„Deutschland feiert“

Mißmut im Mittelalter

Von Peter Lückemeier

Lutherfest: “Wer etwas vorführt, bekommt Geld“

Lutherfest: "Wer etwas vorführt, bekommt Geld"

25. August 2005 Was vereinigt die Menschen im Osten und Westen Deutschlands? Ganz einfach: Sie gehen oft und gern auf Volksfeste, auf denen sie sich aber überhaupt nicht amüsieren. Wer also vom frühen Nachmittag bis in den Abend über das gar nicht so kleine Lutherfest-Areal in der Eisenacher Innenstadt streift, blickt in genauso viele gleichgültige, gelangweilte oder geschäftsmäßige Gesichter wie bei der Cranger Kirmes oder beim Museumsuferfest in Frankfurt.

Es bleibt ein ewiges und noch nicht erforschtes gesamtdeutsches Rätsel, warum das Festliche mit soviel Mißmut einhergeht und andererseits diese latente Übellaunigkeit der Beliebtheit von Volksfesten nie etwas anhaben konnte. Wer das jetzt etwas übertrieben findet, möge nächstes Jahr nach Eisenach fahren, wenn es dort wieder heißt: "Luther - Das Fest. Größtes Historienspektakel Mitteldeutschlands".

Die Tische biegen sich unter Massenverkaufsware

Noch der laueste evangelische Christ weiß ja, was Luther mit Eisenach verbindet. Er hat hier als junger Bursche von 1498 bis 1501 die Lateinschule besucht, sich auf die Universität vorbereitet und ist warmherzig von Ursula Cotta in ihrem Haus am heutigen Lutherplatz aufgenommen worden - später nannte er Eisenach "meine liebe Stadt". Viele Jahre später, 1521, floh der Reformator als Junker Jörg auf die Wartburg, auf der er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte; in jene Sprache also, an der sich der Sinnspruch vergreift, der sich hier vorn gleich an einem der ersten Stände in Holz gebrannt findet: "Schon lange hab' ich festgestellt, ich hab' die beste Frau der Welt." Solchen Tinnef gibt es auf dem Lutherfest in Eisenach wie überall dort, wo sich beim Rummel die Tische unter Massenverkaufsware biegen. Auch die Bude mit den heilenden Mineralien darf nicht fehlen. Auf dem riesigen Transparent ist nachzulesen, welchem Sternzeichen vielleicht noch zu helfen ist. Für den Skorpion heißt der "Kraftstein" Malachit und kostet 4,50 Euro.

Da kann man nicht meckern, aber wir wollen jetzt doch ganz offen festhalten: Das Lutherfest zu Eisenach ist auch eines jener besonders abgeschmackten, geldmacherischen Mittelalter-Volksfeste, wie sie als ein Wanderzirkus von Ort zu Ort ziehen: aufgesetzt, unehrlich und manchmal fast fratzenhaft verzerrt, albern in einer vorgegaukelten Authentizität. Stroh liegt auf dem Pflaster. "Taler" werden verlangt statt Euro. "Ritterbier" nennt sich das Pils, "Türkentrunk" der Kaffee. Pflaumenwein wird umgefüllt in irdene Flaschen. Bier gibt es im Tongefäß für drei Euro Pfand. Und wenn sich Begriffe beim besten Willen nicht mit sprachlicher Patina überziehen lassen, dann wird aus Softeis immerhin noch "feynstes" Softeis. Übrigens hauen gerade ein paar junge Kerle in Kettenhemden unter Geschrei mit stumpfen Schwertern aufeinander ein und verfallen schließlich mit ihren Bewegungen ins Zeitlupentempo - es soll sich um mittelalterliche Schaukämpfe handeln und ist doch nur ungekonnt und ohne Witz.

Wer kommt hierher - mit Sonderzügen?

Wer kommt hierher, zum Teil sogar mit Sonderzügen? Das ganz normale Publikum, das Bratwurst ißt und die von der Musikgruppe "Spilwut" mit viel Getrommel und Geblase vorgetragenen Töne am Radio wahrscheinlich für türkische Folklore halten würde. Familien mit Kindern schauen den Wollefärbern, Eisenschmieden und Drechslern zu, trinken Met oder schießen mit Pfeil und Bogen. Mit einer Axt darf man auch auf eine Holzwand zielen, auf der die Umrisse eines Bären aufgemalt sind. "Dem hack' ich die Eier ab", sagt ein junger Mann. Doch in Wirklichkeit faßt er nur seine Freundin zärtlich um die Taille und zieht sie weiter zum nächsten Stand.

Dort trifft er vielleicht auf jene Besucher, denen das Mittelalter eine Herzensangelegenheit sein muß. Hier zum Beispiel, die junge Familie. Sie hat sich komplett in mittelalterliche Schale geworfen und scheint sich dabei wohl zu fühlen. Die Mutter ganz in Blau, eher festlich. Der Vater eher derb, im braunen Umhang, sockenlos in Sandalen. Die Tochter bodenlang in Samtrot mit Stirnband. Der Sohn in Schaffelljacke - nur seine Turnschuhe mindern den mittelalterlichen Gesamteindruck.

„Luther - das Fest“

Und dann gibt es wenige, aber auffällige junge Leute, die auf dem Weg zu schwarzen Messen zu sein scheinen. Die Frauen haben ihre Haare meist pechschwarz gefärbt und sehen zum Beispiel so aus: schwarze, klobige Stiefel, schwarzer, langer Rock, schwarzes Oberteil, tief dekolletiert. Um das Handgelenk eine breite Ledermanschette, Unterlippenpiercing, die Haare rechts brav zur Seite gekämmt, links sind sie im Schachbrettmuster fast kahl rasiert. So martialisch sie aussieht, so brav, wenn auch einsilbig antwortet die junge Frau auf die Frage nach ihrem Sein und Wesen: "Gothic" - in der Mitte gelispelt. Warum? "Weil et Spaß macht."

Natürlich ist "Luther - Das Fest" eine Marketingveranstaltung zum Nutzen des Fremdenverkehrs und der Gastronomie Eisenachs, immerhin hat der thüringische Wirtschaftsminister fünftausend Euro Zuschuß gewährt. Veranstalter ist der Lutherverein, dessen Vorsitzender Udo Winkels heißt. Er ist Geschäftsführer eines Hotels und eines "Erlebnisrestaurants", hat zwei Jahre auf dieses Fest hingearbeitet und wird bei der Eröffnung fast von Rührung übermannt. Winkels sagt, für den Fall hoher Verluste habe er eine Ausfallbürgschaft übernommen. Er läuft mit Umhang und Barett über das Festgelände, weist einen Anbieter darauf hin, daß Caipirinha nichts zu tun hat mit dem Mittelalter - es wird dann Planters Punch daraus -, und erklärt das Geschäftsmodell: Wer etwas vorführt, bekommt Geld. Wer etwas vorführt und etwas verkauft, muß nichts zahlen, bekommt aber auch nichts. Wer lediglich etwas verkauft, zahlt pro laufenden Standmeter und Tag fünfzehn Euro.

„Luther - Das Schauspiel“

Außerdem wird auf dem abgeschlossenen Gelände ja Eintritt erhoben. Und abends gibt es das große Lutherschauspiel "Luther - Das Schauspiel". Drei Akte. Fackelschein, Gedröhn und viele Pferde. Die Menschen nehmen Platz auf den Pappkartons, die man von den Kirchentagen kennt. Die leicht abschüssige Wiese hinter der Kreuzkirche, die heute als Landeskirchenarchiv dient, rechts eingerahmt von Fachwerkhäusern, bietet eine authentische und heitere Kulisse für das Schauspiel, das Luthers Leben in Einzelszenen Revue passieren läßt, mit viel Liebe vorgetragen von Profi- und Laiendarstellern. Das ist nett und macht richtig Appetit, sich wieder einmal Richard Friedenthals Luther-Biographie vorzunehmen.

Wie man sich denn überhaupt von dem brutalkommerziellen Markttreiben nicht den Blick verstellen lassen darf für die heiteren und stillen Momente dieses Festes. Als droben beim Hellgrevenhof siebzig Menschen der Elisabeth Haug zuhören, wie sie die Tischreden der Katharina Luther hält, wie sie den Dr. Martinus zitiert, der von seinem Sohn redet, wo doch beider Sohn gemeint ist, aber davon spricht, daß "wir" einmal wieder Bier brauen müßten, wo doch nur seine Frau gemeint ist, da ist die Atmosphäre plötzlich so dicht und leicht und so wenig marktschreierisch, daß man beinahe beschließen könnte, nächstes Jahr wiederzukommen.

Text: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite R6
Bildmaterial: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

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