Stadtjogging

Hamburg, laufend gesehen

Von Alex Westhoff

24. Juli 2008 Wenigstens die tiefen Pfützen geschmeidig überspringen, damit das ballonseidene Beinkleid nicht verschlammt. Behände unter den Regenschirmen der Passanten durchtauchen, damit die Spitzen einem nicht ins Auge ritzen. Aus den verständnislosen Blicken der Fußgänger spricht nur eine Botschaft: Wie kann man nur bei dem Wetter durch St. Pauli hetzen. Aber wir hetzen doch gar nicht: Wir machen "Touristjogging" - Hamburg mal laufend erleben. Nicht bewegungslos im Touristenbus hocken, nicht stumm inmitten einer Gruppe dem Stadtführer folgen - sondern die Laufschuhe schnüren und losrennen. Gösta Dreise ist an unserer Seite. Oder läuft vorneweg. Wenn es mal eng wird auf Bürgersteig, Straßenquerung oder vor den Hamburger Sehenswürdigkeiten. Wir folgen. Mit seinem quietschbunten Kopftuch kann man Gösta nicht aus den Augen verlieren.

Der Hamburger war im Jahr 2001 der Pionier im Touristjogging, das auch "Sightjogging" genannt wird, der Erste, der in Deutschland eine Stadtführung im Laufschritt anbot. Mittlerweile kann man in vielen deutschen Städten Wissenswertes mit Bewegung verschmelzen. Bei jedem Wetter. Gösta holt uns pünktlich im Hotel ab, in St. Pauli. Am maroden Millerntorstadion, der Heimstätte des FC St. Pauli, kommt Gösta gleich richtig in Schwung. Nicht dass er das Tempo forcierte. Nein, die Anekdoten prasseln nur so auf uns nieder. Als "Hardcore-Fan" des Kiez-Klubs bezeichnet der Neununddreißigjährige sich. Versuchen Sie erst gar nicht, während eines Heimspiels einen Termin bei Gösta zu bekommen. Das hat keinen Sinn. Was sind schon die paar Euro Honorar gegen den Stammplatz auf den Stehrängen samt der selbstgemachten riesigen Fahne - so viel Freiheit muss sein. Die schmucke Arena des Lokalrivalen Hamburger SV ist bei Gösta übrigens nie Teil der Laufstrecke: "Gegen die Ehre", aber auch "zu weit draußen", lautet die Erklärung. Gösta bietet auf seiner Homepage drei verschiedene Routen durch Hamburg an, aber er baut auch Wünsche seiner Gäste mit in die Tour ein. Sogar unterwegs lässt sich die Route auf Zuruf ändern.

Tempo ist kein Thema

Unverhofft biegt Gösta in eine graffitibesprayte Garageneinfahrt. Zum Vorschein kommt eine Gasse mit uralten kleinen Häuschen, eng an eng. "Die Erstbebauung von St. Pauli", erklärt er lächelnd, als ob ihm der Besuch hier selbst jedes Mal seelisches Wohlgefühl bereiten würde. "Die sind von sechzehnhundertdrei . . . äh nein." Mit den genauen Jahreszahlen hat es Gösta nicht so. Aber gerade das macht ihn sympathisch, dass er keine auswendig gelernten Informationen herunterrattert, an den bedeutsamen Stellen nicht einfach sein Sprüchlein anknipst. Es gibt wohl keine bessere Ausbildung als Touristenführer als ein langjähriger Job als Fahrradkurier: Hamburg ist sein Revier. Dazu schiebt Gösta noch Nachtdienste in einem Pflegeheim. Das Touristjogging ist sein Drittjob.

Weiter geht es im lockeren Laufschritt Richtung Innenstadt. Angenehm, dass das Tempo nie Thema ist: Gösta macht einfach, hat das richtige Gespür. Und die Fähigkeit, wirklich an jeder Ecke eine informative Anekdote oder anekdotisch erzählte Informationen parat zu haben. An vielen Stellen und Orten kann die Joggingtour aber nur ein Appetithappen, ein erster Eindruck sein. "Viele Leute sagen: Mensch, hier gehe ich morgen aber noch mal mit meinem Fotoapparat hin", sagt Gösta. Unverhofft zählt er mitten auf der Straße einen Countdown runter, bei null angekommen, sagt er feierlich: "Jetzt haben wir die alte Hamburger Stadtgrenze überschritten." Während unsere Fragen seltener und kurzatmiger werden, wirkt Gösta so angestrengt wie wir beim sonntäglichen Brötchenholen. "Bei mir hält jeder mit", verspricht er. Nur einmal sei er gescheitert: Beim Touristjogging mit einer österreichischen Thekenfußballmannschaft. Die Ersten hätten schon auf dem Weg von Binnenalster zum Rathaus schlappgemacht, der Rest hätte schon in der Speicherstadt wieder Bier trinken müssen. Aber umgekehrt wird auch Gösta mit jedem seiner Gäste mithalten können. Seit dem Jahr 1991 hat er erst drei Mal den Hamburg Marathon verpasst, und einmal nur, weil er gleichzeitig den in Kopenhagen gelaufen ist. Alle paar Jahre nimmt er in Frankreich an einem verrückten Radrennen teil: 1248 Kilometer, siebenundachtzig Stunden radeln. "Der Schlafentzug ist ein gutes Training für meine Nachtdienste im Pflegeheim", sagt er. Beim Touristjogging musste Gösta dagegen noch nicht an seine Grenzen gehen; das ist auch daran abzulesen, dass noch kein Gast die Möglichkeit wahrgenommen hat, die vierhundertdreiundfünfzig Stufen im Hamburger Michel hinaufzuhüpfen.

Immer in Bewegung bleiben

Im Zickzackkurs umschwirren wir die Menschen vor Alsterarkaden und Rathaus. Das glitschige Kopfsteinpflaster kann uns nichts anhaben. Stehenbleiben widerstrebt Gösta. Immer in Bewegung bleiben, wenn auch langsam, lautet sein Motto. Die Pontons, diese sich dem Wasserspiegel anpassenden Schwimmkörper, machen seltsame Geräusche, wenn man auf ihnen herumtrabt. Erhaben verteidigen die herrlichen Bauten an der Deichstraße ihre Plätze direkt am Nikolaifleet. Es ist das letzte erhaltene Ensemble von althamburgischen Bürgerhäusern. Gösta erklärt im Laufschritt Ladeluken, Flaschenzug und Kontor. Im Haus Nummer 25 brach im Jahr 1842 der Große Hamburger Brand aus. Wieder aufgebaut steht es dort und tut ganz unschuldig, als sei nichts gewesen. Über die Speicherstadt laufen wir in Richtung Hafencity. Gösta redet aus der Sicht des seine Stadt liebenden Hamburgers: "Wie kann man nur" oder "Da fasse ich mir an den Kopf", sagt er an Stellen, an denen das alte Hamburg wie die verbliebenen Reste der Gängeviertel immer weiter von der neuen Stadtarchitektur zurückgedrängt werden. Projekte wie die neue Hafencity sind nicht Göstas Welt.

Plötzlich verlangsamt er das Tempo. Na, haben wir ihn müde gelaufen, mutmaßen wir für eine Millisekunde. Gösta wendet sich nach links, deutet nach vorne und strahlt: "Das ist Deutschlands nördlichster Weinberg." Tatsächlich stehen dort ein paar kümmerliche Reben mit Blick auf die Landungsbrücken. Die Graffitisprayer haben sich nur bis an den Rand des Betonfundaments gewagt. Jetzt aber zurück nach St. Pauli, es ist noch ein ganz schönes Stück zu laufen. Ein bisschen tun die Füße schon weh.

Information: Touristjogging wird in mehreren deutschen Städten angeboten. Hamburgtouren bei Göta Dreise können unter der Telefonnummer: 0163/1738780 gebucht werden, im Internet: www.touristjogging.de. In Münster bietet der Veranstalter Stadtlupe Touristjogging an, im Internet: www.stadt-lupe.de. Durch Freiburg läuft man mit Freiburg aktiv, im Internet: www.freiburg-aktiv.de/sight-jogging.htm. In Berlin können Touren bei Sightjogging gebucht werden, im Internet: www.sightjogging-berlin.de.



Text: F.A.Z.

 
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