Hallstatt und die Kelten

Taranis wohnt hier nicht mehr

Von Hannes Hintermeier

Keltischer Goldschatz (gefunden in Manching bei Ingolstadt)

Keltischer Goldschatz (gefunden in Manching bei Ingolstadt)

20. November 2007 Friedrich Valentin Idam sitzt auf seinem Balkon hoch über der Seestraße und schaut hinaus ins dämmernde Seerund. Einen schöneren Platz als diesen könne er sich nicht vorstellen, sagt der stattliche Mittvierziger und atmet zufrieden ein. Idam ist eine literarische Figur, seit ihm sein Landsmann Christoph Ransmayr 1988 in der Reportage „Die ersten Jahre der Ewigkeit“ ein kleines, aber feines Denkmal gesetzt hat. Damals war Idam der Totengräber von Hallstatt. Gerade mal zwanzig Jahre jung, hatte man dem Absolventen der örtlichen Höheren Technischen Bundeslehranstalt diesen ehrenvollen und nicht ganz einfachen Posten angetragen - und das, obwohl er nicht einmal ein gebürtiger Hallstätter ist.

Sieben Jahre blieb Idam, dann ging er nach Wien zum Studium und kam als promovierter Diplomtechniker wieder; heute unterrichtet er an seiner alten Schule. Er hat sich intensiv mit der Baugeschichte dieser an Funden überreichen Gemeinde am Fuß des Dachsteingletschers beschäftigt, die es vor neun Jahren auf die Liste des Weltkulturerbes geschafft hat. Spektakulär am Westufer des unergründlich schwarzen Hallstätter Sees gelegen, eines Trogsees mit eiszeitlichem Wasserbestand, ist Hallstatt heute ein weltbekanntes Touristenziel. Und das liegt hauptsächlich an den Kelten beziehungsweise an deren Überresten. Denn Hallstatt hat gleich einer ganzen Epoche - von der bronzezeitlichen Urnenfelderkultur bis zur späten Eisenzeit - den Namen gegeben.

Wo sind die Gewinne aus dem Fremdenverkehr hin?

Tradition wird in Hallstatt groß geschrieben

Tradition wird in Hallstatt groß geschrieben

Die Kelten kamen auf der Suche nach Salz in die Gegend, und sie stießen auf ein reiches Vorkommen, das bis heute der ganzen Region am nördlichen Alpenrand den Namen gibt: dem Salzkammergut. Doch wer waren diese Leute, denen man den Sammelbegriff „Kelten“ verpasst hat, ohne so recht zu wissen, was darunter genau zu verstehen sei? Und ist etwas von ihnen auf ihre Nachfahren übergegangen? Der archäologische und der linguistische Kelten-Begriff bleiben Hilfskonstruktionen. Dass die Kelten kaum Schriftliches hinterlassen haben, ist bekannt; was man weiß, weiß man aus archäologischen Befunden. Das ist viel und wenig zugleich. Den örtlichen Tourismus indes hat eine Differenzierung dieser Frage selten gekümmert. Deswegen gibt es heute die „Salzwelten“, ein Bergwerk mit Grubenbahn, unterirdischem Salzsee und dem „Mann im Salz“, einem Laienschaupieler, der den Alltag der frühgeschichtlichen Bergleute evoziert.

Professor Idam kennt seine neunhundert Hallstätter wohl, aber ob man sie auch heute noch Kelten nennen könne? Immerhin haben die Hallstätter einen ausgeprägten Hang zum Mythos. Dazu zählt jener vom Schneeloch Hallstatt und den endlos langen, eisigen Wintern. Dazu zählt auch jener von der angeblich erträglichen Wassertemperatur des Sees. Was er ihnen vorwirft, ist, dass die Hallstätter ihr Kerngeschäft - die Bewahrung des Erbes - nicht ernst genug nehmen. Vor allem beklagt er die „vorauseilende Anpassung“ des architektonischen Stils. Der Tagestourismus floriert, das Dorf ist aber wider Erwarten nicht komplett blattvergoldet, wo also sind die Gewinne aus dem Fremdenverkehr hin? „In Alkohol und Landschaftsverbrauch, kaputte Familien und Kraftfahrzeuge“, spottet Idam - und erklärt dann, seine Hallstätter in Schutz nehmend, aus welcher geistigen Quelle sich der Ort immer gespeist hat. Es ist die protestantische Ethik im Geiste des Kapitalismus: Die Lutheraner haben hier als starke Fraktion die Gegenreformation überlebt und sich eine eigene Kirche an prominenter Stelle gebaut. Der Salzabbau konnte die andersgläubigen Fachkräfte einfach nicht entbehren.

Begräbnisse - unten und oben

Um sechs Uhr wird es still in Hallstatt. Das Museum schließt mit Hinweis auf die hohen Stromkosten, die letzten Besucher trollen sich, das Beinhaus von Mariae Himmelfahrt wird zugesperrt. Eine gute Zeit, um weiter über eine Traditionslinie zu spekulieren, die der Berliner Schriftsteller Michael Rutschky „Keltische Moderne“ nennt: Was verbindet uns mit der geheimnisvollen Hochkultur, die hier achthundert vor Christus ihren Anfang nahm? Gibt es eine mentalitätsgeschichtliche Nabelschnur, die bis in die Gegenwart reicht? Idam kontert die Hypothese mit einem entwaffnenden Strahlen: Er könne den Leuten schließlich nicht in den Kopf hineinschauen - eine ziemlich witzige Antwort, wenn man bedenkt, dass er sieben Jahre lang skelettierte Hallstätter ausgegraben, ihre Schädel in Wind und Wetter gebleicht, dann bemalt und sie schließlich in den Karner gestellt hat. Eine der Folgen des Platzmangels von Hallstatt: Im Wesentlichen besteht der Ort, der sich auf einem sichelförmigen Schwemmkogel des Mühlbachs drängt, aus einer Straße und dem Marktplatz.

Mit Begräbnissen aber hat Hallstatt unten wie oben viel zu tun. Denn im Hochtal über der Stadt - heute durch eine Standseilbahn in wenigen Minuten bequem zu erreichen - fand 1846 der Bergmeister Johann Georg Ramsauer auf der Suche nach Schotter das erste keltische Grab. Je mehr er aushob und akribisch dokumentierte, desto mehr fand er. Hunderte, vermutlich Tausende von Gräbern sind hier erhalten. Vom harten Leben auf dem Berg, vom professionellen Abbau des „Weißen Goldes“ zeugen neben Grabfunden und montantechnischen Relikten auch Nachbauten, mit deren Hilfe man den keltischen Alltag rekonstruiert hat. Überlebensfragen: Anders als heute wurden Schweine auf dem Bauch liegend geschlachtet, ihr Fleisch lagerte man zwei Wochen lang im Salz, um dann bei acht Grad Celsius im Stollen mit dem Ruß von Kienspänen geräuchert zu werden.

Epidemischer Keltenschnickschnack

Dass sich heute neben den quadratischen Surhütten Bänke und Tische für eine zünftige Brotzeit befinden, zeugt von einer Parallelvorstellung in lebenspraktischen Dingen. Hier oben treffen wir Anton Kern, der sich schon ein halbes Forscherleben lang mit den Kelten beschäftigt. Er ist der Leiter der prähistorischen Abteilung am Naturhistorischen Museum Wien und für die Ausgrabungen in Hallstatt zuständig. Die hat man erst 1993 nach einer langen Pause wiederaufgenommen - und die Ergebnisse sind mehr als fruchtbar. Keltische Gräber, römischer Zivilisationsmüll: „Archäologische Funde waren zu erwarten“, sagt ein sichtlich zufriedener Doktor Kern, den hier alle nur „den Toni“ nennen.

Vom epidemischen Keltenschnickschnack esoterischer Ausprägung hält Kern gar nichts. Es ist ihm noch nicht einmal gewiss, ob die Kelten denn tatsächlich im ethnischen Sinn eine homogene Kulturgruppe waren. Mit der Gegenfrage „Was sind ,die Wiener'?“ verdeutlicht er seine Skepsis. Sicher ist für ihn nur, dass die Menschen der Eisenzeit auf ihrem Weg zum Salz hier eines der ältesten Siedlungsgebiete Österreichs schufen. Diese Kultur war in sich geschlossen, vermutlich weil sie so hochspezialisiert auf Bergbau war. Kern beziffert die kontinuierlich auf dem Plateau lebende Gruppe auf etwa 250 Mitglieder, eine Zahl, die ihn zu einer Hochrechnung von bis zu fünftausend Gräbern führt. Ein Drittel davon ist bis heute erfasst.

Elfenbein, etruskische Situlen, Glasschalen von der nördlichen Adria

Dass Hallstatt sehr viel verkehrsgünstiger liegt, als es die Kessellage vermuten lässt, steht für Anton Kern außer Frage. Über die dreiundzwanzigprozentige Steigung des Koppenpasses erreicht man das östliche gelegene Ausseer Land in der Steiermark, und von dort geht es über das Tal der Enns bis hinunter Richtung Slowenien. In nördlicher Richtung kommt man, dem Lauf der Traun folgend, bei Linz an die Donau oder über den Fluss Ischl in das Voralpenland jenseits von Salzburg. Dass die Handelsbeziehungen vielfältig waren, belegen Funde aus diversen Weltgegenden in Hallstatt: Elfenbein griechischer und indischer Provenienz, etruskische Situlen, Glasschalen von der nördlichen Adria. Kern beschreibt die Hallstätter Keltenclans als große Firma, die sich gegen Salzwährung beschaffte, was sie brauchte, Zinn aus dem fernen Cornwall oder eichene Axtschäfte aus dem nahen Gmunden. Das Ende der Hallstatt-Blüte besiegelte ein katastrophaler Bergrutsch um das Jahr 350 vor Christus. Aber auf dem fünfzig Kilometer westlich gelegenen Dürrnberg oberhalb Halleins ging der Salzabbau ungefähr um diese Zeit weiter.

Lange Zeit galt in der Forschung die Annahme, die Hallstätter Spezialisten hätten einfach ein alternatives Abbaugebiet erschlossen. Neuere Erkenntnisse widersprechen dieser Quersprungthese, weil die ausgegrabenen Fundstücke feine, aber bedeutsame Unterschiede in der Technik des Salzabbaus nahelegen. Auch die keltische Gemeinschaft auf dem Dürrnberg ereilte dasselbe Schicksal wie jegliche industrielle Produktion in der Gegend: Von Rom kolonisiert, aufgegangen in der Provinz Noricum, verwischen sich ihre Spuren durch die dunklen Jahrhunderte. Erst mit dem frühneuzeitlichen Klosterwesen kehrt die schriftliche Aufzeichnung zurück.

„Die Einheimischen sind tendenziell feindselig“

Im Keltenmuseum Hallein findet man noch die These von den kapitalkräftigen Salzherren, die überhaupt nur in der Lage gewesen seien, so eine Produktionsverlagerung im großen Stil zu organisieren. Mit aufgestellt hat sie Kurt Zeller, der maßgeblich an der Ausgrabung am Dürrnberg beteiligt war. Das Museum an der Salzach ist ein Schmuckstück. Es birgt einen grandiosen Fund: die bronzene Schnabelkanne, deren Henkel eine Darstellung des höchsten keltischen Gottes Taranis in Gestalt eines Ungeheuers ziert. Das Original befindet sich im Salzburg Museum, wird dort aber unverständlicherweise im Depot gelagert.

Der Salzabbau am Dürrnberg war ähnlich und nach heutigen Maßstäben industriell organisiert wie derjenige in Hallstatt. Es gibt Hinweise, dass Rinderherden im großen Stil geschlachtet wurden, um sie gleich an Ort und Stelle in Salz einlegen zu können. Der Dürrnberg allerdings hat das für den Archäologen beängstigende Schicksal, von zeitgenössischen Häuslebauern als Baugrund missbraucht zu werden. Und was könnte beim Aushub der Baugrube mehr stören als Bodenfunde? Die hiesigen Bauern haben bei der Bewirtschaftung ihrer Gründe kaum je Rücksicht auf auffällige Bodenkuppen genommen. Sie haben Wirtschaftswege durch Hügelgräber geschlagen und haben wenig Neigung, diese Haltung zu ändern.

Das ist die eine Front, an der Stefan Moser, der junge Grabungsleiter am Dürrnberg, kämpft. Front Nummer zwei sind Raubgrabungen sogenannter Hobbyarchäologen, die mit Metalldetektoren erheblichen Schaden anrichten. „Die Einheimischen sind tendenziell feindselig, obwohl die Kelten sich zu einem Tourismusmagneten entwickelt haben“, sagt Moser. Davon zeugt ein keltisches Erlebnisdorf, das die Lebensform der Altvorderen rekonstruieren soll. Doch die Befindlichkeit der Menschen der La-Tène-Zeit ist nicht rekonstruierbar, obendrein hat man hier versäumt, die grundlegendsten Dinge einer authentischen Nachbildung zu berücksichtigen. Die Hütten stehen auf Betonsockeln, die Dächer sind mit Schilf gedeckt, das Weidengeflecht der Wände ist durchlässig, bei einem Skelett stimmt die Stellung der Knochen nicht

Man kann dem Fleiß der Kelten nachspüren

„Eine touristische Bedauerlichkeit“, findet Moser. Ebenso erregt ihn der Umstand, dass sogenannte Re-Enactment- Gruppen dort so tun, als würden sie wie die Kelten leben - und hinterher liegen Zigarettenkippen in den Ascheresten. Mit so wenig Phantasie kommt man den Kelten nicht näher. Vielleicht eher mit Anton Kerns These: „In einem zentraleuropäischen Kulturraum haben sich autochthone Gruppen erhalten, die - trotz aller Mischung durch Zuwanderung - so etwas wie ein eigentümliches Wesen bewahrt haben. Insofern ist schon keltisches Erbe auf uns übergegangen.“

Und das nicht nur in den gemusterten Stoffen, die sich bis heute in ähnlicher Form in den typischen Stoffmustern des Alpenraums erhalten haben. Man kann dem Fleiß der Kelten nachspüren und entdeckt ein mentalitätsgeschichtliches Kontinuum dieser Gegend. Auch heute ist sie schwer beschäftigt, am wirtschaftlichen Boom des Landes teilzuhaben. Die wuchernden Gewerbegebiete rund um Salzburg betonieren zu, was einst Heimat war. Die keltische Moderne braucht ein Land ohne Raumordnung.

Hallstatt und die Kelten

- Information: Tourismusverband Hallstatt, Seestraße 169 im Kultur- und Kongresshaus, A-4830 Hallstatt, Telefon: 0043/6134/8208, Internet: www.oberoesterreich.at/hallstatt.

- Das Museum Hallstatt (www.museum-hallstatt.at) ist Mittwoch bis Sonntag jeweils von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 7,50 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Text: F.A.Z., 15.11.2007, Nr. 266 / Seite R3
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa

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