Griechenland

Inselhopping im Kraulstil

Von Imke Meier

21. Juni 2008 Lautes Tröten lässt uns aus dem Wasser aufschauen. Akis steht auf dem Segelboot und bläst in ein Plastikhorn. „Schwimmt alle zum Schiff, da kommt eine Fähre!“, ruft er. Schnell sammeln wir uns um das Segelboot, um der Fähre nicht zu nahe zu kommen. Ungefähr eine Stunde braucht sie von der Insel Paros bis zur Nachbarinsel Naxos. Unsere angepeilte Schwimmzeit liegt dagegen bei rund zweieinhalb Stunden. Allerdings nehmen wir auch den weitaus kürzeren und direkteren Weg - die Schwimmstrecke misst sechs Kilometer.

„Ferries are for wimps, let's swim: Fähren sind etwas für Weicheier, lasst uns schwimmen“ ist das Motto des britischen Reiseveranstalters Swim Trek. Eine Woche Schwimmurlaub auf den Kykladen, Inselhopping statt Fähren. Fast fünfundzwanzig Kilometer wollen wir schwimmend in fünf Tagen zurücklegen. Die Königsdisziplin ist die heutige Strecke zwischen Paros und Naxos. Sie ist auch die heikelste, denn bei zu starkem Wellengang wäre sie zu gefährlich. Doch das Wasser liegt fast unbewegt vor uns, die Inseln sind in dem leichten Dunst kaum zu erkennen. Während wir im Wasser treiben und darauf warten, dass die Fähre endlich vorbeigefahren ist, werfen Akis und unser Schwimmcoach Helen Flaschen mit isotonischen Getränken ins Wasser.

Wer nicht mehr kann, soll es nicht erzwingen

Die Mineralien sollen unsere Muskeln wieder auf Trab bringen. Der süße Geschmack übertüncht für einen kurzen Moment das salzige Kratzen auf Zunge und Lippe, das uns schon die ganze Woche über begleitet. Durch das tägliche Schwimmen im Salzwasser springen die Lippen auf, und die Zunge fühlt sich an wie ein Reibeisen. Jeder Schluck des Meerwassers deckt locker den Tagesbedarf an Salz. Doch gleichzeitig ist das Salzwasser ein Freund der Langstreckenschwimmer: Der hohe Salzgehalt sorgt für Auftrieb, so dass man mit geringerem Kraftaufwand schwimmt.

Die Fähre zieht vorbei, endlich können wir Schwimmer wieder unseren Weg fortsetzen. Etwa die Hälfte der Strecke ist geschafft. Die Zwangspause hat den Körper auskühlen lassen. Jeder wirft noch einen Blick auf das Ziel am Horizont, dann geht es weiter. Die schnellere Gruppe folgt dem Segelboot mit Akis und Helen, die langsamere bekommt Geleitschutz von Melissa, die im Rettungsboot nebenherfährt. Immer wieder ruft sie uns aufmunternde Worte zu. Sie selbst ist ebenso wie ihre Kollegin Helen erfahrene Langstrecken- und Rettungsschwimmerin. Beide erkennen erste Anzeichen von Schwäche sofort.

Wer nicht mehr kann, wem kalt ist oder wer Krämpfe bekommt, soll es nicht erzwingen. Swim Trek ist Urlaub, kein Überlebenstraining - auch wenn es für weniger Schwimmbegeisterte vielleicht anders aussehen mag. Die Mitglieder der beiden Gruppen müssen beieinander bleiben, jeder achtet auf den anderen, jeder hat seine eigenen Tiefpunkte: Momente, in denen man sich quält und fragt, was um Himmels willen man hier eigentlich macht, im alles andere als freibadwarmen Meerwasser, endloses Kraulen, ohne dass das Ziel näher zu kommen scheint.

Schwimmen ohne Beckenränder und Bahnenzählen

Doch wer seinen Rhythmus wiedergefunden hat, kann es schnell wieder genießen - das Gefühl, das alle Langstreckenschwimmer an diesem Sport so lieben: die unbegrenzte Weite, das Schwimmen in der Natur, ohne Beckenränder oder schwarze Linien am Schwimmbadboden, sondern nur das klare Wasser unter uns. Einen Fisch haben wir in Ufernähe von Paros unter uns gesehen, jetzt brechen sich nur noch die Sonnenstrahlen und zaubern wunderschöne Lichteffekte in das Wasser, die jeden Diskobesitzer in Neid versetzen würden.

Swim Trek ist nichts für Hobbyschwimmer, die manchmal ein paar Bahnen ziehen. Man muss aber auch kein Profischwimmer sein. Wichtig ist nur, dass man sich nicht überschätzt. Auf seiner Homepage empfiehlt der Veranstalter Trainingspläne: Für Griechenland sollten es im Vorfeld bis zu fünf Kilometer täglich sein. Im Fünfzig-Meter-Becken sind das schwer zu ertragende hundert Bahnen, die sich hinziehen können wie Kaugummi. Doch das Training hilft - nicht nur der körperlichen Fitness, sondern auch der mentalen Stärke. Denn der Anblick des weiten Meeres flößt Respekt ein. Da ist es gut zu wissen, dass man die Distanz beherrscht.

Ausflüge zu Höhlen und einsamen Buchten

Langsam kommt die Uferlinie von Naxos näher. „Zwei Drittel sind geschafft“, ruft uns Helen vom Boot aus zu. Die Kraftreserven lassen nach, es gilt, die Restenergie für das letzte Stück zu mobilisieren. Jeder kämpft seinen eigenen Kampf mit dem Wasser, doch die Gruppe als Ganzes will es jetzt wissen: der Triathlet Gilbert genauso wie die Amerikanerin Katie, die schon unter der Golden Gate Bridge durchgeschwommen ist und die Strecke von Alcatraz nach San Francisco zurückgelegt hat. Etwas weiter zurück kraulen Rachel und Tony gleichförmig durch das Wasser. Das Paar hat gemeinsam trainiert und ist perfekt aufeinander abgestimmt.

Bei Swim Trek gilt: Wer morgens seinen Badeanzug angezogen hat, kommt bis abends oft nicht mehr aus ihm heraus. Neben den Überquerungen von Insel zu Insel gibt es Frühaufsteher-Schwimmtouren in den Sonnenaufgang oder nachmittägliche Kurzstrecken von zwei bis drei Kilometern an der Küste entlang: Abenteuerausflüge zu Höhlen, einsamen Buchten und durch phantastische Fischschwärme hindurch. Der ganze Tag ist auf Schwimmen ausgerichtet. Selbst die Bierflaschen beim Abendessen werden benutzt, um die perfekte Kraulbewegung zu üben: niemals die Hand oberhalb des Ellenbogens halten - der Eintauchwinkel ins Wasser beträgt etwa fünfundvierzig Grad -, dann den Arm mit dem optimalen Wasserwiderstand durchziehen. Für die Wochenmitte steht sogar ein spezielles Schwimmcoaching mit Videokamera auf dem Plan. Helen und Melissa sehen sofort, wo es bei den Stilen der Einzelnen hakt.

Im Angebot sind etwa ein Dutzend verschiedene Urlaubsziele

Auf der Strecke von Paros nach Naxos interessiert sich nach fünf Kilometern kaum mehr jemand für Stilperfektionismus oder Eintauchwinkel. Langsam werden die Arme schwer. Schon fast in Ufernähe stoppt das Segelboot ein weiteres Mal, wieder werfen Akis und Helen Trinkflaschen ins Wasser. Wir sehnen uns nach dem Ziel, nach einem heißen Tee und einem Fleece-Pullover. Noch sind etwa fünfhundert Meter zu schwimmen.

Im Jahr 2003 hat der britische Ingenieur und passionierte Langstreckenschwimmer Simon Murie Swim Trek gegründet, weil er an Orten wie den Kykladen viel lieber schwimmen statt mit der Fähre von Insel zu Insel fahren wollte. Hätte irgendjemand organisierte Touren angeboten, wäre er sofort dabei gewesen. Da es das damals noch nicht gab, nahm er die Sache selbst in die Hand. Noch immer ist er so oft wie möglich selbst als Schwimmcoach mit dabei. Doch Swim Trek ist ein großes Unternehmen geworden. Etwa ein Dutzend verschiedene Urlaubsziele werden inzwischen regelmäßig erschwommen, hinzu kommen Einzelveranstaltungen, Schwimmtraining oder Vorbereitungscamps für etwa die Überquerung des Ärmelkanals. Jeder Schwimmcoach bei Swim Trek muss ausreichend Erfahrungen im Schwimmen im offenen Meer mitbringen. Helen zum Beispiel ist früher Langstreckenwettkämpfe geschwommen. Jetzt steht sie an Deck des Segelbootes und lässt gemeinsam mit Akis die Leiter runter.

Am letzten Tag steht Wandern auf dem Programm

Geschafft! Erschöpft und frierend klettern wir nach weniger als zweieinhalb Stunden an Bord und haben endlich wieder fast festen Boden unter den Füßen. Ein Ankommen an Land wäre noch erhebender gewesen, doch die Küste ist an dieser Stelle viel zu rauh. Nach und nach trudeln die anderen ein. Nur Michelle aus Südafrika hat nach etwa vier Kilometern aufgegeben. Fast niemand von uns war jemals zuvor so lange im Wasser. Ein heißer Tee hilft jetzt, die Körpertemperatur wieder anzuheben. Orangenstücke werden herumgereicht, sie helfen gegen den Salzgeschmack im Mund. Doch richtig verschwinden wird der in den kommenden Stunden nicht mehr. Macht aber nichts, das Ziel ist erreicht, es ist vollbracht.

Den Rest der Strecke werden wir für heute mit dem Schiff fahren. Wir machen es uns an Deck gemütlich. Manche fallen in erschöpften Schlaf, andere genießen still das Gefühl, wie der Körper nach und nach wieder warm wird. Unser Ziel ist jetzt die Insel Koufounissi. Dort wartet morgen eine gut vier Kilometer lange Strecke auf uns - ein Katzensprung, nach der heutigen Distanz. Mit Nudeln und griechischem Salat füllen wir unsere Energiespeicher wieder auf. Noch drei Tage Schwimmen liegen vor uns. Am letzten Tag gehen wir nicht ins Wasser, Wandern steht auf dem Programm.

Unser Ziel ist Zas, der mit tausend Metern höchste Berg der Kykladen. Von dort aus hat man einen phantastischen Blick über die Ägäis. Alle Schwimmziele liegen noch einmal vor uns - von oben erscheinen die Strecken plötzlich doch recht weit. Unvorstellbar, dass wir diese zu Hause wieder gegen ein Fünfzig-Meter-Becken eintauschen sollen. Zum Abschied kaufen wir Champagner. Wir wollen jeden einzelnen Kilometer feiern, den wir durchschwommen haben. Der Schaumwein war sehr billig, entpuppt sich aber als edel verpacktes Mineralwasser. Der griechischen Sprache sind wir nicht näher gekommen, aber sei's drum.

Information: Swim Trek bietet von Mai bis November Schwimmurlaube an, Swim Trek Ltd, Sunnyhill House, Telefon: 0044/2086966220, im Internet: www.swimtrek.com.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., swimtrek.com

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