Tourismus

Kampfplatz Sonne, Strand und Sicherheit

Von Brigitte Scherer

05. Dezember 2006 Was ist nur los bei den Weltmeistern im Reisen? Der Höhepunkt ihrer Reiselust zur Jahrtausendwende liegt nun schon sechs Jahre uneingeholt zurück, ihr Traumland Amerika hat sich in einen Einreise-Albtraum verwandelt, die drei großen „S“ der Pauschalreiseindustrie wechselten auf verwirrende Weise ihre Bedeutung: Statt an Sonne, Strand und Sex wie in den unschuldigen Sturm-und-Drang-Zeiten der jungen Branche Tourismus, denkt der Urlauber nun eher an Sonne, Strand und Sicherheit. Und jetzt wird auch noch die Heilige Dreifaltigkeit der nachkriegsdeutschen Urlaubswelt, die Pauschalreise mit Hotel, Transfer und Charterflug, ins Werksmuseum verabschiedet - pikanterweise vom Erben ihres Gründervaters.

Zweiundvierzig Jahre nachdem der Konsumpionier Josef Neckermann industrielle Methoden aufs Flugreisegeschäft übertrug und damit die billige Flugpauschalreise für jedermann erfand, erklärt sein heutiger Nachfolger Thomas Holtrop dieses Zeitalter für beendet. „Innerhalb des Veranstaltergeschäfts bietet die klassische Pauschalreise kein Wachstumspotential mehr“, verkündete der neue Mann an der Spitze des Reisekonzerns Thomas Cook, zu dem der Veranstalter Neckermann und die Fluggesellschaft Condor von ihren Müttern Karstadt und Lufthansa zusammengefügt wurden, öffentlichkeitswirksam bei der Branchentagung des Deutschen Reiseverbands auf Teneriffa. Wie nicht anders zu erwarten, stach er mit der neuen Doktrin seines Hauses in ein Wespennest.

Veranstalter haben ihr Herrschaftswissen verloren

Denn die Pauschalreise nach deutschem Muster ist kein Himmelsgesetz, sondern ein Kind der Luftverkehrspolitik. Sie entstand sozusagen als Trick, weil die billigen Charterflugpreise auf dem regulierten deutschen Luftverkehrsmarkt mit seinen vom Staat festgesetzten, viel höheren Tarifen nicht bekanntgemacht werden durften. Nur als Teil eines Pakets von drei Leistungen - Hotel, Transfer und Flug - wurde der günstige Charterflug vom Verkehrsministerium genehmigt. Spätestens seit der Liberalisierung des Luftverkehrs im Jahr 1993 ist es mit dieser Geschäftsgrundlage vorbei: Jede Fluggesellschaft kann fliegen, wohin sie will, jede kann jederzeit neue Preise bestimmen und sie dem Publikum von einer Minute zur nächsten direkt anbieten. Was seitdem vorhersehbar war, ist nun tatsächlich Wirklichkeit geworden. Jeder macht alles, und eine Reise buchen, das kann die Kundschaft überall: bei der Fluggesellschaft, beim Veranstalter, an der Tankstelle, beim Kaffeeröster, im Hotel, im Reisebüro, im Internet, am Telefon. Tickets für Bahn und Flug besorgt man sich zu Hause am Computer. Und seit ein paar Tagen bietet die Lufthansa ihren Passagieren an, sich auch den Sitz für ihren Flug am PC zu Hause oder im Büro auszusuchen und ihre Bordkarte dort direkt auszudrucken.

Der Veranstalter hat Herrschaftswissen und Verteilungsvollmacht über Preise, Informationen und Reisedokumente endgültig verloren. Jedermann im Web kann einschließlich des Strands am Urlaubsort alles in Echtzeit einsehen. Damit hat sich die Geschäftsbeziehung umgedreht: Wer in Urlaub fahren will, kann die Reiseindustrie bemühen - er kann es aber ebensogut auch bleiben lassen. Das ist um so bitterer für die Reisebranche, als der Markt stagniert und wenig Hoffnung auf steigende Reiseausgaben besteht. Denn die Nettoeinkommen in Deutschland sinken. Und während die gesamten Konsumausgaben trotzdem in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 1,8 Prozent wuchsen, nahmen die Ausgaben für Urlaubsreisen lediglich um 0,5 Prozent zu. Verkürzte Reisedauer und sinkender durchschnittlicher Reisepreis sind die Folge. Um das niedrigere verfügbare Einkommen aber konkurrieren alle Lifestyle-Produzenten vom Hersteller des Flachbildfernsehers bis zum Handy-Produzenten - und sie werben mit sehr viel größeren Marketingbudgets als die Reiseindustrie.

Der lachende Dritte lauert auf Schnäppchen

Die zeigt sich entsprechend verunsichert. Auf Teneriffa haben die Reisebüros ihre erste gemeinsame Werbekampagne mit dem befremdlichen Slogan „Reisebüro. Lassen Sie kümmern“ vorgestellt. Außerdem rief der Branchenverband die Politik auf, die antiquierte Vorschrift zum fast ein Jahr lang gültigen Reisepreis im Katalog endlich zu streichen. Das sind notwendige, aber kleine Schritte. Die Zahl der Reisebüros, noch immer gemessen an den Einwohnern die höchste der Welt, ist zurückgegangen, ihre durchschnittliche Gewinnmarge sank unter ein Prozent. Bei den Veranstaltern lag sie im vergangenen Geschäftsjahr zwar höher, aber eben auch nur bei allenfalls der Hälfte der von Börse und Aktionären geforderten mindestens fünf Prozent. Für nächstes Jahr ist keine Besserung in Sicht. Die Großveranstalter wollen und müssen wachsen, um die Kapitalkosten einzuspielen oder dem Druck ihrer Finanziers nach einer höheren Rentabilität zu genügen. Das bedeutet einen neuerlichen Verdrängungswettbewerb. Der lachende Dritte ist der Urlauber, der wohl wieder auf allen Ebenen auf sinkende Preise lauern kann. Was aber die Reise vom Veranstalter jenseits des Mehrwerts „billig“ bietet, darüber gehen die Meinungen mehr denn je auseinander.

Was, zum Beispiel, ist mit dem Thema Sicherheit? Wie in kaum einem anderen Jahr zuvor habe der Sicherheitsgedanke das Buchungsverhalten bestimmt, sagte Klaus Laepple, der Präsident des Deutschen Reiseverbands, auf der Tagung in Teneriffa. Aber auch davon hat die Reisebranche bislang nichts, im Gegenteil. Daß bei Umsatz und Teilnehmerzahl der bisherige Spitzenwert aus dem Jahr 2000 doch nicht im vorigen Geschäftsjahr - wie von allen erwartet - erreicht wurde, schreibt Klaus Laepple den Wirkungen von Karikaturenstreit, Anschlag im ägyptischen Dahab, Militärputsch in Thailand und der Vogelgrippe zu. Die Kundschaft bleibt weg, wenn sie sich vor Terroristen, Wirbelstürmen oder Krankheiten fürchtet, ob mit oder ohne Beistand vom Veranstalter.

Amerika macht angst

Jene seligen Zeiten sind vorbei, in denen der Flugpauschalurlauber unter dem Begriff „Sicherheit“ vor allem verstand, sich der angsteinflößenden Ferne vorsichtshalber unter den Fittichen der Reiseindustrie zu nähern. Das ist ein Bonus, der sich mit zunehmender Reiseerfahrung abnutzt. Zwar wuchs die Reiseindustrie dabei in die verdienstvolle, doch undankbare Rolle einer Volkshochschule der Nation hinein, erwarb aber keine dauerhafte Geschäftsbeziehung. Denn der Anteil der klassischen Pauschalreise sinkt weiter. Dafür buchen die Kunden überproportional viele „Bausteine“, also Flug, Hotel oder Mietwagen.

Was bleibt der Reiseindustrie? Sie kann vor Betrügern schützen, sie kann Qualität garantieren, sie bietet im besten Falle Bequemlichkeit. Und daß sie Hilfe im Katastrophenfall wie dem „Tsunami“ leistet, hat sie immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Doch bei jener gefühlten Sicherheit, um die es dem Reisenden nach den Anschlägen vom 11. September geht, bleiben ihre Einwirkungsmöglichkeiten gering, auch bei der Unlust, nach Amerika zu reisen, die sich in drastisch gesunkenen Besucherzahlen äußert. Dieser Unlust liegt nicht die Angst vor Terroristen zugrunde, sondern die Angst vor den Sicherheitskontrolleuren der amerikanischen Einwanderungsbehörden.

Dies ergab eine Studie der „Discover America Partnership“-Organisation, zu der sich amerikanische Reiseunternehmen zusammengeschlossen haben, um das Ansehen ihres Landes wieder zu verbessern. Bei der Befragung in sechzehn Ländern wurden die Vereinigten Staaten als „schlimmstes Reiseland“ eingestuft - vor Staaten im Nahen Osten und in Asien. Siebzig Prozent fürchten die Zollbeamten, ein Drittel gar hat Angst, wegen Ausfüllfehlern in den Papieren oder eines falschen Wortes zu einem Grenzbeamten festgenommen zu werden. Vor solchen Problemen schützt den Reisenden auch das Organisationsgeflecht eines Reisekonzerns nicht. Dagegen ist nichts einfacher für ihn, als sich zum Flug im Internet oder per Telefon ein Hotelzimmer dazuzubuchen.

Mit Computerplattform und Reisescheck

Die digitale Revolution hat einen gesellschaftlichen und einen wirtschaftlichen Wandel hervorgebracht. Um den daraus resultierenden Verschiebungen von traditionellen zu neuen Geschäftsmodellen zu begegnen, habe sich Thomas Cook dafür entschieden, mit neuen Produkten das eigene Kerngeschäft - also die Pauschalreise - selbst zu kannibalisieren, sagte Konzernchef Thomas Holtrop auf Teneriffa provozierend. Das führt weiter auf dem Weg, sich vom Reisekonzern zum Händler zu wandeln, der überall dort, wo es der Reisende verlangt, Transport, Hotel, Mietwagen und jegliche Dienstleistung rund ums Reisen einkauft und vermarktet.

Das klingt einleuchtend, ist in der Praxis aber alles andere als einfach. Um die Vorteile der „Plattformstrategie“ eines Autoherstellers, der in alle Modelle kostensparend das gleiche Türschloß einbaut, auf die Reiseindustrie zu übertragen, müssen zuerst einmal für viel Geld die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. So will Thomas Cook hundert Millionen Euro in die Entwicklung einer neuen Computerplattform investieren. Sie soll die elf bisher existierenden Systeme ersetzen. Erst dann sind Reisebausteine einfacher und billiger zu kombinieren, erst dann kann der Veranstalter tatsächlich sofort auf Marktveränderungen reagieren. Zugleich soll, zuerst in Großbritannien, neben dem klassischen Veranstalter- und Bausteingeschäft auch ein Betätigungsfeld „Finanzdienstleistungen“ aufgebaut werden. Dies sei ein Segment, in dem Thomas Cook über „enorme Erfahrungen“ verfüge, „denn schließlich war es Firmengründer Thomas Cook, der im Jahre 1868 den ersten Reisescheck auf den Markt brachte“. Eine Vereinbarung mit Barclays Bank zur Herausgabe einer gemeinsamen Kreditkarte sei bereits unterzeichnet, sagte Holtrop.

Im Informationsgewitter einer Medienwelt kommt es auch im Reisegeschäft mehr denn je auf wiedererkennbare Marken als Orientierung an. Das aber ist das größte Versäumnis der deutschen Reiseindustrie seit ihren Pionierzeiten: Richtige Marken wie Neckermann, Robinson oder Aida sind bis heute an den Fingern einer Hand abzuzählen. In diesem Punkt genießen Großveranstalter wie TUI und Thomas Cook einen Geburtsvorteil. Doch bei den Reisetrends „Individualisierung“ und „Luxus“, attraktive Wachstumsmärkte beides, müßten die Reisebüros von ihrer Struktur her eigentlich im Vorteil sein. In der traurigen Wirklichkeit beschränken sich die meisten Büros aber darauf, die Kataloge der Veranstalter vor dem Kunden auszubreiten.

Halbnackt und würdelos bei der Sicherheitskontrolle

Ob das Reisen auch in Zukunft Spaß macht, entscheiden weder Veranstalter noch Reisebüros. Über Lust oder Last des Reisens bestimmt der Luftverkehr, exakt: die Präliminarien des Fliegens am Boden. Lauschen wir den Sirenenklängen der Ingenieure: Die Technik eröffnet eine schöne neue Welt des Fliegens. Der Passagier hat über Handy oder Internet papierlos seinen Flug gebucht. Er kommt zum Flughafen, und wie von Geisterhand öffnen sich ihm alle Türen. So passiert er auch die Sicherheitskontrollen. Der Chip seiner Kreditkarte wirkt wie ein Transponder, ohne daß er die Karte aus der Tasche nehmen muß. Biometrische Geräte nehmen seine Ausweisdaten auf, Scanner tasten ihn berührungslos ab. Mikrochips lenken auch das Gepäck ans Ziel. Das Flugzeug startet pünktlich und kommt an, ohne Warteschleifen zu fliegen. Denn die Verkehrssteuerung ist weitgehend automatisiert. Am Zielflughafen erfaßt die Linse einer Kamera die Daten des Passagiers über die Iris seiner Augen. Lästige Fragen eines Kontrollbeamten gibt es nicht mehr. Und das Beste: Alle Instrumentarien dazu sind vorhanden und werden bereits eingesetzt.

Auch auf den Piloten alter Art kann man verzichten, die Flugzeuge werden vom Boden aus kontrolliert. Dem Piloten wachsen soziale Funktionen zu anstelle der technischen. Und was ist mit dem heiklen Thema Sicherheit? Sicherheit gewinnt der Flugverkehr durch das Ausschalten des Faktors Mensch, des Störenfrieds Mensch. Dann ist es auch vorbei mit der würdelosen Prozession halbnackter Passagiere in Unterwäsche, die den durchsichtigen Plastikbeutel mit Körperpflegemitteln dem Wachpersonal präsentieren, als ginge es zum Hofgang im Knast. Wie viele Menschen bei diesem Anblick von Flugreiseplänen Abstand nehmen, beleuchtet keine Branchentagung: Sicherheitskontrollen, und seien sie noch so fragwürdig, sind das gefürchtetste Tabu.



Text: F.A.Z., 30.11.2006, Nr. 279 / Seite R1
Bildmaterial: AFP, AP

 
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