Von Dieter Hoß
09. November 2007 Es ist kein Zufall, dass die aktuelle Mondsonde der japanischen Raumfahrtbehörde Jaxa Kaguya heißt. Der Name ist einer der wohl ältesten japanischen Erzählungen entnommen. Die Geschichte der Prinzessin Kaguya aus dem zehnten Jahrhundert ist auch als Legende von der Mondprinzessin bekannt. Gemeinsam sind dem Raumgefährt und der Märchenfigur, dass sie von der Erde zum Mond gelangten. Anders als die Sonde stammt die Prinzessin jedoch ursprünglich von Luna. Dafür ist der Satellit ist keine Fiktion und umkreist in diesen Tagen tatsächlich den einzigen Begleiter der Erde. Kaguya wird durchaus nicht die letzte Sonde ihrer Art sein, denn die Wirtschafts- und Raumfahrtnationen sind längst in ein Wettrennen um den Mond eingetreten, der eine Zukunft als Forschungsstandort und Rohstoffquelle haben soll.
Angesichts dessen fühlt es sich für Japan gut an, derzeit die nach eigener Einschätzung aufwendigste und ehrgeizigste Mondmission seit dem amerikanischen Apollo-Programm Ende der sechziger Jahre vorweisen zu können. Die 355 Millionen Euro teure Projekt hat nun erstmals aufhorchen lassen. Mit Hilfe hochauflösender Kameras an Bord sind spektakuläre bewegte Bilder entstanden - wohl die ersten, seit der letzte Apollo-Astronaut Ende 1972 die Oberfläche des Erdbegleiters verlassen hat. Denn der europäische Mondorbiter Smart-1 lieferte vor zwei Jahren lediglich Fotos, die zu Animationen kombiniert wurden.
2008 Entscheidung über deutsche Mission
Die aktuellen Video-Aufnahmen der Jaxa entstanden aus rund 100 Kilometern Höhe in Zusammenarbeit mit dem japanischen Fernsehen NHC in HDTV (high definition television), dem Zukunftsformat des Fernsehens, und sind daher von bestechender Qualität. Gezeigt werden zwei ruhige Gleitflüge über den Nordpol des Mondes und über eine Region, die Meer der Stürme genannt wird. Dabei handelt es sich um eine von der Erde leicht mit bloßem Auge erkennbare riesige Fläche, die von basaltigem Magma überzogen, daher vergleichsweise eben ist und dadurch dunkel erscheint. Deutlich zerklüfteter ist dagegen die Nordpolregion. Diese Aufnahmen sind auch deshalb besonders interessant, weil sie zum Teil von der dunklen, der Erde stets abgewandten Seite stammen.
Ein ganzes Jahr lang will Japan die Kaguya-Mission betreiben. Das Land positioniert sich auf diese Weise im Rennen um den Mond vor den asiatischen Konkurrenten China und Indien, aber auch vor den Vereinigten Staaten und Russland. Deutschland will sich ebenfalls seinen Platz sichern. Anfang kommenden Jahres wird die Bundesregierung nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums über eine unbemannte deutsche Mondmission entscheiden. Voraussichtlich 2012 könnte nach jetzigen Vorstellungen eine deutsche Sonde auf eine Umlaufbahn um den Erdtrabanten einschwenken. Bis zu 350 Millionen Euro sollen für eine vier Jahre andauernde Mission eingeplant werden. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte gar ein unbemanntes Forschungslabor auf dem Mond abgesetzt werden. Ein solches Labor oder einen Orbiter kann die deutsche Raumfahrtindustrie ohne weiteres bauen.
Gold, Titan und Helium-3 locken
Die Alleingänge der Raumfahrtnationen zeigen, dass bei allen Beteuerungen, die Herausforderungen der Raumfahrt seien nur gemeinsam zu bewältigen, sehr wohl Konkurrenz herrscht. Anders als der Betrieb der Internationalen Raumstation ISS oder geplanter Flüge zum Mars scheint der nur 385.000 Kilometer entfernte Mond ein erreichbares Ziel zu sein. Seit geraumer Zeit schon wird über einen denkbaren Abbau von Rohstoffen nachgedacht und nach Wegen gesucht, diesen wirtschaftlich zu machen. Experten halten dies durchaus für möglich. Bei den Gedankenspielen geht es vor allem um das im Mondgestein gebundene Gas Helium-3, das als geeigneter Brennstoff für künftige Kernfusionskraftwerke gilt. Helium-3 kommt auf der Erde praktisch nicht vor. Gold, Platin und besonders Titan, der Werkstoff der Zukunft, gehören ebenfalls zum schier märchenhaften Reichtum an Bodenschätzen, die es zu heben gilt. Mondprinzessin Kaguya, so scheint es, erlebt derzeit ihre letzten ruhigen Tage.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Jaxa/NHK