Von Julia Schürmann
10. April 2005 Carlos Gonzalez liebt den Trubel: Der Belgier begrüßte bis vor kurzem die Touristen am Empfang des Atomiums in Brüssel.
Jetzt steht er ein wenig verloren in einem stillen, kleinen Pavillon zwischen Miniversionen des Bauwerks in Schneekugeln und auf Kaffeetassen. Und wartet darauf, daß es endlich Januar 2006 wird: Dann soll das Atomium in neuem Glanz wiedereröffnet werden.
Die Erbauer wollten es abreißen
Gebaut wurde das Atomium für die Weltausstellung 1958, als atomare Energie noch für den Fortschritt stand und niemand an Tschernobyl dachte. Das Bauwerk machte die Kräfte der Moderne sichtbar und war eine Sensation: Das begehbare Modell eines Atoms, in 165milliardenfacher Vergrößerung.
Wenn es allerdings nach dem Willen der Erbauer gegangen wäre, würde das Atomium heute gar nicht mehr stehen: Nach Ende der Weltausstellung sollte es wieder abgerissen werden. Die Brüsseler kauften es jedoch und erklärten es kurzerhand zu ihrem Wahrzeichen - dem zweiten, denn neben einem pinkelnden Bronzejüngling in absurder Verkleidung konnte ein bißchen naturwissenschaftliche Seriosität ja nicht schaden.
Ein Abgesang auf die vergangene Größe
Da die Konstruktion jedoch nicht für die Ewigkeit gedacht war, wurde die Aluminiumverkleidung der neun Kugeln, auch "Sphären" genannt, im Laufe der Jahre langsam blind. Auch das Innere setzte Staub und Rost an, und zuletzt wirkten die wunderbaren Installationen des belgischen Künstlers Bob Verschueren wie ein Abgesang auf die vergangene Größe.
Eine vollständige Renovierung des Atomiums war daher bereits 1993 im Gespräch, jedoch sollte noch einige Zeit vergehen bis zur Umsetzung: Seit September des vergangenen Jahres ist das Atomium nun geschlossen und wird von außen und von innen generalüberholt. Die Bauarbeiten sind ein Gemeinschaftsprojekt des Staates Belgien, der Stadt Brüssel und einer eigens gegründeten gemeinnützigen Gesellschaft, die zusammen 23 Milliarden Euro dafür aufbringen.
Fünfhundert Teile des Atomiums zum Verkauf
Eine Werbe-Idee ist der Verkauf limitierter Vergangenheit: Nostalgiker können für tausend Euro pro Stück ihre Wohnzimmerwand mit Teilen der alten Aluminiumaußenverkleidung verschönern. Die Platten wiegen knapp sechs Kilo, haben die Form eines leicht in die Länge gezogenen Dreiecks, und in die silberfarbene Oberfläche haben Wind und Wetter ihre unleserlichen Initialen geritzt. Fünfhundert Stück sind noch zu haben. Der Rest des alten Materials wird zu Getränkedosen recycelt.
Wenn Projektmanager Damien Magerat den Kopf mit dem Sicherheitshelm in den Nacken legt, sieht er das Werk seiner siebzigköpfigen Mannschaft: Während die anderen Sphärenkugeln noch stumpf sind, gleißen die oberste und die mittlere Kugel schon in der Sonne. Statt mit Aluminiumplatten werden die Kugeln jetzt mit einer nichtrostenden Stahlverkleidung ummantelt - Sorte 316 L, spiegelpoliert. Das neue Material macht die Kugeln zwar erheblich schwerer, aber bei über dreieinhalbtausend Tonnen Gesamtgewicht fällt die Fassade ohnehin kaum ins Gewicht.
Meisterleistung der Bauarbeiter
Ein Kran wuchtet die eigens angefertigten Dreiecksplatten in die Höhe, wo sie von den Bauarbeitern montiert werden: Achtundzwanzig von ihnen sind Alpinisten, Kletterspezialisten, die in Sicherheitsgurten hängend arbeiten.
Daß das Atomium nicht nur eine Meisterleistung der Ingenieure und Architekten, sondern vor allem der Bauarbeiter war, zeigen alte Stummfilme: In rund hundert Meter Höhe turnten die Männer damals freihändig im Schneetreiben herum, hievten per Flaschenzug die Aluplatten hinauf und zogen mit der Hand die Nieten fest. Wundersamerweise ist weder damals noch heute je etwas passiert.
Wie eine metallene Teesiebkugel
Auch innerlich verändert sich das Atomium: Das Panoramarestaurant soll wiedereröffnet werden, und statt durch gelbliches Plexiglas werden die Touristen durch die doppelwandigen gebogenen Glasscheiben hindurch endlich wieder das Expo-Gelände erkennen können. Der einstmals schnellste Aufzug der Welt und die einstmals längsten Rolltreppen bleiben erhalten. In den Kugeln werden eine neu konzipierte ständige Ausstellung, ein Raum für Abendveranstaltungen und ein Kinderparadies entstehen: Ganze Schulklassen sollen einmal im Atomium übernachten können.
Auf diese Abende freut sich auch Antonia Monnom. Die 73jährige Rentnerin hat schon damals, mit ihren Kindern an der Hand, das Atomium bestaunt. Jetzt begutachtet sie auf dem Weg zum Schwimmen mit den Enkeln regelmäßig die Fortschritte auf der Baustelle. Während der Weltausstellung war das Atomium nachts von innen beleuchtet, erzählt sie. Auf Bildern ist das noch zu sehen: Durch winzige Öffnungen erstrahlten die Sphären, als würde man eine metallene Teesiebkugel von innen beleuchten.
Diese Illuminierung soll es auch in Zukunft wieder geben, deshalb werden in den Kugeln schmale Spalten gelassen, in die energiesparende Lampen eingesetzt werden. Gut für Madame Monnom: Vom Sessel ihres Wohnzimmers im zehnten Stock aus hat sie den besten Blick - direkt aufs Atomium.
Weitere Informationen im Netz unter www.atomium.be und bei Belgien Tourismus, Cäcilienstraße 46, 50667 Köln, Tel. 0221/277590, www.belgien-tourismus.de.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite V5
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