04. April 2008 Für die europäische Raumfahrt hat eine neue Ära begonnen: Mit dem Andocken des ersten Frachters made in Europe an der International Raumstation ISS hat sich der Kontinent am Donnerstag einen unabhängigen Einstieg in die bemannte Raumfahrt verschafft. Plangemäß um 16.52 Uhr legte Jules Verne an der Raumstation an, gut drei Wochen nach dem Start mit einer Ariane-Rakete. Die Realität hat unsere Träume eingeholt, schwärmte der Chef der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, Jean-Jacques Dordain.
Es war das erste automatische Andockmanöver für die Esa: Von einem Lasersystem gesteuert, näherte sich der fliegende Lastwagen Zentimeter für Zentimeter dem russischen Swesda-Modul der ISS - bei einer gemeinsamen Reisegeschwindigkeit von rund 28.000 Kilometern in der Stunde und in 340 Kilometer Höhe über dem Mittelmeer. Um 16.45 Uhr wurde die Andockspitze vom Greifmechanismus der ISS erfasst; mit dem Einrasten der Haken sieben Minuten später war die Mission perfekt erfüllt.
Hauptversorger der ISS
Über einen der größten Momente der europäischen Raumfahrt, jubelte Esa-Managerin Elena Grifoni-Winters in der Zentrale in Paris, wohin die Bilder live übertragen wurden und wo die Champagnerkorken knallten. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos erklärte in Berlin, mit dem geglückten Andockmanöver habe Deutschland abermals seine Stellung unter den weltweit führenden Raumfahrtnationen behauptet.
Mit dem Frachter Jules Verne etabliert sich die Esa endgültig zum unverzichtbaren Partner für die ISS. Mit seiner Nutzlast von 7,5 Tonnen wird das High-Tech-Transportsystem der zentraler Pfeiler für die Versorgung des Außenpostens der Menschheit im All, wenn die Nasa ihre Shuttle-Flotte in zwei Jahren einstellen wird, was schon beschlossene Sache ist (siehe auch: Raumfrachter Jules Verne: Mehr Mitbestimmung im All).
Ein Ende als Luxus-Mülltonne
Der Frachter liefert Nahrung, Wasser, Sauerstoff und Treibstoff. Bei der Premiere waren auch zwei Originalmanuskripte des Autors Jules Verne und eine bebilderte Version seines Romans Von der Erde zum Mond aus dem 19. Jahrhundert an Bord. Der zehn Meter lange und 20 Tonnen schwere Frachter war am 9. März mit einer Ariane-5 vom Weltraumbahnhof in Französisch-Guyana ins All gestartet. Seitdem raste der Zylinder hinter der ISS her, die spektakuläre Verfolgungsjagd war für aufmerksame Beobachter in den vergangenen Tagen am Himmel zu sehen.
Der Frachter wird der Esa zufolge etwa vier Monate lang mit der ISS verbunden bleiben und mit seinem Triebwerk die Raumstation auf eine höhere Umlaufbahn führen. Dann endet das Automatische Transferfahrzeug (ATV) als Luxus-Mülltonne: Die Astronauten beladen ihn mit allem, was sie nicht mehr brauchen, bevor er abgekoppelt wird und in der Atmosphäre verglüht.
Vier weitere Flüge geplant
Von 2010 bis 2013 sind schon die vier nächsten ATV-Flüge geplant, die Baukosten pro Fahrzeug liegen bei 350 Millionen Euro. Der Transport und die vor 13 Jahren beschlossene Entwicklung der ersten Mission haben die Esa und ihre Partner 1,3 Milliarden Euro gekostet.
Nach dem Andocken des Columbus-Forschungsmoduls im Februar ist Jules Verne der zweite Durchbruch für die Europäer. Esa-Chef Dordain will noch weiter durchstarten: Wir werden jetzt mit der Vorbereitung der Exploration des Sonnensystems beginnen, erklärte er im Kontrollzentrum in Toulouse. In den kommenden Wochen werde erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Verfahren zur Einstellung neuer europäischer Astronauten gestartet.
FAZ.NET mit Material von AP, Esa
Text: FAZ.NET mit Material von AP
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Esa
