Kinderbetreuung

Kleiner Mann auf großem Flug

Von Catharina Puppel

14. April 2008 Xaver steht am Lufthansa-Check-in und wartet. Als er an die Reihe kommt, hievt der Siebenjährige seinen kleinen Koffer auf das Transportband. Seine Mutter muss derweil einige Formulare ausfüllen. Doch schnell ist alles geregelt, der Koffer ist weg, und Xaver hat einen großen gelben Beutel um den Hals. „UM“ - Unaccompanied Minors, allein reisende Kinder - steht darauf, und es ist alles drin, was der Zweitklässler für seine Reise braucht - Ausweis, Ticket, Bordkarte und ein Formular mit wichtigen Daten zu seiner Mutter, die ihn gebracht hat, und den Eltern seines Freundes Paul, die ihn abholen werden.

Um seinen Freund zu besuchen, fliegt Xaver ganz allein nach Amsterdam. Er ist zwar schon ein paarmal zu seinen Großeltern nach Bremen geflogen, doch Paul zu besuchen findet er spannender. Anders als in Frankfurt kann Xavers Mutter ihren Jüngsten in München durch die Sicherheitskontrolle hindurch bis zum Gate begleiten. Erst dort wird er den Lufthansa-Stewardessen übergeben. Für den Fall, das etwas Unvorhergesehenes geschieht, muss die Mutter allerdings noch so lange am Flughafen bleiben, bis der Flug gestartet ist. Xaver freut sich auf die Reise, er kommt sich schon fast wie ein Erwachsener vor. Und er weiß auch genau, was das Schönste am Alleinfliegen ist: dass er sich endlich einmal selbst etwas zu trinken bestellen kann.

Reservierte und gut einsehbare Plätze

Wie Xaver heben Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren immer häufiger ohne ihre Eltern ab. Besonders hoch ist das Aufkommen in den Ferien, wenn die Kleinen ihre Großeltern oder Freunde besuchen. Natalie und Sarah aus Lausanne etwa waren während der Osterferien bei Oma und Opa in München. Für die Zwillinge ist der Flug ohne Begleitung keine große Sache. Schließlich werden sie in Genf von ihrem Vater abgeholt. Langeweile kommt bei den Neunjährigen in der Luft nicht auf. Mit Essen und Rausschauen vergeht die Zeit an Bord wie im Flug.

An den Wochenenden fliegen viele Jungen und Mädchen vor allem zwischen Mutter und Vater hin und her. Die Tatsache, dass pro Jahr etwa zweihunderttausend deutsche Ehen geschieden werden, trägt erheblich dazu bei, dass immer mehr Kinder zu dem Elternteil reisen müssen, bei dem sie nicht ständig leben. Kinder, deren Eltern aus beruflichen Gründen mobil sein müssen, sitzen ebenfalls häufig im Flugzeug. So gingen bei Lufthansa in Frankfurt und München im Jahr 2007 schon mehr als achtzigtausend allein reisende Jungen und Mädchen an Bord. Bei Air Berlin stiegen im vergangenen Jahr knapp fünfunddreißigtausend kleine Passagiere zu. Um sicherzustellen, dass die Anzahl der Kinder an Bord das vom Flugzeugtyp abhängige Limit von maximal zehn Kindern nicht übersteigt, müssen die sogenannten „UMs“ immer im Voraus bei allen Fluglinien angemeldet werden. Im Flugzeug sitzen sie dann auf reservierten Plätzen, die vom Personal gut eingesehen werden können.

Den kleinen Passagieren die Aufregung nehmen

Kinder dürfen generell erst ab zwölf Jahren ohne Begleitung fliegen. Wegen der steigenden Nachfrage richten sich die Fluggesellschaften mit Betreuungsangeboten immer stärker auf die Kleinen ein. So bietet beispielsweise Air Berlin auf allen Strecken einen Begleitservice für Fünf- bis Zwölfjährige an. Das Flugticket kostet siebenundsechzig Prozent des Erwachsenenpreises. Für die Kinderbetreuung wird zusätzlich pro Strecke ein Aufschlag von dreißig Euro erhoben. Eltern, die auch ältere Kinder nicht ohne Aufsicht reisen lassen wollen, können den Service bis zur Vollendung des fünfzehnten Lebensjahres dazubuchen. An Bord gibt es Bastel- und Spielsets und kindgerechte Fernseh- und Radioprogramme.

Im vergangenen November hat auch die Billigfluglinie Germanwings ein vergleichbares Begleitprogramm für Kinder bis zu zwölf Jahren auf allen innerdeutschen Flügen eingerichtet. Hier darf der Erwachsene, der das Kind begleitet, seinen Schützling selbst bis zum Flugsteig begleiten. Das verringert den Betreuungsaufwand und nimmt vielen kleinen Passagieren zudem einen Teil ihrer Aufregung.

Eine knallbunte Kinderlounge

Dass allein reisende Kinder auch für große Fluggesellschaften an Bedeutung gewinnen, zeigt die Tatsache, dass die Lufthansa vor wenigen Monaten zusammen mit dem Frankfurter Flughafen gleich neben dem Kinder-Check-in eine hundertsechzig Quadratmeter große, knallbunte Kinderlounge eingerichtet hat. Kleine Passagiere, die umsteigen müssen, können sich hier die Wartezeit mit Lego, Malen, Internet, Tischfußball, Videospielen oder Disney-Filmen versüßen ebenso wie die jungen Passagiere, die von ihren Angehörigen besonders frühzeitig zum Flughafen gebracht wurden.

In der Lounge werden alle allein reisenden Jungen und Mädchen schon vor dem Sicherheitsbereich von Lufthansa-Mitarbeitern in Empfang genommen und anschließend durch die Kontrollen bis zum Abfluggate geleitet. Das Angebot, das je nach Flugstrecke zu einem Preis zwischen vierzig (Nonstopflug) und achtzig Euro (Umsteigeverbindung) zum Flugticket dazugebucht werden kann, ist gefragt. Inzwischen haben schon dreißig weitere Fluggesellschaften Verträge für die Nutzung der Kinderlounge und des dazugehörigen Betreuungsservice unterschrieben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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