E-mail von Scherer

Wir fliegen jetzt grün

16. Juni 2008 Was ist nur in die Luftfahrtwelt gefahren? Wie vom Saulus zum Paulus gewandelt, überbieten sich Fluggesellschaften, Flugzeugbauer, Flughäfen beim Thema Klimaschutz. Und während unsereiner noch leichtherzig seinen Billigflug genießt wie eine Droge - und freiwillig auch keinen Extra-Umweltobulus zur Erleichterung seines Gewissens zahlt -, bombardieren uns Boeing und Airbus, British Airways, Lufthansa und Tuifly und sogar der Luftfahrtverband Iata mit dickleibigen Umweltstudien, Forschungsberichten, Absichtserklärungen. Inhalt: exakt die Forderungen, wie sie bislang die Ökofraktion für sich reserviert hatte. Wird die Luftfahrt grün?

Den Vogel schoss zu Beginn voriger Woche Air France in ihrem Hauptquartier in Paris ab. Vor zweihundertfünfzig Journalisten aus allen Kontinenten stand zwei Tage lang der gesamte Vorstand einschließlich eines Dutzends von Fach-Direktoren Rede und Antwort zu Emissions-, Lärm- und Treibstoffreduktion. Nichts wurde ausgespart, vom Waschen der Flugzeuge und Triebwerke über das alte Thema Abbau der Warteschleifen bis zur Forderung von Vorstandschef Jean-Cyril Spinetta, Airbus solle ein noch größeres Flugzeug bauen, für neunhundert Menschen. Zwei Tage später, am Donnerstag, wurde Spinetta schon wieder übertrumpft, von Wilhelm Bender, dem Chef des größten deutschen Flughafens Frankfurt-Rhein-Main. Bender will die "nationale Zukunftsaufgabe" des Flughafenausbaus CO2-neutral lösen, mit einem futuristischen "Öko-Terminal".

Weniger Treibstoff, aber mehr Passagiere

Spielverderber, sie alle! Wo bleibt unser Feindbild? Der Luftverkehr gilt als Inbegriff des Klimasünders - obwohl er am Treibhauseffekt nur einen Anteil von etwa drei Prozent hat. Den meisten Dreck schleudern Containerschiffe in die Luft. Dennoch bleiben bedrohliche Fakten. Der Treibstoffverbrauch der Jets sank zwar in den letzten vier Jahrzehnten um die Hälfte, doch Globalisierung, Billigfliegerboom und neue Kunden aus Asien ergeben ein jährliches Passagierwachstum von mehr als fünf Prozent, der Ölbedarf wächst. Alternative Treibstoffe, Brennstoffzellen und neue Triebwerkstechnologien aber stecken in den Anfängen. Fünfzig Jahre wird es dauern, glauben Experten, bis ein Flugzeug emissionsfrei und ohne Öl fliegen kann.

Derweil steigt der Ölpreis. Im Moment ist er so hoch wie nie, Fluggesellschaften von Continental Airlines bis Ryanair stellen unrentable Strecken ein. Fliegen droht knapp und teuer zu werden. Das ist genau das, was die Tourismuskritik der siebziger Jahre forderte: "gegen die Rumfliegerei". Das ist genau das, was niemand will. Deshalb wird die Luftfahrt grün.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche