FAZ.NET-Spezial „Discovery“-Flug

Zurück aus dem Weltraum

Von Günter Paul

Die “Discovery“ auf dem Luftwaffenstützpunkt Edwards

Die "Discovery" auf dem Luftwaffenstützpunkt Edwards

10. August 2005 Bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa gibt man sich glücklich und erleichtert. Die Raumfähre Discovery steht wieder sicher auf dem Erdboden, den Astronauten geht es gut - was das wichtigste ist -, und damit scheint den Vereinigten Staaten nach fast zweieinhalb Jahren Abstinenz die lang ersehnte Rückkehr zu eigenen bemannten Flügen in den Weltraum geglückt zu sein.

Doch die positive Bilanz täuscht. Hinter den Kulissen hat es in der Nasa große Spannungen gegeben, welche die Fortsetzung der Flüge zur Internationalen Raumstation und die späteren bemannten Weltraummissionen belasten könnten. Der Nasa-Administrator Griffin hatte den Flug der Discovery genehmigt, obwohl eine unabhängige Kommission darauf hingewiesen hatte, daß noch nicht alle Sicherheitsauflagen für die Wiederaufnahme der Shuttle-Flüge erfüllt waren. Aus seiner Sicht hatte Griffin gute Gründe für seinen Entschluß. In der bemannten Raumfahrt läßt sich das Risiko für die Astronauten nicht restlos ausschalten. Hätte er länger gewartet - und die Verzögerung hätte noch Monate dauern können -, wäre das Risiko nicht wesentlich verringert worden. Dafür wäre Griffin unter starken politischen Druck geraten.

Bushs Politik versus „die absolute Sicherheit der Astronauten“

Präsident Bush hatte in seiner Rede, in der er die Rückkehr von Astronauten zum Mond und spätere bemannte Flüge zum Mars gefordert hatte, das Ende der Shuttle-Flüge für das Jahr 2010 angekündigt. Bis dahin sollte die Raumstation gemäß internationaler Verpflichtungen zu Ende gebaut werden. Schon vor Wochen hatte Griffin signalisiert, daß dieses Ziel nicht erreicht werden könne. Die Zahl der möglichen Shuttle-Flüge bis 2010 reiche dafür nicht aus. Hätte er die Mission der Discovery um Monate verschoben, wären die Vorstellungen Bushs vollständig zur Illusion geworden. Der Präsident hätte es ihm wohl nicht gedankt.

In der Nasa gibt es aber offenkundig starke Strömungen, der Politik Bushs die „absolute“ Sicherheit der Astronauten entgegenzusetzen. Als bald nach dem Abheben der Discovery Isolationsmaterial vom Tank abbrach und auf die Hitzekacheln der Raumfähre fiel - das war der Columbia und ihrer Besatzung am 1. Februar 2003 zum Verhängnis geworden, galt vorher allerdings nicht als besonderes Risiko -, regte sich Widerstand. Recht deutlich - und für Griffin peinlich - äußerte sich ein Nasa-Direktor öffentlich, die Discovery hätte nicht starten dürfen.

Hilfe aus Rußland nötig

Wohl unter dem Eindruck heftiger interner Kritik ordnete Griffin an, die Flüge weiterer Raumfähren auszusetzen. Wäre der Schaden an der Discovery größer gewesen, wären die sieben Astronauten an Bord dadurch in eine ernste Lage geraten. Denn sie hätten zwar zunächst in der Raumstation bleiben können, aber rasche Hilfe von der Erde wäre nicht in Sicht gewesen. Die Nahrungsmittel hätten vermutlich nicht gereicht, die Raumfahrer zu ernähren, bis russische Sojus-Raumschiffe sie hätten abholen können.

Jetzt stellt sich für Griffin die Frage, die ihn schon vor der Discovery-Mission bewegt hat, noch dringlicher: Wie soll es in der bemannten amerikanischen Raumfahrt weitergehen? Muß er dem Präsidenten jetzt klarmachen, daß dessen zeitliche Vorstellungen nicht zu verwirklichen sind? Daß mit den Raumfähren wie seit Anfang 2003 noch nicht einmal die Mannschaften in der Internationalen Raumstation ausgewechselt werden können? Kann wenigstens für diesen Zweck Rußland mit Sojus-Raumschiffen einspringen?

Bemannte Flüge zum Mond und Mars

Was so einfach zu sein scheint - Rußland übernimmt weiterhin den Mannschaftstransport -, ist in Wirklichkeit ein politisch heißes Eisen. Denn die Abmachungen über den gegenseitigen Transport, die bislang noch gelten, laufen demnächst aus. Dann müßte die Nasa für die Flüge ihrer Astronauten Sojus-Raumschiffe in Moskau kaufen. Dem stehen aber amerikanische Gesetze entgegen. Hochwertige Technik dürfen die Amerikaner nicht in Staaten erwerben, die Nichtnuklearstaaten für nukleare Zwecke zu nutzendes Material liefern. Ein solches Geschäft gibt es aber zwischen Rußland und Iran. Bush müßte also eine Ausnahme machen, was seiner Glaubwürdigkeit nicht gerade förderlich ist.

Und wie sieht es mit den Plänen des Präsidenten für bemannte Flüge zum Mond und zum Mars aus? Das Risiko solcher Missionen ist sicherlich nicht geringer als jenes der Shuttle-Flüge. Sollte sich Europa, würde ihm das angeboten, an den Plänen beteiligen angesichts der Meinungsverschiedenheiten in der Nasa, die schnell zu Verwerfungen mit unabsehbaren Folgen führen könnten?

Mit welchen Vehikeln geht es weiter?

Bei der Nasa scheint sich die „Mond und Mars“-Rede von Bush bislang nur - negativ - auf die laufenden bemannten und unbemannten Weltraummissionen ausgewirkt zu haben. Vorhaben geraten in Bedrängnis, weil die finanziellen Mittel umverteilt werden müssen. Wie ein Nachfolger der Raumfähren aussehen soll - die Frage stellt sich seit vielen Jahren -, mit welchen Vehikeln man weiter in den Weltraum hinaus fliegen soll, das weiß niemand zu sagen. Für die Nachfolge der Raumfähren hat es schon viele, zum Teil originelle Ideen gegeben, zum Beispiel Raketen-Raumschiffe, die zur Erde zurückkehren und dabei auf ihrem Heck landen. Sie wurden alle verworfen.

Wenn die bekanntgewordenen Berichte stimmen, dann scheint man an eine Rakete auf der Basis von Shuttle-Elementen zu denken: eine große Version für den Materialtransport mit den Ausmaßen der Apollo-Rakete Saturn V und eine kleine Rakete für den Mannschaftstransport mit Kapseln auf der Spitze ähnlich den damaligen Gemini- und Apollo-Kapseln. Damit wäre man nach dem Experiment mit den Raumfähren wieder zurück in der Vergangenheit.

Text: F.A.Z., Seite 1, vom 10. August 2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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