Irland

Unsterblichkeit gibt es nur im Sattel

Von Volker Mehnert

Über den Preis eines Pferdes entscheidet auch sein Gebiss.

Über den Preis eines Pferdes entscheidet auch sein Gebiss.

20. Dezember 2008 Tante Penelope, dreiundsechzig Jahre alt und fast blind, soll noch einmal aufs Pferd steigen. So hat es der Familienrat der Deacys beschlossen. Denn der angestammte Jockey des Rennpferdes "Grey Seagull" hat sich verletzt, und der wilde Wallach duldet sonst keine Reiter auf seinem Rücken. Seit zwanzig Jahren hat die Tante nicht mehr im Sattel gesessen, doch bringt sie das unbändige Pferd dank ihres Feingefühls tatsächlich unter Kontrolle. Aber kann sie wirklich ein vier Meilen langes Jagdrennen voller Hindernisse überstehen? Mit einem Schluck Cognac zur Stärkung hält sie nicht nur durch, sondern gewinnt schließlich sogar den Wettkampf. "Miss Penelope", sagen die verblüfften Zuschauer, "Sie sind ein großartiges Frauchen."

Die Erzählung des irischen Schriftstellers Liam O'Flaherty ist ebenso amüsant wie unglaubwürdig - aber unglaubwürdig nur, wenn man in der irischen Provinz noch nie ein Pferderennen besucht hat. Dort gibt es noch immer improvisierte Rennplätze, zu denen Tausende von Zuschauern strömen, um ihre Leidenschaft für Pferde, Rennen und Wetten auszuleben. Dunmanway ist so ein typischer Ort. Seit Jahrhunderten findet in diesem ansonsten bedeutungslosen Städtchen im irischen Südwesten die Ballabuidhe Horse Fair statt. Dreißig Galopp- und Trabrennen nehmen dabei nicht weniger als drei Tage in Anspruch.

Alle Generationen vertreten

Eine Stunde vor Beginn der Wettkämpfe ist der Platz noch fast leer. Nur ein einsamer Traber dreht seine Runden. Wer zum ersten Mal hierher kommt, mag sich fragen, ob er am Rande dieses entlegenen Provinznestes am Ende nicht allein bleiben wird mit ein paar Jockeys und Pferden. Sollte sich wirklich eine beachtliche Anzahl Zuschauer auf diese Wiese verirren, die man mit wenigen Metallzäunen und zwei handgemalten Schildern für Start und Finish in einen primitiven Rennplatz verwandelt hat? Aber ja. In einem stetigen Strom trudeln zunächst die Pferdehalter mit ihren Lastwagen und Anhängern ein, laden Tiere und Sulkys aus. Gleichzeitig füllt sich der Innenraum des rustikalen Renn-Ovals mit den Autos der Zuschauer. Jemand hisst die irische Flagge, aus einem rasch angeschlossenen Lautsprecher klingt Folk Music. Und plötzlich haben sogar eine Reihe Buchmacher ihre Stände installiert. Die Herren Murphy, Mulhearn, Kelleher, O'Riordan und Collins brauchen dazu weder Tisch noch Stuhl, noch Dach über dem Kopf. Sie stehen auf leeren Bierkästen vor ihrer Anschreibtafel und notieren per Hand Pferde und Quoten für das erste Rennen. Und schon wechselt eine erstaunliche Anzahl von Euroscheinen die Hände.

Das Publikum drängt sich inzwischen auf einem grasbewachsenen Erdwall, der vor dem Zieleinlauf als Tribüne dient. Von der Urgroßmutter bis zum Urenkel sind alle Generationen vertreten; dazwischen könnte man wohl auch jemanden wie Tante Penelope entdecken. Nur auffällige Selbstdarsteller sucht man vergebens. Niemand trägt modische Kleider oder ausgefallene Hüte, auch prestigeträchtige Ferngläser sind auf dieser überschaubaren Rennbahn nicht nötig. Das Interesse am Pferd, am Wettkampf und am Wiedersehen mit Verwandten und Bekannten steht im Vordergrund.

Drei Tage feiern

"Up they come", unterbricht der Ansager das allgemeine Palaver auf den Rängen, und schon geht es los. Den Auftakt macht ein Ponyrennen mit jugendlichen Reitern. Auf Rennplätzen wie diesem werden zukünftige Meister des Pferdesports geboren. Die Siegprämien sind bescheiden, beginnen bei dreihundert und erreichen beim Hauptrennen zweitausend Euro. Gestiftet werden sie von rennbegeisterten Familien, manchmal mit anrührenden persönlichen Widmungen, zum Beispiel zum Gedenken an die Seeleute, die nicht von ihrer Arbeit auf dem Meer zurückgekehrt sind. Zur Siegerehrung finden sich dann nicht nur die erfolgreichen Pferde und Reiter ein, mindestens ebenso im Mittelpunkt stehen die Clans und Großfamilien der Besitzer und der Mäzene, die Prämien, Pokale und Siegerkränze zur Verfügung gestellt haben. Man kennt sich, trifft sich und feiert sich ein wenig - drei Tage Pferderennen, drei Tage Familienfest.

Wettkämpfe, Festivals und Märkte rund ums Pferd gehören zu Irland wie die Atlantikbrise, das wechselhafte Wetter und der Pub. Es gibt unterhaltsame Veranstaltungen wie die Pferderennen am Meer beim Ballyheigue Summer Festival oder beim Inch Polo Festival auf der Dingle Peninsula - dort werden auf dem kilometerlangen Strand sechs Polofelder eingerichtet -, aber auch renommierte Sportereignisse wie das einwöchige Springreiter-Meeting von Millstreet, das mit zehntausend Startern als eines der wichtigsten in ganz Europa gilt.

Über Stock und Stein

Nichts freilich geht den irischen Pferdenarren über die klassischen Pferderennen. Siebenundzwanzig "racecourses" besitzt Irland, pro Einwohner mehr als jedes andere Land der Welt. Und das ganze Jahr über, von Neujahr bis Weihnachten, geht es dort um Sieg und Niederlage im Rennen, um Gewinn und Verlust am Wettschalter. Jede Rennbahn veranstaltet außerdem ihre eigene Festivalwoche. Schlagzeilen macht seit 1864 alljährlich im August das mondäne Großereignis der Dublin Horse Show. Massenandrang herrscht auch beim Irish Grand National an Ostern in der Nähe von Dublin, zwei Wochen später beim Irish National Hunt Festival in Punchestown, beim Irish Derby Festival auf dem traditionsreichen Curragh Racecourse Ende Juni, beim Listowel Harvest Festival Ende September und einem Dutzend weiterer Veranstaltungen bis hin zum Christmas Festival auf dem Limerick Racecourse.

Irlands Geschichte ist mit der Reiterei untrennbar verbunden. Schon die keltischen Legenden erzählen von heldenhaften Reitern, die in Tír na nóg leben, dem Land der ewigen Jugend. Solange sie im Sattel bleiben, kann ihnen nichts passieren; steigen sie jedoch ab, verlieren sie ihre Unsterblichkeit und müssen das gelobte Pferdeland verlassen. Pferderennen nach festen Regeln fanden unter der Schirmherrschaft der britischen Krone schon im siebzehnten Jahrhundert statt. 1665 berichtete ein Chronist von einem Wettkampf in Dublin mit fünftausend Zuschauern. Das erste Hindernisrennen überhaupt soll es 1752 im County Cork gegeben haben, über Stock und Stein und Zäune und Mauern auf den sieben Kilometern zwischen den "steeples", den Kirchtürmen von St. John's in Buttevant und St. Mary's in Doneraile - daher der englische Begriff "steeplechase". Im Anschluss an die Französische Revolution wurden Pferderennen sogar zum Politikum, als die britischen Autoritäten dort revolutionäre Zusammenrottungen und irische Aufstände befürchteten. Ein Dekret untersagte daraufhin 1791 Pferderennen in Dublin und Umgebung.

Napoleon war Kunde

Aonach Mor, der große Markt, war seit jeher ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Irland. Er existierte schon als Versammlungsort und soziales Forum, bevor viele Dörfer und Städte überhaupt gegründet wurden. Sein Ursprung dürfte ein Jahrtausend zurückliegen. Es war eine Zeit, in der die irischen Stämme ihre Kriegshelden mit großem Aufwand begruben und dazu während der Feierlichkeiten Pferdespiele und Wettkämpfe organisierten. Die große irische Hungersnot Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bedeutete für viele Märkte jedoch das Ende. Es gab keine Waren zum Verkaufen, und die Menschen besaßen weder Muße noch Kraft zum Feiern.

Überlebt hat bis heute der Pferdemarkt von Cahirmee in County Cork, einer der ältesten und bekanntesten des Landes. Er ging sogar in die Weltgeschichte ein, weil Napoleon sein Pferd "Marengo" dort hatte kaufen lassen. Der Kaiser und sein Schimmel sind auf einem bekannten Gemälde des französischen Schlachtenmalers Ernest Meissonier zu bewundern, das den Titel "Kampagne in Frankreich" trägt, wegen der Schneelandschaft aber meist mit Napoleons Rückzug aus Moskau in Zusammenhang gebracht wird. Dass der Herzog von Wellington sein Pferd "Copenhagen" ebenfalls in Cahirmee gekauft hatte, ist eine hübsche Ironie der Geschichte - denn er ritt es in der Schlacht bei Waterloo.

Grob gestrickte Pullover und Gummistiefel

Auch die Renntage in Dunmanway enden bis heute mit einem Pferdemarkt, der Ballabuidhe Horse Fair. Sie soll gleichfalls vor einem Jahrtausend entstanden sein. Beim Gang durch die Straßen fühlt man sich zwar nicht um tausend, aber doch um mindestens fünfzig Jahre zurückversetzt. Denn die fahrenden Händler offerieren in den Straßen eine eigentümlich verstaubt anmutende Mischung aus billigen Textilien, Bettwäsche, Teppichen, Handtaschen und allen Arten von Werkzeug, dazu Spielzeugpistolen, Rasierklingen, drei Portemonnaies für fünf Euro und Grabsteine aus Plastik. Eine Kartenleserin bietet ihre Dienste an, und ein ganzer Lastwagen mit Torf wartet auf Kunden, die ihre Häuser noch auf herkömmliche irische Weise heizen. Natürlich kann man auch Sättel und Zaumzeug sowie Zubehör für Kutschen und Sulkys erwerben.

Die Landbevölkerung ist an diesem Tag in Dunmanway fast unter sich, kaum ein Städter ist zu sehen, schon gar kein Tourist. Ältere Herren mit Stockschirm, Schlips, Pfeife und Schiebermütze sind ebenso unterwegs wie junge Männer in Gummistiefeln und grob gestrickten Pullovern, in denen noch Heu und Strohhalme stecken. In den Pubs versammeln sich schon am Vormittag die Pferdeexperten, diskutieren die Rennen der Vortage und kommentieren die zum Verkauf stehenden Tiere. Währenddessen rollen drei Kinder auf einem Sulky vorüber, vor das ein Pony gespannt ist. Ein Transporter fährt vor, ein Pferd wird ausgeladen, an einem Verkehrsschild angebunden, anschließend mit einem Sack Heu versorgt und vor den Augen der Pub-Besucher noch einmal ausführlich gestriegelt. Junge Burschen haben ihre Pferde vor der Kneipe stehen lassen, sitzen auf der Mauer und trinken das erste Guinness des Tages. Gegen Mittag hört man in den Straßen immer häufiger das Wiehern von Pferden, auch die Schreie von Eseln. Der Markt kommt in Gang. Die Verkäufer bringen ihre Pferde an einen günstigen Platz auf dem Bürgersteig, zerren ihre widerspenstigen Esel um die nächste Ecke. Dann heißt es warten auf einen Interessenten, hoffen auf einen Käufer. Manchmal werden die Pferde auch von einem Ort zum anderen bewegt, vielleicht verkaufen sie sich ja an der nächsten Ecke etwas schneller.

Entscheidend sind Hufe und Gebiss

Zeigt jemand Interesse, gehen die Gespräche still und unaufgeregt vonstatten. Der potentielle Käufer geht vier- bis fünfmal mit skeptischem Blick ums Pferd herum, während der Verkäufer betont zuversichtlich lächelt. Dann lässt man sich das Pferd beim Trab auf der Straße vorführen, schaut genau auf Hufe und Gebiss und passt auf, dass kein anderer den Verhandlungen zuhört. Zwei Männer stehen angelehnt an eine Mauer, begutachten, diskutieren, nehmen das fragliche Pferd immer wieder aus der Nähe in Augenschein, lassen es noch einmal vorreiten. Ein anderer Verkäufer mischt sich ein, will sein Pferd ebenfalls zeigen, findet aber keine Beachtung. Hier weiß jeder ziemlich genau, was er will. Abgeschlossen wird schließlich per Handschlag, bezahlt in bar.

Reiterferien: Fast fünfzig Reitzentren bieten Reiterferien in allen Variationen vom Anfängerkursus über Ferien auf dem Pferdehof bis zu Rundfahrten im Planwagen. Eine große Auswahl findet sich auf der Website www.equestrian.ireland.ie.

Pferderennen: Es gibt keine Woche, in der nicht irgendeine Rennserie stattfindet. Eine aktuelle Liste gibt es im Internet unter www.goracing.ie.

Irish National Stud: Das Nationalgestüt in Kildare (www.irish-national-stud.ie) verfügt über ein Besucherzentrum und ein Museum, das ausführlich über die Geschichte des Pferdesports im Land informiert.

Auskunft: Irland Information, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/66800950, Internet: www. entdeckeirland.de.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche