Von Martin Dziersk
24. Oktober 2004 Nur zwei Bilder hatte sie verkauft, als sie 1907, wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter, einer Embolie erlag. Paula Modersohn-Becker starb früh. Sie war gerade einunddreißig Jahre alt. Doch sie hinterließ mehr als tausend Zeichnungen und rund siebenhundert Gemälde. Portraits ausgezehrter Moorbauern und Abbilder einer schwermütigen Landschaft sind darunter, die sie so beschrieb: "Versunkene-Glocke-Stimmung. Birken, Kiefern, alte Weiden. Braunes Wasser. Die Kanäle mit schwarzen Spiegelungen, die Hamme mit dunklen Segeln . . ."
Mit einer Postkutsche war Paula Becker 1897 nach Worpswede gekommen. Sie war nicht die erste, die fasziniert ist von dem kleinen Dorf am Rande des Teufelsmoors, nördlich von Bremen. Fritz Mackensen, der 1884, als junger Düsseldorfer Kunststudent, einen Sommerurlaub in Worpswede verbrachte, und sein Freund Fritz Overbeck sind geradezu besessen von der Idee, in Norddeutschland eine Künstlerkolonie nach dem Vorbild der französischen Landschaftsmaler von Barbizon zu schaffen. Zu ihnen gesellt sich bald auch der Jugendstilmaler Heinrich Vogeler, ein Genie an Vielseitigkeit: Er entwirft Bestecke und Geschirr, Möbel und Schmuck, tritt auch als Architekt hervor, schmückt die Ratsräume des Bremer Rathauses mit Fresken und illustriert die Bücher seiner dichtenden Zeitgenossen - von Rainer Maria Rilke bis zum irischen Exzentriker Oscar Wilde.
Mittelpunkt der Künstlergarde
Von seinem väterlichen Erbe hat sich Vogeler eine alte Bauernkate am Ortsrand Worpswedes gekauft, die er zu seinem Domizil ausbaut, einem eleganten, prächtigen Atelierhaus - dem Barkenhoff. Prominente Gäste gehen ein und aus: zum Beispiel der Dramatiker und spätere Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, die Dichter Richard Dehmel und Otto Bierbaum, der Regisseur Max Reinhardt. Denn schnell ist die "Insel", wie Vogeler seinen Barkenhoff nennt, zum Mittelpunkt einer jungen Künstlergarde geworden, die dem Expressionismus zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine realistische Stimmungsmalerei entgegensetzen will.
Unterstützung findet sie bei einem Dichter, der auf Einladung Heinrich Vogelers 1900 erstmals nach Worpswede kommt, fünfundzwanzig Jahre jung und gerade am Anfang seines Dichterruhms. Er hat in Prag studiert, in Florenz die Bilder von Botticelli bewundert und in Rußland mit Maxim Gorkij und dem großen Leo Tolstoi über Kunst und Literatur, Christentum und Revolution diskutiert. Und nun spazierte er, wie ein russischer Großfürst verkleidet, durch das unscheinbare Dorf am Rande des Teufelsmoores - im grünen Russenkittel und mit roten Tatarenstiefeln: Rainer Maria Rilke.
Eine Vorahnung
Nur eine kurze Stippvisite soll es werden. Doch er bleibt zwei Jahre in Worpswede - fasziniert von der Landschaft und den Künstlern, die sich zu ihr hingezogen fühlen. "Es ist ein seltsames Land", schreibt er. "Wenn man auf dem kleinen Sandberg von Worpswede steht, kann man es ringsum ausgebreitet sehen, ähnlich jenen Bauerntüchern, die auf dunklem Grund Ecken tief leuchtender Blumen zeigen. Flach liegt es da, fast ohne Falte, und die Wege und Wasserläufe führen weit in den Horizont hinein. Dort beginnt ein Himmel von unbeschreiblicher Veränderlichkeit und Größe . . ."
Einer jedoch verfolgt die Entwicklung Worpswedes mit Skepsis: Otto Modersohn. Der schwerfällige Westfale, seit 1901 mit Paula Becker verheiratet, haßt nichts mehr als die modische Oberflächlichkeit des Kunstbetriebes. "In Worpswede kann man nur noch mit der Pistole malen gehen", erklärt er verbittert. 1907, kurz nach dem Tode Paula Beckers, siedelt er in das stille Nachbardorf Fischerhude über, wo er in der Bredenau zwischen den Wiesen und Weiden am Flüßchen Wümme ein großes Grundstück erwirbt. Hier befindet sich seit dem Jahr 1974 ein Museum mit Bildern Paula Beckers und Otto Modersohns. Hatte er damals schon geahnt, was auf Worpswede zukommen würde? Rund hundert Jahre nach seiner Entdeckung ist das einstige Bauerndorf nämlich zu einem norddeutschen Mekka des Kunsttourismus geworden. Rund 5000 Gäste besuchen täglich den Ort, der nur halb so viele Einwohner zählt. In Scharen ziehen sie von Galerie zu Galerie, von Museum zu Museum. Romantisch verklärt von den Erinnerungen an die vielen Künstler von Worpswede, auf deren Spuren sich so gut wandeln läßt.
Die Moorbauern sind verschwunden
Otto Modersohn hätte wohl auch der Finger weniger am Pinsel als am Abzug gejuckt, hätte er noch miterlebt, wie geschickt das Örtchen sein Image von Malerei und Moor vermarktet - mit Ausstellungen, Wanderungen im Teufelsmoor und Kunstspaziergängen. Daneben gedeihen Kitsch und Kunst: Läden für Bildkarten und Druckgrafik wechseln sich ab mit Boutiquen und Shops für Souvenirs und Modeschmuck.
Gewiß: Ein Künstlerdorf ist Worpswede immer noch, leben doch heute wieder mehr als 150 "Kunstschaffende" in dem Ort - Bildhauer, Fotografen und Grafiker eingeschlossen. Doch Paula Modersohn-Becker würde den Ort nicht wiedererkennen. Die Katen der Moorbauern sind noblen Villen Bremer Kaufleute gewichen, und auf dem großen Parkplatz vor der Kunsthalle, gleich gegenüber dem einstigen Modersohn-Haus, drängen sich an jedem Wochenende die Touristenbusse.
Zeitlose Stimmung
Entfliehen kann man dem Trubel nur in Richtung Teufelsmoor, vorbei am Worpsweder Jugendstil-Bahnhof, den Heinrich Vogeler (wer sonst?) Anfang der zwanziger Jahre entworfen hat. Die kleine Bahnlinie nach Bremen ist inzwischen stillgelegt, der nostalgische Moor-Expreß nur noch eine Touristenattraktion für das Sommerwochenende, im Wartesaal ist heute ein Speiserestaurant untergebracht - eingerichtet mit Möbeln aus der Werkstatt Vogelers.
Auf den Wiesen am Flüßchen Hamme wiegt sich Wollgras im Sommerwind. Teichrosen, Sumpfdotterblumen und Sonnentau blühen neben dem dunklen Moorwasser. An der holländischen Klappbrücke am Gasthof "Neu-Helgoland" lassen Paddler ihre Boote zu Wasser, gleich daneben hat ein Maler seine Staffelei aufgebaut. Die zu langen Reihen aufgeschichteten Torfsoden sind selten geworden, die Moorkähne mit ihren schwarzen Segeln längst abgewrackt. Und doch ist hier immer noch etwas von jener melancholisch-herben Stimmung zu spüren, die Paula Modersohn-Becker und ihre Freunde so faszinierte.
Worpswede bietet viele Programme für einen Kurzurlaub oder ein verlängertes Wochenende, von Kunstführungen und Moorwanderungen bis zu Radtouren und Ausflugsfahrten auf traditionellen Torfkähnen. Diese Pauschalangebote inklusive zwei Übernachtungen im Hotel, Begrüßungssekt, Abendessen und Eintrittskarten für die Worpsweder Museen beginnen ab etwa 150 Euro.
Auskünfte erteilt die Worpsweder Touristik- und Kulturmarketing GmbH, Bergstraße 13, 27726 Worpswede, Telefon 04792/950121, Fax 04792/950123, im Netz unter www.worpswede.de, E-Mail: info@worpswede.de.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.10.2004, Nr. 43 / Seite V2
Bildmaterial: Worpsweder Touristik GmbH