30. November 2007 Der Schlachtgesang Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin war bisher optimistischen Fußballfans vorbehalten, die ihre Mannschaft zum Finale des DFB-Pokals ins hauptstädtische Olympiastadion brüllen wollten. Jetzt wird das ganze Volk angefeuert, und zwar von der Berliner Tourismusgesellschaft (BTM), die seit neuestem mit diesem imperativen Slogan die Richtung vorgibt - flächendeckend auf Plakaten, allgegenwärtig im Internet, und das unerbittlich die nächsten drei Jahre lang. Dabei wird der Ruf längst massenhaft befolgt: Der vergangene September war mit fast einer Dreiviertelmillion Gästen der beste Monat in der Berliner Tourismusgeschichte, und einem neuen Rekordjahr mit knapp acht Millionen Besuchern steht nichts mehr im Weg. Damit füllt man das Olympiastadion locker hundertmal.
Noch beeindruckender sind die Ergebnisse einer kürzlich vorgestellten Studie, die von der BTM in Auftrag gegeben wurde. Demnach hat der Fremdenverkehr im vergangenen Jahr Bruttoumsätze von 8,4 Milliarden Euro generiert, fast fünfzig Prozent mehr als noch 2003. Allein die Zahl der Tagesgäste stieg in diesem Zeitraum um zweiundvierzig Millionen auf zuletzt 132 Millionen pro Jahr. Mehr als eine Milliarde Euro an Steuereinnahmen floss in die notorisch klammen Kassen der Hauptstadt, eine Viertelmillion Berliner lebt direkt vom Tourismus, und die Auguren sehen eine noch viel rosigere Zukunft am nahen Horizont. Alle vorliegenden Marktindikatoren sprechen dafür, dass Berlins Potentiale als touristisches Reiseziel bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, sagt BTM-Geschäftsführer Hanns Peter Nerger.
Ein Freizeitpark mit echten Menschen
Dass den Berliner Jubel ein bitterer Beigeschmack trübe, können nur die behaupten, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Natürlich ist es wahr, dass Berlins touristischer Erfolg der einzige Trost für seine Bedeutungslosigkeit auf allen anderen wirtschaftlichen Feldern ist. Und es stimmt auch, dass die Stadt, die sich 1989 anschickte, New Yorks Erbe als globale Metropole des einundzwanzigsten Jahrhunderts anzutreten - eine Rolle, die die gerührte Welt ihr damals zu Füßen legte -, es gerade einmal zum Ausflugsziel gebracht hat. In Berlin laufen nicht die Fäden der Welt zusammen, sondern die Routen der Reiseveranstalter.
Berlin ist Peripherie, doch genau darin liegt der Charme: Die Besucher schwärmen davon, wie entspannt das Leben hier sei, ganz anders als in Paris oder London - eine Stadt ohne nennenswerte Staus, ohne gestresste Bewohner, ohne Zwangsneurosen, ohne Vorortrandale, ohne Konkurrenzkampf, höchstens beim Wettstreit um die besten Plätze im Biergarten. So liegt in jedem Scheitern ein Triumph, und Berlin kann sich glücklich schätzen, seinen Platz in der Welt doch noch gefunden zu haben: als wunderbarer, riesenhafter, eintrittsfreier, mit echten Menschen und echter Kultur verschwenderisch bestückter Freizeitpark ohne Sperrstunde.
Text: F.A.Z., 29.11.2007, Nr. 278 / Seite R1
Bildmaterial: ddp
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