Nordsee

Die Ruhe während des Sturms

Von Jan Jepsen

Der Mast rührt wild im Himmel

Der Mast rührt wild im Himmel

22. März 2006 Gummistiefel braucht man. Das ist ganz wichtig. Und wasserdichtes Gottvertrauen. Das fehlt mir. Jedenfalls kann ich nicht sagen, daß ich mich um diese Art der Schiffsschaukel gerissen hätte. Segeln ist immer so eine Sache. Selbst im Sommer und wenn im Prospekt etwas von „Sturmtraining auf der Nordsee“ steht - dann wird das sicher keine Kaffeefahrt.

Da hilft auch kein noch so steberes, also seegängiges Schiff, wie der Segler sagt. In unserem Fall eine zwölf Meter lange Swan namens „Charisma“ - der Jaguar unter den Yachten. Die kann ordentlich was ab, verspricht Skipper Constantin zur Begrüßung in Cuxhaven. Und bei seinem Händedruck muß sie das auch. Man denkt an Raimund Harmstorf, den Seewolf und Kartoffelquetscher. Das schafft Vertrauen. Zur Begrüßung gibt es Sherry aus der Bordbar. Eine gute Gelegenheit, sich die anderen Matrosen genauer anzuschauen. Auf den ersten Blick alles ganz normale Leute. Männer. Familienväter aus der Schweiz, Österreich und dem Ruhrpott. Sieben genau mit Skipper. Laut Zahlenmystik eine gute Zahl. Alles andere muß sich erst noch zeigen: ob wir hier als die glorreichen Sieben oder sieben Zwerge von Bord gehen werden.

Niemals über die Reling pinkeln

Nur ganz Mutige trauen sich im Sturm unter Deck

Nur ganz Mutige trauen sich im Sturm unter Deck

Das Training beginnt mit Trockenübungen, mit einer Sicherheitsanweisung, wo sich was befindet: Seeventile, Verbandskasten, Seenotraketen, Feuerlöscher und, ganz wichtig: die Axt, um die Wanden zu kappen, falls der Mast bricht. Anschließend unterschreiben wir eine Art Persilschein, damit hinterher keine Klagen kommen. Als Gegenleistung bekommt jeder Sturmschüler eine eigene Schwimmweste plus „Lifebelt“ ausgegeben. Und gleich danach den ersten, offiziellen Befehl des Käpten: Gepinkelt, Männer, wird immer unter Deck! Niemals über die Reling. Die meisten toten Seeleute werden nämlich mit offenen Hosen irgendwo angespült. Unschönes Thema.

Reden wir lieber vom Wetter. Als der Skipper am UKW-Gerät dreht, wird es gespenstisch still an Bord. „Deutsche Bucht“, sagt die Stimme schonungslos, „acht Windstärken, in Böen zehn.“ Des weiteren ist von einer Kaltfront die Rede, Graupelschauern und drei bis vier Meter hohen Wellen. Sogar die Fähren haben den Betrieb eingestellt. Kurzum, die Deutsche Bucht - ein Whirlpool.

Mit nackter Nikon auf dem „U-Boot“

Wenig später stehen sieben Leute in Vollzeug an Deck. Wir verlassen das sichere Hafenbecken, und schon zerren erste, böse Böen an der Takellage. Der Mast rührt wie wild im Himmel, die „Charisma“ schüttelt sich. Trotz geringstmöglicher Segelfläche, Sturmfock und Trysegel legt sich das Schiff ordentlich auf die Backe. An Steuerbord schneidet die Reling durchs Wasser. Und an Backbord ist irgendwo eine Demo oder Feuerwehrübung. Segeln im Schleudergang. Das Wasser knallt wie Schrotsalven gegen die Kapuze. Die Gischt fliegt geifernd über Deck. Und schlimmer: Die Plastiktüte, die man sich zum Schutz seiner Kamera gebastelt hat, fliegt gleich beim ersten Einsatz mit. So sitzt man plötzlich mit nackter Nikon im Bugkorb der Yacht, die mit jeder Welle Anstalt macht, sich in ein U-Boot zu verwandeln.

Um uns herum ein Gemälde in Grau. Und mäßige bis miese Sicht. Vor allem für Constantin, der im Kampf um Klarsicht ständig seine Brille ableckt. Diese Methode habe sich bewährt, sagt er. Ansonsten ist es ziemlich still an Bord. Im Cockpit kehrt ein, was man die Ruhe während des Sturmes nennen könnte. Was schon verdächtig ist, wenn man bedenkt, daß Segeln sonst eine sehr kommunikative Sache ist.

Der malade Matrose wird still

Die klassische Chronologie und Phänomenologie der Seekrankheit sieht so aus: Der malade Matrose wird still, dann stumm. Der Mund geht nur noch zum Gähnen auf. Mit trübem bis tranigem Blick hockt man an Deck und fixiert den Horizont. Das Blut weicht aus dem Gesicht, der Magen fühlt sich an wie eine Molluske. Wer es nicht spätestens jetzt in die Koje schafft, bleibt besser gleich an Deck. Der Rest klingt nach Brunft. Oder „Shouting for Ralph“, wie der Brite sagt.

Riesige Wellen, Graupelschauer: Die Deutsche Bucht ist ein Whirlpool

Riesige Wellen, Graupelschauer: Die Deutsche Bucht ist ein Whirlpool

Ungleich schöner ist der nächste Laut. Nach zwölf Seemeilen - es fühlte sich an wie hundert - kommt endlich das erlösende Kommando: Ree, Männer, klar zur Wende. Wir kehren um. Abends schreibt der Skipper in sein Logbuch: „Fahrt bei stürmischen südwestlichen Winden. Höhe großer Vogelsand“ - wo die vielen Wracks in der Karte eingezeichnet sind -, „Umkehr nach Cuxhaven. Abendliche Navigation im Fahrwasser der Elbe mit einer den Elementen Tribut zollenden Crew.“ Schöner und schonender kann man es kaum sagen.

Berg- und Tal-Fahrt auf den Wellen

Am nächsten Morgen ist das Tief über Nacht Richtung Rußland abgezogen. Aber nicht nur das. Auch Josef aus Österreich hat sich klammheimlich aus der Koje gemacht. Da waren es nur noch sechs. Statt Spott nur kollektive Empathie. Fast alle geben zu, gestern an ihre Grenzen geraten und froh zu sein, daß für heute nur noch Starkwind angesagt ist. Bevor noch ein Matrose abmustert, kommt das Kommando: Fertig frühstücken und Leinen los. Wir stechen in See, und zwar tiefer, als einem lieb ist. Der Wind hat nachgelassen, aber die Dünung nicht. Kurs Helgoland rollen uns ausgewachsene Wellen entgegen. Die etwas andere Berg-und-Tal-Fahrt. Ganz Mutige trauen sich trotzdem unter Deck. Denn auch das gehört zum Sturmtraining: Kaffee kochen. Und Stullen schmieren. Bei Windstärke sechs bis sieben. Nur so werden aus Möchtegerns allmählich wetterfeste Matrosen. Ohne SOS und Mayday-Mayday-Meldung. Das muß auch nicht sein. Sieben Tage auf See und teilweise darunter sind nicht nur für Kameras: Meer als genug.

Der Weg in den Sturm

Das Skipper- und Schwerwettertraining auf der Charisma kostet für eine Woche 800 Euro plus Bordkasse (für Proviantierung, Liegegeld, Diesel, Landgänge). Der nächste Törn findet vom 25. bis 31. März 2006 statt (Buchung unter www.Charisma4sea.de). Der Veranstalter Logemann Yachting bietet ein Schwerwettertraining im Frühjahr und Herbst, derzeit noch bis zum 21. April und dann wieder zwischen dem 23. September und dem 10. November 2006. Preis 840 Euro. Hochwertiges Ölzeug kann gegen Aufschlag ausgeliehen werden (www.logemannyachting.de).

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, Nr. 11 / Seite V3
Bildmaterial: F.A.S. - Jan Jepsen

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