Kent

Mit James Bond in Englands Garten

Von Eberhard Schwarz

07. Juli 2008 Eine kräftige Brise weht auch bei strahlendem Sonnenschein vom Meer herüber, das so nah scheint und dessen Blau doch so unerreichbar in der Ferne liegt. Von der Plattform des South Foreland Lighthouse aus betrachtet, liegen dem Besucher die weißgrauen Kalkfelsen von Dover und der Ärmelkanal zu Füßen. Ununterbrochen nähern sich die mächtigen Fährschiffe, die den nahen Hafen ansteuern, und verlieren sich später, nach dem Auslaufen, auf dem Weg nach Frankreich wieder in dem hellen Dunst, der den Horizont umspielt.

Wir befinden uns in der Grafschaft Kent im Südosten des Vereinigten Königreichs. Der Kontinent ist nur vierunddreißig Kilometer entfernt. In St. Margaret's Bay, einem früheren kleinen Fischerdorf, in dem zu viktorianischen Zeiten die bessergestellten Kreise verkehrten, hat uns Janet Alcock an einem der typischen Pubs mit dem Namen „The Coastguard“ zu einem Spaziergang über die Höhen der Klippen von Dover erwartet, der uns zum nicht ganz zwei Kilometer entfernten Leuchtturm führt. Ein schmaler Weg biegt von der Straße ab. Entlang von mehr als mannshohen Hecken und Büschen arbeiten wir uns langsam höher, bis wir an der steilen Kante der Kreidefelsen stehen und uns der Anblick des tief unten rauschenden Meeres in seinen Bann zieht.

Der erste Ton aus dem Leuchtturm

Noch hat das Wasser seinen Höchststand nicht erreicht; bei Flut klatscht es heftig an die weiche Kreide und lässt immer wieder höherliegendes Gestein abbrechen. Durchschnittlich ein Zentimeter Küstenlinie gehe im Laufe eines Jahres verloren, sagt Janet. Die frühere Lehrerin ist beim National Trust tätig. Die gemeinnützige Organisation unterhält mehr als dreihundert historische Gebäude und Gärten und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich, kümmert sich aber auch um Industriedenkmäler und Küstenstreifen, darunter die Kreidefelsen von Dover. Freiwillige Helfer sorgen dafür, dass die Landschaft so natürlich wie möglich erhalten bleibt. Seit neun Jahren kümmert sich Janet um den Leuchtturm, der ebenfalls dem National Trust gehört.

Das markante weiße Gebäude ragt zwanzig Meter in die Höhe, doch mit seinem privilegierten Standort auf den hundert Meter hohen Klippen war sein Licht früher weithin zu sehen. Den Seeleuten half es, ihre Position zu bestimmen und die Schiffe sicher durch den Kanal zu lotsen. Der heutige Leuchtturm stammt aus dem Jahr 1843. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte der Physiker Michael Faraday die Idee, nicht mehr Öllampen, sondern Elektrizität als Lichtquelle zu nutzen. Als erster Leuchtturm bekam „South Foreland“ im Jahr 1858 elektrisches Licht.

Das System erwies sich allerdings als nicht zuverlässig; schon acht Monate später versahen wieder Öllampen ihren Dienst. Mehr Erfolg als Faraday war dem italienischen Physiker Guglielmo Marconi beschieden, der im „South Foreland Lighthouse“ mit der Übermittlung von Funksignalen experimentierte. Am Weihnachtsabend im Jahr 1898 gelang es, die ersten Nachrichten im Morse-Code zwischen dem Leuchtturm und einem zehn Kilometer entfernten Schiff auszutauschen. Neunzig Jahre später machten Computer und Satellitennavigation das Leuchtfeuer überflüssig.

Winnie und Pooh, zwei gut getarnte Kanonen

Drei metallische Türme sind zur Landseite hin von der Plattform aus zu erkennen. Im Zweiten Weltkrieg kontrollierte die britische Armee von dort aus den Luftraum per Radar. Auch zwei gut getarnte Kanonen, Winnie und Pooh genannt, seien in der Nähe aufgestellt gewesen, erzählt Janet. Um die Deutschen zu täuschen, habe die britische Armee in einiger Entfernung noch eine ungetarnte Kanone aus Holz plaziert. Die Deutschen hätten den Schwindel aber wohl bemerkt und bei einem Angriff Bomben, ebenfalls aus Holz, auf die Kanone abgeworfen. Sie wisse nicht, ob das so stimme, sagt Janet, „aber wir lieben diese Geschichte“.

Die hügelige, fast immer grüne Landschaft von Kent, die der Grafschaft zu dem Titel „Garten von England“ verholfen hat, hat viele Geschichten zu erzählen. Dichter und Schriftsteller zollten den Orten an der Küste in ihren Werken Tribut. Shakespeares „König Lear“ spielt in der Nähe von Dover; ein Abschnitt der Kreidefelsen westlich der Stadt trägt den Namen „Shakespeare Cliff“. William Wordsworth und Lord Byron, Charles Dickens und Rudyard Kipling - sie alle erwiesen Kent und der Umgebung von Dover literarisch Reverenz. Weniger anspruchsvoll kam im Jahr 1942 das von Vera Lynn aufgenommene Lied „The White Cliffs of Dover“ daher - damals einer der populärsten Schlager in Großbritannien.

James Bond auf der Jagd nach Sir Hugo Drax

Auch der Schriftsteller Ian Fleming hinterließ Spuren: Im Jahr 1953 erfand der frühere Geheimdienstoffizier, der am 28. Mai hundert Jahre alt geworden wäre, die Figur des Geheimagenten James Bond. Mit zwölf Romanen und etlichen Kurzgeschichten begann eine Erfolgsgeschichte, die sich seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch im Film fortsetzt. Fleming, der im Londoner Stadtteil Mayfair geboren wurde, liebte Autos, Skifahren und Golf. Mit seinem Wagen war er gerne kreuz und quer durch das südlich der Hauptstadt gelegene Kent unterwegs. Von einem Freund, dem Schriftsteller und Schauspieler Noël Coward, kaufte Fleming im Jahr 1952 ein Haus in St. Margaret's, direkt am Meer. Es liegt nur wenige Minuten zu Fuß von „The Coastguard“ entfernt und macht einen verlassenen Eindruck. Später erwarb Fleming den „Old Palace“ im nahen Bekesbourne, wo er mit seiner Frau Ann zwei Jahre lang wohnte.

Wie Fleming selbst durfte auch James Bond der Leidenschaft für schnelle Autos frönen. Im Roman „Moonraker“ aus dem Jahr 1955 ließ Fleming den Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten in seinem Bentley von Maidstone, dem Verwaltungssitz der Grafschaft, nach Charing und weiter über Canterbury quer durch Kent bis nach Dover und St. Margaret's jagen: An den Klippen zwischen Dover und der nördlich gelegenen Ortschaft Deal hatte der Bösewicht Sir Hugo Drax, der London mit der Superrakete Moonraker zerstören will, sein Raketengelände eingerichtet.

Ein unvergessliches Naturerlebnis

Auf dem Weg passierte Bond auch den Ort Chilham, dessen Fachwerkgebäude aus früheren Jahrhunderten heute gerne als Kulisse für Fernsehserien und Filme genutzt werden. An Chilham vorbei führt der North-Downs-Weg, der in Farnham in Surrey beginnt, sich durch die hügelige Landschaft der North Downs über zweihundertfünfundvierzig Kilometer bis nach Dover im Osten erstreckt und ein unvergessliches Naturerlebnis verspricht. Bei Ashford teilt sich der Weg: Der Wanderer hat die Wahl zwischen der direkten Route nach Dover oder einem Abstecher nach Canterbury.

In „Goldfinger“ von 1959 raste James Bond von London über Rochester, Chatham, Faversham und Ramsgate im Norden von Kent nach Sandwich. Die Landstraße führt - wie überall in Kent - entlang saftiger Wiesen, auf denen Schafe oder Kühe grasen. An einsamen Stellen mitten im Nirgendwo stehen verträumte Pubs, die Reisende zur Rast einladen. Auf dem fiktiven Golfplatz Royal St. Mark/'s bei Sandwich lieferte sich der Agent ein Spiel mit dem Schurken Goldfinger. Wer sich heute im sogenannten James Bond Country tummelt, sollte einen Abstecher in das „Historic Dockyard“ bei Chatham nicht versäumen: Dort wurden einige Sequenzen der Filme „Diamantenfieber“ und „Die Welt ist nicht genug“ gedreht.

„Man lebt nur zweimal“

Das Gasthaus „The Duck Inn“ liegt in dem kleinen Ort Pett Bottom, fünf Kilometer südlich von Canterbury entfernt, an einer abgeschiedenen Stelle zwischen sanften Hügeln und ist nur über schmale, verschlungene Straßen zu erreichen. Eine kleine Tafel verrät, dass Fleming dort den Roman „Man lebt nur zweimal“ geschrieben hat. Wir treffen John Ingram aus Canterbury, einen älteren Gentleman, der früher als Englischlehrer tätig war und sich intensiv mit Flemings Werk beschäftigt hat. Ingram bezweifelt die Angaben auf der Tafel: Nach seiner Einschätzung entstand „Man lebt nur zweimal“ - wie viele James-Bond-Romane - während eines von Flemings Aufenthalten auf Jamaika. Vielleicht habe der Autor im „Duck“ letzte Hand an das Manuskript angelegt, sagt Ingram.

Fleming ging häufig in den Gasthof, sein Lieblingsplatz im Garten ist markiert. Dem Roman zufolge wuchs James Bond bei einer Tante auf, die in einem kleinen Cottage direkt neben dem „Duck Inn“ lebte. Hier ließ Fleming seiner Phantasie freien Lauf: Anstelle des Häuschens gibt es nur einen Nebenraum der Gaststube mit sieben Tischen und einem Regal, das sich an der Wand entlangzieht und auf dem Krüge, alte Kochtöpfe und Uhren stehen. Sehr beliebt sei Fleming bei den Leuten aus der Gegend nicht gewesen, erzählt Ingram. Er habe als arrogant und überheblich gegolten. Für Ingram besteht kein Zweifel, dass Fleming den Agenten James Bond als „idealisiertes Bild von sich selbst“ gestaltet hat.

Die Tücken des Platzes und die Launen des Windes

Als Vorbild für Royal St. Mark's diente Fleming der exklusive Royal St. George's Golf Club nahe der Küste bei Sandwich, zu dem er selbst häufig zum Golfen fuhr. Kraftvoller, kurzgeschnittener und vollständig unkrautfreier Rasen, wie ihn sich jeder Hobbygärtner wünscht, dominiert ein unendlich weit erscheinendes Gelände; es wird von kleinen Bodenerhebungen und den beim Golfspielen unerlässlichen „Roughs“ modelliert. In angemessener Entfernung zu den Spielern durchquert ein Fußweg das Achtzehn-Loch-Gelände. Soignierte, meist etwas ältere Herren frönen hier schon am frühen Nachmittag ihrem Hobby. Über achthundert Mitglieder hat der Club, dem heute noch Verwandte von Fleming angehören.

Die Nähe zum Meer bringt es mit sich, dass die Spieler nicht nur mit den Tücken des Platzes, sondern auch mit den Launen des Windes zu kämpfen haben. Die großzügige Anlage hat sich seit Flemings Zeiten kaum verändert. Von einem schwierigen, gleichwohl fairen Platz spricht der Assistant Secretary des Clubs, Peter Fawcus, der uns vor dem Clubhaus begrüßt. Mitglied kann man nur auf Einladung werden; außerdem sind drei Referenzen und etliche Empfehlungen nötig. Fleming war gerade zum Captain des Clubs gewählt worden, als er bei einer Sitzung des Golfkomitees am 11. August 1964 eine Herzattacke erlitt. Einen Tag später starb er in Canterbury. Auf dem Golfplatz wurde die Fahne danach auf halbmast gesetzt.

Unterwegs in Kent

Information: Über James Bond-Touren und Übernachtungsmöglichkeiten informieren die Internetseiten www.visitkent.co.uk, www.nationaltrust.org.uk und www.nationaltrail.co.uk/northdowns.

Anreise: Die meisten der Orte sind am besten mit dem Auto zu erreichen. Täglich Verbindungen von Calais nach Dover bietet das Fährunternehmen Seafrance an, im Internet: www.seafrance.com.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, CINETEXT, F.A.Z.

 
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