierte mit ein paar Kollegen den "romantisme allemand" als intellektuelle Mode. Sein Festival über die Abenteuer des Reisens, des Schreibens und des Lesens geht auf das Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer zurück. Das Thema der ersten Veranstaltung: "Wenn die Schriftsteller die Welt wiederentdecken".
Saint-Malo wurde zur zweitgrößten Literaturveranstaltung des Landes - gleich nach der Pariser Buchmesse. Es hat den Franzosen tatsächlich neue Horizonte erschlossen. Literatur aller Kontinente wurde hier mittlerweile präsentiert. Und das Festival war seinerseits zu Gast in Dublin, Sarajevo, Haifa, Haiti und Bamako, sogar in den Vereinigten Staaten. Am vergangenen Wochenende ging es zu Hause in Saint-Malo um die Krise, die ein neues Bedürfnis nach Geschichten erzeuge: "Sie hat in den dreißiger Jahren den amerikanischen ,roman noir' hervorgebracht", sagt Patrick Raynal, der als französischer Schriftsteller in dieser Tradition steht. Grenzüberschreitend ist man auch bei den Gattungen: Ein besonderes Augenmerk wurde in Saint-Malo den amerikanischen TV-Serien gewidmet. Für den hundertjährigen Ethnologen und Anthropologen Claude Lévi-Strauss gab es eine besondere Ehrung. Seine Studie "Traurige Tropen" - mit dem berühmten Anfang: "Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende. Trotzdem stehe ich im Begriff, über meine Expeditionen zu berichten." - ist der Klassiker einer Gattung, die auch Michel Le Bris nie Reiseliteratur nennen würde. Den Begriff der "écrivains voyageurs" allerdings gebraucht er gerne.
Augenblicke der Gnade
Le Bris hat über die Jahre hinweg selbst ein umfangreiches Werk vorgelegt. Im vergangenen Herbst hätte er für seine siebenhundert Seiten über "Die Schönheit der Welt" beinahe den Goncourt-Preis gewonnen. In diesem Frühjahr ist seine Autobiographie erschienen. Den Mai '68 hat er als "außergewöhnliches intellektuelles Abenteuer" in Erinnerung. Er lässt poetische "Augenblicke der Gnade" auferstehen und lobt auch als Theoretiker die Folgen der Revolte: "Sie hat den Strukturalismus und die literarischen Avantgarden zur Explosion gebracht und den Weg der Rückkehr zur Fiktion geebnet." Den Genfer Nicolas Bouvier, der die Welt bereiste und beschrieb, hält er für einen der größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Robert-Louis Stevenson, der ja nicht nur "Die Schatzinsel" oder "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" geschrieben hat, sondern auch zahlreiche Reisebücher, hat Le Bris in Frankreich neu verlegt und vielleicht überhaupt erst durchgesetzt.
Michel Le Bris interessiert sich für das Schreiben an den Grenzen und "Rändern, an denen sich die Literatur erneuert und die von der Polizei des Geschmacks weniger überwacht werden". Er plädiert für eine Literatur, welche die "narzisstische Nabelschau" hinter sich lässt und auf die weiten Horizonte zugeht. Reisen ist die beste Metapher für das Schreiben. Wohin die Wege führen? Das Ziel ist belangloser als der Ausgangspunkt, von dem sich der Schriftsteller Le Bris schon im programmatischen Titel seiner Autobiographie radikal abwendet und distanziert: "Wir sind nicht von hier."
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP