Deutschland

Die Masche mit der Oma

Von Andreas Lesti

19. Mai 2009 

Lektion eins: Glatt rechts mit Oma Christa

So sieht es aus, wenn Trend auf Tradition trifft und Tourismus auf Entschleunigung: Die Münstertaler Omas Rosa und Christa beim Strick-Anfängerkurs.

So sieht es aus, wenn Trend auf Tradition trifft und Tourismus auf Entschleunigung: Die Münstertaler Omas Rosa und Christa beim Strick-Anfängerkurs.

Der schwere Anschlag folgt später. Erst mal: einstechen. Auflegen. Durchziehen. Abheben. Das ist "glatt rechts", wie man in Strickkreisen sagt. Und "glatt rechts" ist der Einstieg in die Welt des Sockenstrickens, mit zwei Nadeln und vier vorgestrickten Reihen. Die Nadeln rutschen durch die Hände, der Faden über den Zeigefinger, und auch wenn Oma Christa es immer und immer wiederholt und es bei ihr immer und immer wieder total leicht aussieht, ist Stricken für Anfänger ein einziges koordinatives Rätsel, bestehend aus links und rechts, vorne und hinten, oben und unten. Oma Christa sagt abwechselnd: "Sie sind ja ein Naturtalent" und "Das lernen Sie heute nicht mehr" und demonstriert den Ablauf dann noch einmal.

Oma Christa also. Blaue Hose, weiße Bluse, eine Perlenkette um den Hals, große Ohrringe, Lippenstiftlächeln und eine Brille in Hosenfarbe, liebenswürdig und dabei doch ein bisschen resolut - genau so eben, wie man sich eine Strickoma vorstellt. So heißt das nämlich hier im Schwarzwälder Münstertal, wo neuerdings sechs verschiedene Strickomas Touristen den Umgang mit Nadel und Wollfaden beibringen. Deswegen sitzt Oma Christa nun vor einem hübschen Schwarzwälder Haus auf einer gusseisernen Bank, hinter einem Holztischchen mit einer roten Tischdecke, an der kleine Metallblümchen hängen, damit sie der Wind nicht wegträgt. Gleich hinter der Bank beginnt die Natur. Erst eine sonnenbeschienene Löwenzahnwiese, dann ein bewaldeter Hang, dazwischen eine plätschernde Quelle und ein zwitschernder Baum. Etwas weiter weg stapfen zwei Wanderer auf einem Pfad nach oben, und im Baumgeäst direkt über uns sind sich ein Bussard und ein Rabe nicht grün. All das ist von hier aus zu beobachten. Oma Christa kann es sogar beobachten, während sie strickt.

“Das ist schon ein bisschen eine Technik“, sagt Oma Rosa (links) und strickt weiter an der Socke.

"Das ist schon ein bisschen eine Technik", sagt Oma Rosa (links) und strickt weiter an der Socke.

Für Oma Christa ist stricken eine Nebentätigkeit wie für andere Leute fernsehen. Mit der Ausdauer eines Duracell-Hasen klackern die fünf Bambusnadeln in ihren Händen, und man kann fast dabei zusehen, wie die Socke darunter länger und länger wird. "Stricken ist für mich eine Sucht", sagt sie, schaut nicht auf ihre Hände und strickt unbeirrt von ihren eigenen Worten maschinenartig weiter. Und trotzdem strickt sie dabei ihre eigene Note, ihr ganz persönliches Strickmuster in die Oma-Christa-Socken mit ein, bestehend aus 420 Meter Wolle und zwei Tagen Arbeit. Diese heimliche Perfektion, getarnt von Unbeschwertheit und Nebensächlichkeit, ist für Anfänger frustrierend. "Ich habe schon so viel gestrickt", sagt Oma Christa dann, "ich muss dabei nicht mehr denken."

Socken kann man nur mit fünf Nadeln stricken. Die Glatt-Rechts-Technik mit zwei Nadeln reicht nur für einen Schal oder einen Topflappen. "So. Und jetzt alles umdrehen, abheben - und wieder stricken", sagt Oma Christa als die erste mühevolle Reihe zu Ende ist. Und langsam entsteht ein kleines, rechteckiges Wollstück, das mit einem Socken ungefähr so viel gemein hat wie ein Ziegelstein mit diesem Schwarzwälder Einfamilienhaus. Und trotzdem empfinden Menschen, die sonst vorwiegend am Computer sitzen und E-Mails in eine resonanzlose Welt hinausschicken, ein gewisses Glück dabei, wenn sie eine Reihe glatt rechts gestrickt haben, und dann noch eine und noch eine - und dieses ehrliche, direkte Verhältnis zwischen Arbeit und Ertrag spüren.

"Meistens können die Gäste die Ferse nicht", sagt Oma Christa und schaut zu Lydia Rebhan aus Mainz, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter schon seit dreißig Jahren im Münstertal Urlaub macht. Lydia Rebhan sitzt mit auf der Bank in der Sonne und strickt mit ähnlicher Hingabe wie Oma Christa. Aber die Ferse . . . und dann entspinnt sich ein Fersenfachgespräch. Wörter wie "doppelfädig", "Randmaschen", "Fadenverwahren" und "s' Käpple" fallen. Das klingt alles, als würde man einem Menschen mit Schwimmflügeln von einer Ärmelkanaldurchkraulung erzählen. Einstechen. Auflegen. Durchziehen. Abheben. Und nur keine Masche verlieren. Das ist alles, was einen Strickanfänger gerade so über Wasser hält.

Lektion zwei: Anschlag mit Oma Rosa

Oma Rosa ist 91 Jahre alt, zierlich, hat weißes Haar, eine goldene Uhr und wirkt leicht schelmisch. "Mittels Büchern ist Stricken nicht zu lernen", sagt Oma Rosa. Stricken sei eben nicht wie Kochen, sondern "ein Ablauf, den man vorführen muss". Wie recht sie damit hat, zeigte schon die erste Stricklektion und ein Blick in eine Strickanleitung. Die besteht aus sehr verwirrenden Abfolgen von "Maschen aufnehmen", "Finger nach vorn", "Garn kreuzen" und "linke Nadelspitze" - man verliert schon nach wenigen Zeilen den Faden. Aber deswegen gibt es ja die Münstertaler Strickomas, die jedes Lehrbuch überflüssig machen. Und deswegen gibt es heute in Oma Rosas Stube Lektion zwei, die genauso gemein klingt, wie sie ist: der Anschlag.

Obwohl man für den Anschlag nur eine Nadel benutzt, ist der Ablauf ungefähr doppelt so schwer wie mit zwei Nadeln. Das liegt am Faden, den man kunstvoll um die Finger der linken Hand wickeln und dann mit der Nadel in der rechten Hand aufnehmen muss. Oma Rosa versinkt im Sofa und erklärt: "Den Faden so, doppelt nehmen, mit Daumen und Zeigefinger." Sie schweigt und sieht beim Scheitern zu, sagt dann: "Das ist schon ein bisschen eine Technik." Dann strickt Oma Rosa stoisch am Socken weiter. Es ist still in der Stube, und das Geräusch der Nadeln klingt, als würden Spatzen über eine Marmorplatte tapsen. Dazu tickt die Wanduhr zum Strickrhythmus.

Vielleicht liegt es ja an der Nähe zur Schweiz, dass Sockenstricken im Schwarzwald Präzisionsarbeit ist. "Wenn die Farbe nicht auf einer Höhe ist, dann geht das nicht. Das muss schon stimmen", sagt Oma Rosa und strickt punktgenau jede einzelne Sockenmasche an den dafür bestimmten Platz.

Das Münstertal ist ein Tal, dessen Attraktionen ein Kloster, ein Köhler, ein Geigenbauer, ein Bienenmuseum und ein Bergwerk sind. Und dass jetzt auch noch die Strickomas dazukommen, liegt an einem jungen Mann namens Jörg Maier. Maier war sechs Jahre lang für das Tourismusmarketing im nahen Bad Krozingen zuständig und hat letztes Jahr die Agentur Schwarzwald-Original gegründet. "Wir hatten die Idee und sind dann an die Landfrauenvereinigung herangetreten und haben gefragt, ob sich einige ältere Frauen vorstellen könnten, auch mit Feriengästen zu stricken", erzählt Maier, der nun mit in Oma Rosas Stube sitzt. "Seit einiger Zeit greift die neue Strickbegeisterung ja auch bei jungen Menschen wieder um sich. Und in der Schule wird Stricken nicht mehr gelehrt", sagt Maier. Die Idee mit dem Sockenshop im Internet kam auch von ihm. Dort kann man seit Anfang des Jahres Socken bestellen und nicht nur Größe und Farbe, sondern auch eine der sechs Omas, die sie stricken sollen, anklicken. Maier lächelt. Oma Rosa auch.

Tatsächlich ist Stricken auch außerhalb des Schwarzwaldes seit zwei Jahren wieder in Mode gekommen. Die Amerikanerin Lily M. Chin schrieb das Buch "The Urban Knitter" ("Der Stadtstricker") und beschwor das Stricken als Entspannung für gestresste Großstadtmenschen. Lifestyle-Magazine wie "Cut" und Internetseiten wie Burdastyle.com trieben den Trend dann in Deutschland voran, wo der Einzelhandel 2007 ein massives Verkaufsplus von Wolle, Nadeln, Knöpfen verzeichnete und plötzlich auch bei Aldi Strickkomplettpakete zu kaufen waren. Gestrickt wird heute nicht mehr auf Grünen-Parteitagen, sondern in Strickcafés in München ("Strickeria") und in Berlin auf "Strick-Meetings in Mitte". Dort treffen sich regelmäßig junge Leute, um gemeinsam zu stricken, um Muster auszutauschen und um sich zu beraten, wie sie ihre individuellen Strickprodukte - Babymützen, Handyhüllen, Damenstulpen - auf Internetseiten wie DaWanda.com am besten vermarkten. Die Schwarzwälder Strickomas haben mit all dem ungefähr so viel zu tun wie ein Elektroniker mit einem iPod. Aber irgendwie hat man auch in der Abgeschiedenheit des Münstertals das Gefühl, dass das eine ohne das andere nicht möglich wäre.

Lektion drei: Die Sockenferse mit Oma Else

Oma Else ist die erste Münstertaler Strickoma, die im März von Jörg Maier verpflichtet wurde. Sie trägt einen gelben Pulli, eine silberne Brille und sitzt in ihrem Wohnzimmer neben einer Schublade voller Socken. "Das Wichtigste ist, dass man entspannt ist beim Stricken", sagt sie, "locker in den Schultern und im Hals muss man sein", und man merkt schon, dass bei ihr eine gewisse Methodik hinter der Vorgehensweise steckt. "Das sind alles alte Erfahrungswerte und Tricks, die man kennen muss" - oder im Schwarzwald lernt.

Sie hat ein kleines Radio auf den Wohnzimmertisch gestellt, weil bald ein Beitrag über sie kommen wird. Jetzt? Sie macht es noch lauter, nein, nur der Wetterbericht. Sie dreht es wieder leiser und sagt: "Viele Menschen brauchen einfach nur eine Beschäftigung. Oder wollen gesünder leben." Mit Stricken könne man sich ja auch das Rauchen abgewöhnen. Oder eine Schlafstörung beheben. "Ich zum Beispiel bin früher immer um vier Uhr aufgewacht. Seit ich abends bis zehn stricke, kann ich bis sechs Uhr durchschlafen." So einfach ist das.

Viel schwieriger ist dagegen die Sockenferse. "Eine Socke mit Rohr, Ferse und Spitze zu stricken, das ist schon nicht so einfach - der Anschlag, rechts, links, der Abschluss", sagt Oma Else. Und die Sockenferse sei sowieso eine "besondere kleine Wissenschaft". Mit den ersten Touristen habe sie zwei mal zwei Stunden am Tag gestrickt, "das muss man da schon einrechnen". Einen blutigen Anfänger habe sie bislang noch nicht gehabt, aber "vier Tage braucht man da mindestens". Dann schaut Oma Else auf die Nadeln, bekommt so einen Lehrerinnenblick und sagt mit beruhigender Stimme: "Wenn was falsch ist, dann kann man es schon wieder auftrennen." Und demonstriert noch mal, wie so eine Ferse gestrickt wird. Was soll man sagen? Vermutlich fühlen sich so Skischüler, die gerade den Pflugbogen lernen und dann Bode Miller vorbeifliegen sehen.

Einstechen. Auflegen. Durchziehen. Abheben. Glatt rechts geht nun schon relativ flüssig, mit lockeren Schultern auch, vielleicht sogar ein wenig würdevoll. Oma Rosa schaut skeptisch und sagt ein wenig irritiert: "Ich bin überrascht, dass die Idee, mit uns zu stricken, so gut ankommt."

Glaubt man Trendforschern wie Peter Wippermann, dann liegt das auch an Dingen wie Geborgenheit, Kindheitserinnerungen und der Krisenerfahrung. Stricken kehre als Szenebeschäftigung zurück, weil sich junge Menschen in ungewissen Zeiten gerne an die Kultur ihrer Eltern und Großeltern erinnern. Und weil viele junge Leute erst jetzt erkennen, dass es außer Geld noch andere Dinge gibt, die glücklich machen können.

Dann kommt der Lokalradio-Beitrag - Regler wieder lauter -, und nun sagt Oma Else im Radio noch mal in etwa das, was sie gerade erzählt hat, und wird immer wieder als Strickoma Else bezeichnet. "Wir sind ja alle Omas", antwortet sie später auf die Frage, ob sie das gerne höre. "Am Anfang fand ich es etwas komisch, aber das zieht besser, oder?" Sie schaut aufs Radio mit einem etwas verlegenen und doch stolzen Blick. So ist das wohl, wenn man berühmt ist.

Vor dem Wohnzimmerfenster geht das Münstertaler Leben weiter. Auf den satten Wiesen unterhalb des Belchengipfels weiden Kühe und Ziegen. Der Bach Neumagen fließt durchs Tal. Nordic Walker und Mountainbiker sind auf den Forstwegen unterwegs. Man sieht ihnen hinterher, bis sie irgendwann als kleine Punkte in den Mischwäldern verschwinden. Und man braucht nicht viel Phantasie, um in den Fichten, Tannen, Buchen, die sich über die Berghänge ziehen, ein Strickmuster zu erkennen.

Strickpauschalen: Es gibt drei verschiedene Pauschalangebote "Erholen und Stricken im Münstertal" (jeweils mit einigen Zusatzprogrammen). Wer drei Nächte bleibt, der wohnt im "Haus Miriam" in Spielweg und strickt mit Oma Else (149 Euro, www.fewo-miriam.de). Wer vier Tage bleibt, kommt im "Haus Erika", Münstertal unter (169 Euro, www.haus-erika.info). Und wer sechs Übernachtungen bucht, wohnt im "Haus Mühlenmatten", Münstertal, und strickt mit den Omas Irmgard und Margarethe (299 Euro, www.haus-muehlenmatten.de). Alle Angebote unter www.original-schwarzwald.de/angebote

Sockenshop: Wer sich einen ersten Eindruck von der Strickkunst der Münstertaler Omas verschaffen will, der kann im Sockenshop unter www. stricken.original-schwarzwald.de Socken bestellen (ein Paar ab 19 Euro) - und dabei nicht nur Wolle und Größe, sondern auch die Oma anklicken, die die Socken stricken soll.

Unterkunft: Wer nicht zum Stricken ins Münstertal kommt, der kann zum Beispiel im "Romantik-Hotel Spielweg" wohnen, einem Hotel mit Restaurant, eigener Käserei und ohne nervende Handys (das Netz endet etwa 100 Meter vor dem Hotel). Übernachtung im DZF ab 130 Euro. Mehr unter www.spielweg.com

Allgemeine Informationen zur Ferienregion Münstertal-Staufen unter www.muenstertal-staufen.de

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Frank Röth

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