Von Joachim Müller-Jung
04. August 2007 Zwischen dem Schwarzwälder Vogtshaus und dem Science House liegen reichlich fünfhundert Jahre Geschichte und keine hundert Meter Luftlinie. Eine elektronische Schranke sollte noch erwähnt werden. Denn die will erst überwunden sein. Dann aber, wenn die Deutsche Allee im Europapark mit ihrer neuen Altattraktion, dem anheimelnden Fachwerkhaus aus dem Markgräflerland, hinter einem liegt und der Kubus des Wissenschaftshauses um die Ecke vor einem, hat man den Zeitsprung schon fast vollzogen. Nur der Kopf muss noch mitspielen. Denn der ist jetzt gefragt.
Dabei ist etwas vorauszuschicken: Es erweist sich als eins, mal hier nostalgischen Gefühlen nachzugeben und mal dort die Dehnungsfugen des Vorderhirns auf die Probe zu stellen, indem man von einer Achterbahn zum nächsten Nervenkitzel wechselt. Es ist aber offensichtlich etwas ganz anderes, wenn das gerade noch im Sinnesrausch gebadete neurokrine Belohnungssystem im basalen Teil des Oberstübchens plötzlich heruntergefahren werden muss und das Kommando wieder an die höheren Verarbeitungszentren im Großhirn abzugeben ist. Ohne die Bereitschaft zu diesem Umschalten jedenfalls, bleibt die Zeitreise ins neue Wissenschaftshaus des Europaparks wenig mehr als eine zweistündige intellektuelle Belastungsprobe, die das eigentliche Vergnügungsprogramm arg ins Hintertreffen bringen kann.
Die Ruhe des Unbekannten
Wie gesagt: Es kann, muss aber nicht. Denn das Wissenschaftshaus ist ein eigenes, wenn auch sehr anderes und sehr spezielles Vergnügungsfoyer. Drinnen herrscht gedämpftes Licht. Und fast andächtige Stille. Die Ruhe des (noch) Unbekannten vielleicht. Im April hat das Wissenschaftshaus erst eröffnet. Das fast logische Ergebnis vieler guter Erfahrungen, sagt der Förderverein Science und Technologie, der davor schon die Science Days und speziell jene Wissenschaftstage für Kinder auf dem Ruster Europaparkgelände ausgerichtet hat.
Der Logik folgten mehr als ein Dutzend hochpotenter Industriesponsoren, viele davon als Förderer der Wissenschaftsvermittlung längst bekannt. Die Chance freilich, die man hier in einem der gefragtesten europäischen Freizeitparks mit zuletzt schon mehr als vier Millionen Besuchern geboten bekommt, scheint unvergleichlich. Denn nebenan in der Arena der Spieler und Wagemutigen toben junge Entdeckernaturen in Scharen - oder stehen in Warteschlangen. Die Frage war also nur noch, wie dieses naturwüchsig neugierige Publikum in die Oase des Wissens zu locken und gar zu begeistern ist. Dafür gibt es pädagogische Konzepte, und das des Europaparks ist genauso geradlinig, wie die Unterhaltungsrezepte der großen Freizeitparks eben sind: Mitmachen, Mitbewegen, Mitexperimentieren.
Der Blitz im Glas
Ein Beispiel: Papierchromatographie. Ein sprödes Wort, aber im Experiment mit dem Filterpapier ein Augenöffner für die Wissenschaft schlechthin: trennen, entdecken, staunen. Oder: der Tornado in der Glassäule und der Tsunami im Wellenbecken, selbst inszeniert. Oder: ein Erdbeben. Die Ausschläge des feinfühligen Seismometers schon bei geringsten Berührungen des Untergrunds, ja schon beim Klatschen über der Bodenplatte, lesen sich in dieser Wunderkiste Wissenschaftshaus wie die Antwort der Aufklärung auf die Rumpelbahnen der Freizeitindustrie um die Ecke. Muskelkraft als Stromgenerator, die Tücken der Technik, Grundlagen werden hier spielerisch gelegt.
Dutzende Versuche und Vorführungen sind es, die man stationsweise in der großen zweistöckigen Halle angehen kann nach dem Motto: Selbsterfahrung ist der beste Lehrmeister. Das gilt nicht nur für Natur- und Technikphänomene, sondern auch für den Menschen selbst. Die Embryonalstadien, detailreich in farbige Plastinade gegossen, und, wenn gewünscht, von pädagogisch geschulten Mitarbeitern des Hauses erläutert, mögen die Kleinen fesseln. Pubertierende lümmeln sich auf dem Kussmundsofa: Liebesgeflüster aus dem Kopfhörer, Goethe und die Minnesänger im Dienste der Aufklärung.
Klassenzimmer im Labor
Irgendwann scheint einem das Panorama der naturwissenschaftlichen und technischen Themen in der Halle nur noch unermesslich. Eben noch Brückenbauer an der Werkbank, jetzt Erkunder unterirdischer Insektenwelten. Mehr als siebzig interaktive Ausstellungsstücke zählt das Haus. Zwei Stunden, das lässt sich leicht ausrechnen, sind für dieses Abenteuer wenig mehr als ein Anfang. Denn ohne Lesen und Mitdenken, das unterscheidet das Erlebnishaus der Wissenschaften bei allen Andersartigkeiten nicht vom klassischen Museum, bleibt der Abstecher auch hier ein unvollendeter Ausflug ins Unbekannte.
Es ist deshalb auch kein Zufall, dass das Wissenschaftshaus als Deutschlands größtes Klassenzimmer beworben wird. Für einen Tagesausflug mit der Schulklasse sind reichlich Raum und pädagogische Anreize geschaffen. Und wer früh eintrifft, hat sicher noch Zeit für das Achterbahnvergnügen um die Ecke. Allerdings muss man auch in diese Richtung die elektronische Schranke passieren - und separat Eintritt bezahlen.
Das Science House im Europapark ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 7 Euro (Kombiticket 35 Euro), Kinder je 6 Euro. Europa-Park-Straße 2, 77977 Rust; Information im Internet: www.europapark.de
Text: F.A.Z., 02.08.2007, Nr. 177 / Seite R4
Bildmaterial: Europapark