Glosse

Das Alien

Von Hans-Heinrich Pardey

Fast so schön wie fliegen: mit dem Segway unter dem Eiffelturm hindurch.

Fast so schön wie fliegen: mit dem Segway unter dem Eiffelturm hindurch.

29. August 2008 Demnächst reist ein Freund nach Chicago. Dort stehe Sightseeing mit dem Segway, diesem komischen Einachser, auf dem Programm. Ob er das überhaupt mitmachen solle? Aber ja, natürlich, unbedingt, ein tolles Erlebnis, wenn man es noch nicht ausprobiert hat. Weswegen allerdings niemand in die Vereinigten Staaten fliegen muss: Solche zweispurig-einachsigen Stadtbesichtigungen gibt es auch schon in Berlin, München oder Köln. Nach anfänglichem Zögern ist die deutsche Politik in Genehmigungslaune, Verkehrsminister Tiefensee will jetzt sogar die Fahrradwege für Segways öffnen - was prompt zum scharfen Protest der Radfahrerlobby geführt hat.

Es ist ja aber auch zu verblüffend: loszurollen, wenn man sich vorbeugt, anzuhalten, wenn man das Gegenteil tut, stillzustehen, wenn man ganz aufrecht steht, sich mit der neigbaren Lenksäule in die Kurve zu legen und wie ein Leopard II "auf dem Teller" drehen zu können. Mit einem Segway unterwegs zu sein ist mit nichts anderem zu vergleichen: nicht mit dem Fahrrad, nicht mit dem Motorroller, schon gar nicht mit dem Auto. Am nächsten kommt das Körpergefühl dem Moment, wenn man auf ein Laufband im Flughafen tritt und durch den einen Schritt mitgenommen wird - bloß, dass dieser Transporter nicht nur in einer Geschwindigkeit geradeaus fährt, sondern in Tempo und Richtung manövrierbar ist. Und wenn man die anfängliche, geradezu kreatürliche Angst, auf diesem nach vorn und hinten über einer Achse mit gegeneinander arbeitenden Motoren balancierenden Ding nicht oben bleiben zu können, wenn man diese Angst überwunden hat, dann ist Segway-Rollen wie diese wunderschönen Flugträume, bei denen man schwerelos in Erdgeschosshöhe durch seine alte Schule schwebt und nur glücklich ist.

Gute Nacht, schöne Bäuerin

Das klitzekleine Problem dabei: Flugträume unterliegen nicht der Straßenverkehrsordnung. Beim Segway stellen sich jedoch Fragen: Wer darf drauf, und wo gehört dieser Transporter hin? Da geht es wirklich nicht bloß um Rechthaberei angesichts eines juristisch wie technisch schwer klassifizierbaren Fahrzeugtyps. Soll er etwa auf dem Bürgersteig rollen? Aber wer rechnet denn dort mit etwas, das sich mit zwanzig Stundenkilometern bewegt und dementsprechend einen längeren Bremsweg als ein Fußgänger hat, von der Wucht ganz zu schweigen? Soll der Segway auf die Fahrbahn oder doch auf den Radweg? Da ist nicht nur die zweispurige Breite für den Segway selbst und seine Masse auch für kollidierende Radler gefährlich: Unzählige deutsche Radwege sind mit auf Mitte plazierten, hüfthohen Pfosten für Parkraum suchende Autos blockiert worden: "abgepollert". Gegen so einen Pfosten mit einem Reifen des Segway donnern - na, dann gute Nacht, schöne Bäuerin.

Der Segway taugt nicht für Kinder, wie die Anbieter selbst sagen, und nicht für jemand, der im Geringsten hinsichtlich Gleichgewichthalten oder Gehfähigkeit behindert ist. Einerseits ist der Transporter fast so geländegängig wie ein Mountainbike und meterweiter Sprünge fähig, andererseits kann man sich mit ihm wie ein Fußgänger im Gewühl von Messehallen bewegen, ohne unangenehm anzuecken. Und man muss sich auch einmal die zahlreich im Videoportal You Tube dokumentierten Stürze ansehen. Die resultieren allerdings hauptsächlich daraus, dass der Mensch meint, er müsse etwas retten, was Sensoren und Motoren des Segway - würde man ihnen nur genug vertrauen - allein besser in den Griff bekämen. Ein einfaches Verbieten oder Zulassen reicht nicht. Dafür ist der Segway einfach zu anders. Und das Standardgefährt für Stadtführungen wird er wohl auch nie werden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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