
Alptraum aller Eltern mit Verstand und Verantwortungsgefühl: Dicke Kinder stopfen gedankenlos Kartoffelchips in sich hinein.
09. Juli 2009 Als wir Kinder waren, verbrachten wir den Sommer immer in Spanien, unserem Mutterland, und dort nicht an der lärmenden Küste, sondern in einem Jugendstil-Städtchen ein paar Kilometer dahinter, im Ferienhaus der Familie mütterlicherseits. Jeden Morgen setzte sich eine Prozession in Gang, Vater, Mutter, fünf Kinder, ein Dutzend Enten, Krokodile ohne Zahl, die nach zwanzig Minuten den örtlichen "Club de Natación" erreichte, den Schwimmverein mit seinem großen Olympiabecken. Doch nicht das Wasser, nicht das Dreimeterbrett und auch nicht die kokette María del Carmen mit ihrem Sonnenblümchenbikini waren die Attraktion des Tages, sondern die tägliche, rituelle Tüte Kartoffelchips. Es war eine kleine Tüte "Patatas fritas" - bei fünf Kindern ging es nicht anders. So klein war die Tüte, so kostbar ihr Inhalt, dass wir uns jeden einzelnen der feingerippten, leicht gesalzenen Chips wie einen Trüffel auf der Zunge zergehen ließen, mit angeleckten Fingern auch noch den letzten Krümel aus dem tiefsten Winkel der Tüte herausfischten und so das Naschen eine wunderbare Stunde in die Länge zogen. Wir waren damals spargeldünne Kinder. Alle Kinder waren es damals, und alle aßen ihre Kartoffelchips so wie wir.
Schrecken statt Wehmut
Wenn wir jetzt in Spanien Urlaub machen, im Hinterland, nicht an der Massentourismusküste, und in die Dorfschwimmbäder gehen, bekommen unsere spargeldünnen Kinder natürlich auch eine Tüte "Patatas fritas" pro Tag, so viel Familientradition muss sein. Doch die süße Wehmut ist dem blanken Schrecken gewichen: Die Chips-Tüten sind auf das Vierfache ihres früheren Volumens angeschwollen und die Bäuche der spanischen Kinder auf mindestens das Dreifache - aus Spargeln sind dicke weiße Rüben geworden, was inzwischen ein heftig diskutiertes nationales Problem ist: falsche Ernährung, Bewegungsmangel, die übliche Wohlstandszivilisationslitanei. Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Am schlimmsten, am schmerzlichsten ist es, zu sehen, dass die Kinder die Kartoffelchips in ihre Münder stopfen wie in einen Schredder und dabei ohne die Spur eines schlechten Gewissens zu Krümelmonstern werden. Überall liegen Kartoffelstückchen auf dem Rasen und am Beckenrand, überall Tüten in den Mülleimern, die längst nicht leer gegessen sind, sondern verborgene Schätze in ihren tiefsten Winkeln hüten. Uns blutet das Herz, obwohl wir alles andere als Moralisten sind und weit entfernt von irgendwelchen Nachkriegsnahrungsmangeltraumata und die Esst-euren-Teller-leer-Tyrannis verabscheuen. Trotzdem heben wir einen Krümel auf, halten das Corpus delicti unseren Töchtern unter die Nase und bleuen ihnen ein: Macht so etwas niemals! Nehmt euch die dicken, doofen Kinder nicht zum Vorbild! Ehrt den Kartoffelchip! Und bleibt dabei Spargel, sonst gibt's morgen nur Obst! Die Töchter schauen uns an, als hätten wir nicht mehr alle Tassen im Schrank. Eines Tages werden sie uns verstehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp