Von Evelyn Runge
27. März 2006 Hinter dem Bildschirm flimmert das Wasser türkis. Fischschwärme und Haie ziehen starr vorüber. Am Sandboden verharren unbeweglich Einzelgänger, behäbig und urtümlich wie Quastenflosser. Flundern, kaum sichtbar, pressen sich auf Felsen und verschmelzen mit dem Stein: Doch dies ist kein Film, dies ist das Oceanario de Lisboa, das größte Aquarium Europas und das zweitgrößte der Welt, mit 26 Becken, sieben Millionen Litern Salzwasser und 15.000 Tieren.
Eröffnet wurde es zur Weltausstellung Expo 1998, unter dem Motto: Os Oceanos, um Patrimonio para o Futuro - Die Weltmeere, ein Erbe für die Zukunft. Bislang weiß der Mensch mehr über das Universum als über den Ozean. Dabei ist die Erdoberfläche zu siebzig Prozent mit Wasser bedeckt, der Ozean enthält 97 Prozent des gesamten Wassers und neunzig Prozent der Biomasse, fünfzig Prozent aller bekannten Arten der Erde leben darin.
Das größte der Aquarien des Oceanario ist zwei Stockwerke hoch - ein künstlicher Ozean, in dem das Leben an Küsten und im offenen Meer, nahe der Wasseroberfläche und am Grund gezeigt wird. Mitten im Gebäude gelegen, ist es von allen Punkten aus zu sehen. Plötzlich verdunkelt sich das Bild: Ein Mantarochen schwebt vorbei, von unten ein Geist, weiß, mit ausdruckslosem Strichgesicht, von oben betrachtet aber elegant und schwarz wie Batman. Auf seinem schwarzen Rücken klebt ein Fisch: ein Remora, der die Parasiten seines Batmobils vertilgt.
Die Macht des Meeres
Manchmal tauchen Meeresbiologen in die Aquarien. Das ist ungefährlich, sagt Luis Pinheiro de Almeida vom Oceanario, unsere Tiere sind gut gefüttert. Nicht jeder lebt von seinen Nachbarn wie der Remora: Die Haie etwa kriegen zweimal in der Woche zu fressen, meist Oktopus und große Fische.
Aus dem Dunkel der Ozeantiefen gelangt man zu den lichten Küsten der Weltmeere: Pazifik, Atlantik und Indischer Ozean sind glasüberdacht. In der Antarktis klebt Eis an den künstlichen Klippen, Magellanpinguine rutschen vom Ufer ins Becken; Wassertemperatur zehn bis vierzehn Grad. Im Pazifiktank hat das Seeotterweibchen Mali vor einiger Zeit ein Junges geboren. Um seinen Pool ist ein rotes Band gespannt, damit die Besucher nicht bis zum Beckenrand vordringen. Auch ein Wärter steht dort, bittet um Ruhe und darum, nicht allzulange stehenzubleiben; der Kleine soll nicht gestört werden. Mali schwimmt auf dem Rücken, Junior parkt auf dem Bauch. Mit unablässiger Hingabe putzt und leckt sie das braune Fellbündel. Der Vater treibt am anderen Ende des Pools, die Aufregung der Menschen hat ihn nicht angesteckt.
Europas größtes Aquarium
Vielleicht ist es kein Zufall, daß Europas größtes Aquarium in Portugal steht, einem Land, dessen mutigste Seefahrer sich in Karavellen über den Atlantik wagten. Den Respekt vor der Macht des Meeres drückt ein Sprichwort aus: Wenn du lernen willst zu beten, fahr zur See. Schaubilder erklären, wie Meere und Atmosphäre zusammenwirken und wie die Corioliskraft funktioniert. Eine Vitrine ist gefüllt mit Dosen und Verpackungen. Nicht Zivilisationsmüll vom Strand, sondern Beweismittel, in welchen Alltagsprodukten Meer steckt. In Zahnpasta etwa, in Shampoo und sogar Eiscreme.
Kinder und Erwachsene pressen ihr Gesicht an die Scheiben, als wollten sie hineingleiten in die Unterwasserwelt. Und die ist wirklich so surreal wie auf einem Bildschirm. Zu wörtlich sollte man das allerdings auch nicht nehmen: Ein Mann hat sich auf einer Bank neben dem Haupttank niedergelassen, seinen Schirm zwischen die Knie geklemmt und den Kopf zurückgelehnt. Er schläft, wie zu Hause vor dem Fernseher.
Der Weg ins Oceanario:
Das Oceanario de Lisboa ist in der Esplanada D. Carlos 1 auf dem Expo-Gelände (Metro-Station Oriente), Telefon 0 03 51/ 2 18 91 70 02, geöffnet täglich von 10 bis 19 Uhr.
Die Übernachtung im Oceanario kostet ab 50 Euro. Nebenan steht der Pavillon der lebendigen Wissenschaft, ein interaktives Museum für Wissenschaft und Technologie: Telefon 0 03 51/2 18 91 71 00, Dienstag bis Freitag geöffnet von 10 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 11 bis 19 Uhr.
Alle weiteren Informationen über: ICEP Portugal Handels- und Touristikamt, Schäfergasse 17, 60313 Frankfurt/Main, Telefon 01 80/5 00 49 30, www.visitportugal.com, www.visitlisboa.com.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.03.2006, Nr. 12 / Seite V7
Bildmaterial: F.A.S. - Evelyn Runge