Von Günter Paul
26. Juni 2008 Sterne gelten als vergleichsweise einfache Wesen. Nach den herkömmlichen Vorstellungen hängen ihre physikalischen Eigenschaften wie Größe, Temperatur und Leuchtkraft samt deren Entwicklung nur von ihrer Masse und ihrer chemischen Beschaffenheit ab. Nach den jüngsten Beobachtungen einer amerikanisch-schottischen Forschergruppe scheint das aber nicht immer zuzutreffen. Sie hat ein Doppelsternsystem identifiziert, dessen Komponenten sich eigentlich wie eineiige Zwillinge gleichen sollten. Stattdessen weisen die beiden Himmelskörper wesentliche Unterschiede auf.
Die Wissenschaftler waren auf das Doppelsternsystem Par 1802 gestoßen, als sie Objekte im 1500 Lichtjahre von uns entfernten Orionnebel studierten, der eine ergiebige Quelle neuer Sterne darstellt. Die beiden Sterne des Systems bewegen sich derart umeinander, dass sie sich - von der Erde aus gesehen - immer wieder gegenseitig bedecken. Dadurch lassen sich einige ihrer Kenndaten zuverlässig ermitteln.
Eine Lebenserwartung von 50 Milliarden Jahren
Es hat sich herausgestellt, dass jede der beiden Komponenten 0,41 Sonnenmassen hat, wobei die Unsicherheit lediglich zwei Prozent beträgt. Da sie sich aus ein und derselben Materiewolke gebildet haben, sollten sie auch chemisch identisch und daher wahrhaftige Zwillinge sein. Den astronomischen Modellen zufolge sind die Sterne eine Million Jahre alt - extrem jung, zumal, wenn man den Wert mit ihrer Lebenserwartung von 50 Milliarden Jahren vergleicht.
Die genauere Analyse der mit dem Hobby-Eberly-Teleskop in Texas gewonnenen Spektren ergab zur Überraschung der Forscher, dass sich die beiden Objekte beträchtlich voneinander unterscheiden. Die Leuchtkraft des einen der beiden Sterne ist nur halb so groß wie die des anderen, und der Temperaturunterschied beträgt rund 300 Grad, was ungefähr zehn Prozent entspricht.
Einer der beiden Sterne eine halbe Million Jahre jünger?
Einem vorläufigen Ergebnis zufolge scheint auch bei den Durchmessern eine Differenz zu bestehen, die fünf bis zehn Prozent betrüge, wie die Forscher in der Zeitschrift Nature (Bd. 453, S. 1079) berichten.
Am einfachsten ließen sich die Unterschiede nach Meinung der Forscher durch die Annahme erklären, dass einer der beiden Sterne eine halbe Million Jahre jünger ist als der andere - eine Differenz, die nur in extrem jungen Doppelsternsystemen festzustellen wäre. Sollte sich die Annahme als richtig erweisen, müssten die Modelle der stellaren Entwicklung in Doppelsternsystemen entsprechend geändert werden. Bei diesen Modellen wird automatisch unterstellt, dass die beiden Komponenten eines Systems gleichzeitig geboren worden sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Nebel:NASA-JPL/HST;Einspiegelung:David James
